Der deutsche Fußball steht seit einigen Jahren mustergültig für die hervorragende Ausbildung des nationalen Nachwuchses und erntete spätestens 2014 mit dem Gewinn des WM-Titels die Lorbeeren der täglichen, gewissenhaften Arbeit in den Nachwuchsleistungszentren der Republik. Eine fußballerische Ausbildung die bereits bei Kindern im Grundschulalter beginnt, bestenfalls ausgerichtet auf die Entwicklung und Suche nach den Bundesliga-Spielern von morgen, bei denen schon in dieser Altersstufe der Spagat zwischen Schule und dem Traum einer möglichen Profikarriere unter einen Hut gebracht werden muss, bei denen die meisten Kinder aber auch sicherlich auf der Strecke bleiben werden. Wir waren für euch bei einem U10-Leistungsvergleich in Duisburg, wo Profivereine wie Borussia Dortmund, MSV Duisburg, aber auch Arminia Bielefeld und Co. testeten und betrachten für euch im heutigen Artikel, welche Konzepte die dortigen Profivereine in diesem Altersbereich verfolgen, ob der neue Marco Reus zu finden war und wie sich ein kleiner Bezirksliga-Verein aus Duisburg mit überraschend professionellen Strukturen und Bedingungen im Konzert der Großen behaupten will.

Der Geruch der Bratwurst duftet über das Hans-Werner-Gerlach-Stadion, der Kunstrasenplatz von Tura 88 ist gepflegt, die Sonne scheint und die zirka 100-150 Eltern und Verwandte warten erwartungsvoll auf den Auftritt ihrer Sprösslinge. Perfekte Rahmenbedingungen also für einen Leistungsvergleich von einigen U10-Mannschaften um kurz vor dem Saisonstart eine Standortbestimmung vornehmen zu können. Eine Standortbestimmung mit großer Bedeutung, sodass die Nachfrage der Vereine groß war und Tura-88 Jugendleiter Veli Atmaca über 30 interessierten Teams absagen musste.

In 15-minütigen Spielen gegen jeden der anderen sechs Teilnehmer auf der Querbreite des Platzes stehen nun die 9-10 jährigen Kinder komplett in Teammontur auf dem Platz und blinzelt man kurz, sieht man die Spieler von morgen auf dem Platz stehen, die sich einerseits zwischen ersten taktischen Anweisungen mit den Ligakonkurrenten messen müssen, aber andererseits vor Spielanpfiff noch den Kuss der Mutter abholen.

MSV Duisburg

Anfangs macht sich der MSV Duisburg gegen Ausrichter Tura 88 bereit und es ist interessant diese Spiele zu betrachten, bei der sich zwar der MSV mit 2:0 durchsetzt, aber sich der Nachwuchs der Mannschaft vom Kammerberg überraschend ebenwürdig zeigte. Allgemein zeigen sich hier schon das überraschend positive taktische Niveau für diese Altersklasse bei der der Abwehrchef der Zebras, Yann Tella Abanda mit gutem Stellungsspiel hervorsticht. Bei den Zebras befinden sich die U10-Spieler gerade in der Grundlagenphase des Nachwuchskonzeptes, bei denen vor den deutlich intesiveren Aufbaubereich und Leistungsbereich in späteren Altersklassen noch Varibilität an erster Stelle steht und ein entwicklungsorientierter Ansatz an der Tagesordnung steht. In dieser Grundlagenphase zwischen der U9 und der U11 werden in drei Teilen des Trainings (Aufwärmen, Spielformen, Auslaufen) erste Grundlagen der Technik, Taktik und Kondition von Trainer Sekerciouglu gelegt, bei der Betreuerin und Physiotherapeutin Boixander-Buch immer auch ein Auge auf die Gesundheit der Kinder legt. Neben der fußballerischen Ausbildung, bei der jeder Spieler in jedem Spiel eingesetzt wird, wird außerdem besonders auf schulischen Erfolg großen Wert gelegt. MSV-Betreuerin Boixander-Buch: „Wir wollen keinen neuen Lothar Matthäus, sondern die Spieler sollen gute schulische Bildung genießen, da es nicht für jeden Spieler zum Profifussballer reichen wird“. Stimmt also der schulische Erfolg nicht, werden mithilfe der Kooperation mit der Gesamtschule Meiderich Förderkonzepte entworfen, bei der nach den 3 Trainingseinheiten in der Woche und dem darauf folgenden gemeinsamen Essen noch Förderunterricht auf dem Stundenplan der Kinder steht.

Die ersten Spiele sind gerade beendet und am Seitenrand machen sich schon die Teams der kommenden Spiele bereit, bei der besonders auffällt, dass zwar bei allen Teams ausführliche Aufwärmprogramme abgespult werden, aber die Kinder auch Kinder sein dürfen und auch mit ihren Familien Zeit verbringen können und auch offen und neugierig zu Gesprächen kommen. Insgesamt herrscht eine entspannte, freundliche Atmosphäre auf und neben dem Platz und der Tura-Jugendleiter sagt nun die nächsten Partien per Mikrofon an.

Borussia Dortmund

Mit dem Spiel gegen Rot-Weiß Essen machen sich nun die Nachwuchskicker des BVB bereit auf ihren Einsatz und vorher schwärmen mir einige Spieler von Dortmund von ihren interessanten Turnieren in Rotterdam, Wien oder bald in Turin vor, aber auch von ihren Erlebnissen in den Sommerferien mit ihren Familien. Borussia Dortmund zeigt direkt ein von pressing-geprägtes Spiel, sowie einem routinierten Spielaufbau bei der Spielmacher Emir Aydin und Stürmwühler Sebastian Grecu mit Torgefahr, Technik und guten Laufwegen hervorstechen, aber auch Torhüter Robin Lisowski mit einigen Paraden für den Unterschied gegen den Essener Nachwuchs sorgt. Bei Borussia Dortmund wird ebenfalls 3 Mal die Woche trainiert und dabei besonders auf die pädagogische Ausbildung (Entwicklung der Persönlichkeit,Bewegungsabläufe, Taktik, etc.), der Förderung der Kognitionen (Aufmerksamkeit, Erinnerung), der individuellen Belastung und Beanspruchung sowie dem Gesundheitsmanagement gesteigerten Wert gelegt. Wie beim MSV Duisurg wird national gescoutet und Spieler wie Sturmspitze Luc Dabrowski pendelt drei Mal pro Woche die ca.100 Kilometer von Paderborn zum Training, um sich in den 3×20 minütigen Spielen der Bundesliga mit den stärksten Jugendvereinen wie Köln,Bochum und Schalke wöchentlich messen zu können. Vater Aydin „Der BVB kümmert sich wirklich hervorragend um unsere Jungs, achtet aber trotz den vielen Turnieren in Deutschland und Europa, auch auf die Schulnoten“. Man kooperiert mit Schulen, aber auch der Ruhruni Bochum im sogenannten „coach the coach“-Programm, bei der sich Sportpsychologen mit Trainer Giovanni Lito austauschen und das Training professionalisieren, was Lito als „sehr hilfreiches Angebot“ einschätzt. Diese Arbeit trägt Früchte, sodass sich bei den Kindern ein positiver Wettbewerb entwickelt, wo nichts von Bildungsprokrastination zu spüren ist, sondern Grecu und Dabrowski stolz von ihren Einsen berichten.

Arminia Bielefeld

Nun sind schon einige Spiele gespielt und die Mittagssonne scheint erbarmungslos auf die Köpfe der Spieler, jedoch bleibt Kondition, Engagement und Spielspaß weiter aufrecht und es wird beherzt zusammen gescherzt, aber auch mit den Trainern im Kreis der Mannschaft die Spiele analysiert, teilweise auch mit Videounterstützung, wie beispielsweise bei Arminia Bielefeld, die mit dem starken Torhüter Timo und seinem blendenden Stellungsspiel im 1 zu 1 und ihren kleinen, wuseligen Angreifern in der Offensivabteilung durchaus bestechen, allerdings in der Defensivabteilung gegen die Topteams aus Dortmund und dem MSV Lehrgeld bezahlen. Mit Teamgeist, Kameradschaft, sowie der vollkommenen Fokussierung auf die jeweilige charakteristische individuelle technische Entwicklung mit beiden Füßen, versucht man trotz der Teilnahme in der Kreisliga und nicht höheren Ligen hier die Grundlagen zu setzen und erst später die taktischen Grundlagen zu legen.

Tura 88

Die letzten Spiele des heutigen Tages stehen an, der BVB und MSV liefern sich einen Kampf um den Gesamtsieg, aber auch das Team von Tura 88 besticht im Duell mit Bayer Uerdingen und einem deutlichen 4:0 Sieg und zeigt vielversprechende Talente und mannschaftliche Geschlossenheit in ihren Reihen. Allgemein Tura 88, ein für den auswärtigen Fußball-Fan unbekannten Bezirksliga-Verein aus Duisburg-Neudorf spielt beherzt meist auf Augenhöhe im Konzert der großen Teams mit, welches beeindruckt und im Gesamtklassement später für einen 5.Platz reicht. Jugendleiter Veli Atmaca versucht mit professionellen Strukturen im sozialen, sportlichen und organisatorischen Bereich in Zukunft Schritt für Schritt alle Teams in der Niederrhein-Liga zu etablieren, aber bei allem Spaß auch einen leistungsbezogenen Stil aufzubauen, bei der man durch ein raffiniertes Scouting-Netzwerk der jeweiligen Trainer, als auch mit einem vorbildlichen Herantreten bei interessanten Spielern an gegnerische Vereine herantritt und Spieler für das Projekt am Kammerberg begeistert. Dieses vorbildliche Agieren ist längst nicht bei allen Vereinen in diesem Turnier Tagesordnung, da man bei einigen Teams den offiziellen Weg vermeidet und direkt Eltern und Spieler kontaktiert und einen Wechsel schmackhaft macht. Atmaca: „Wir haben einen Einzugsraum von bis zu 300 Kilometer und unser Ziel ist es, unsere Talente bestmöglich auszubilden und in unsere erste Männermannschaft zu bringen“. Ein lobenswertes Ziel, bei der allerdings auch die Konkurrenz vom MSV, Uerdingen und sogar Gladbach häufiger in die Karten spielt. Für Tura sind diese Leistungsvergleiche trotzdem Gold wert als Leistungsbestimmung und man kommt gerne nach Neudorf, sodass bereits 70 Bewerbungen auf dem Smartphone von Atmaca eingingen um beim internationalen Leistungsvergleich im Oktober dabei sein zu können, wo Kaliber wie Schalke, Leverkusen, Genk und andere renommierte Mannschaften warten.

Fazit

Die letzten Spiele sind gespielt, der BVB gewinnt gegen Herne und der MSV gewinnt gegen Bielefeld jeweils 2:0 und die Kinder beginnen zu rechnen und zu überlegen, wer nun den großen Pokal bei der Siegerehrung mitnehmen kann. Der BVB macht aufgrund des besseren Torverhältnisses knapp das Rennen und die Kinder jubeln ausgelassen wie die „Großen“ und lassen sich stolz mit Pokal unter epochaler „We are the champions“-Musik im Halbkreis ihrer Mannschaft  fotografieren. Veli Atmaca und die jeweiligen Trainer blicken zufrieden drein und sind dankbar für die neuen Erkenntnisse und schönen Gespräche und Erfahrungen des Tages. Einige Spieler wie der Duisburger Defensivmann Yann Tella-Abenda , die Bielefelder und Dortmunder Torhüter Timo und Robin, sowie die Essener und besonders die Bielefelder und Dortmunder Offensivreihe um Crecu, Aydin und Co. wussten mit verschiedenen Stärken und Charakteristika ihres Spiels zu überzeugen, aber von einem neuen Reus zu reden, wäre nicht angemessen, da es noch Kinder sind und der Spaß am Spiel im Vordergrund stehen sollte und steht. Vielleicht schafft es einer in den Profibereich, vielleicht schafft es keiner – eines ist sicher: Der deutsche Juniorenfußball bietet mit ihren diversen Konzepten eine bestmögliche Grundlage um auch in Zukunft an sportliche Erfolge anzuknüpfen und dabei bieten diese Leistungsvergleiche die besten Bedingungen.

Der Grill mit den Bratwürsten ist nun auch aus, die Spieler und Eltern fahren allesamt zufrieden nachhause und warten sicherlich schon auf das nächste Turnier – der nächste Schritt auf dem Traum zum Fußballprofi.

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