Nächster Halt: Champions League! Das vergangene Wochenende kann getrost als Leipziger Weichenstellung für die neue Spielzeit gesehen werden. Auf der einen Seite hat man sich in der Tabelle in eine äußerst komfortable Situation gebracht. Der eigene Last-Minute-Sieg gegen Leverkusen tut doppelt gut, wenn man auf die Dortmunder und Hoffenheimer Pleiten schaut. Das Punktepolster verspricht einen Platz in der Beletage Europas im nächsten Sommer. Nur ein unvorhergesehener Leistungseinbruch kann dem Durchmarsch noch einen Strich durch die Rechnung machen.

Auf der anderen Seite hat man mit den Personalplanungen für die Saison 2017/18 begonnen. Mit Yvon Mvogo sichert man sich die Dienste eines der größten Torwarttalente der Schweiz, der trotzdem bereits über reichlich Erfahrung besitzt. Die Leipziger reagieren damit auf ihre qualitativ unterbesetzteste Position im Kader und entfachen frühzeitig einen Konkurrenzkampf um den Platz des Stammtorhüters. Doch kann Mvogo in die aktuelle Phalanx Schweizer Stammtorhüter in der Bundesliga vordringen?

Jung, aber erfahren

Für einen 22-Jährigen liest sich die Vita Mvogos bisher überaus beeindruckend. Stammtorhüter wurde er im Dezember 2013 mit gerade einmal 19 Jahren und behauptet seither einen Platz zwischen den Pfosten der Young Boys aus Bern. Seit seinem Debüt bringt er es auf 116 Einsätze in der höchsten Spielklasse unseres Nachbarlandes, der Super League, davon insgesamt 30 zu Null. Dazu kommen 25 internationale Einsätze in Champions League-Qualifikation und der Europa League. Der in Yaoundé, Kamerun, geborene Torhüter durchlief außerdem seit der U15 sämtliche Auswahlmannschaften der Eidgenossen und weist aktuell 14 U21-Einsätze auf. Dass man auch in der A-Mannschaft mit ihm plant, wird daran deutlich, dass er bereits dreimal von Nationaltrainer Vladimir Petkovic berufen worden ist. Die Erwartungshaltung ist in den letzten Jahren dementsprechend gestiegen, sein Wechsel schien seit Längerem nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Konkretes Interesse bestand unter anderem beim SC Freiburg, die ihn gerne zum designierten Nachfolger Alexander Schwolows ernannt hätten. Die Mischung aus Jugend und Erfahrung hat Yvon Mvogo zu einem Lieblingsziel für finanziell stärker aufgestellte Vereine mit Torhüterproblemen gemacht. Doch ehe vor allem Premier League Vereine Angebote hinterlegen konnten, schlug Ralf Rangnick mit einem Angebot zwischen fünf und fünfeinhalb Millionen Euro zu. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass Alter, Erfahrung und Preis prädestiniert waren für einen Wechsel zu RB.

Ein offensiver Torhüter

„Yvon ist ein reaktionsschneller Torwart mit offensivem Stellungsspiel und sehr guter Athletik.“ Ralf Rangnicks Beschreibung des Neuzugangs überrascht mit der Titulierung „offensiv“. Während die meisten Fußballfans wahrscheinlich Manuel Neuers Libero-Glanzstück beim WM-Achtelfinale gegen Algerien vor Augen haben werden, sollte man bei Mvogo nicht von einem derart stürmenden Torhüter ausgehen. Rangnick bezieht sich eher auf die proaktive Interpretation des Torwartspiels, die Mvogo tatsächlich auszeichnet.

Dieser schafft es durch seine ausgeprägte Strafraumbeherrschung, Bälle frühzeitig abzufangen, um Gegenangriffe ebenso schnell einzuleiten. Der 22-Jähirge konnte sich so als Initiator zahlreicher Angriffe der Youngs Boys etablieren, sei es nach Flanken oder auch bei festgehaltenen Torschüssen. Grundlage für diese Hoheit im 16er ist die ebenfalls angesprochene Athletik des Schlussmannes. Obwohl die physischen Grunddaten je nach Quelle schwanken (Größe zwischen 1,86m und 1,90m bei einem Gewicht von 84-90kg), ist seine bullige Erscheinung ein enormer Pluspunkt. Zusammengeführt mit einem schnellen Antritt und kompromisslosem Anlaufen heranstürmender Angreifer, übt er enormen Druck auf Gegner aus. Seine Athletik zeigt sich außerdem bei seinen Reflexen. Blitzschnelles Abtauchen bei flachen Abschlüssen oder spektakuläre Flüge durch die Luft, Mvogo kann hier das volle Repertoire aufbieten, um Stürmer zur Verzweiflung zu treiben. Ein weiteres Merkmal des 22-Jährigen sind außerdem seine extrovertierten Ausbrüche nach erfolgreichen Paraden. Becker-Faust, Kahn’sche Rüttler oder ein wackelnder Zeigefinger à la Jens Lehmann, auch das Torhüter-Karaoke beherrscht Mvogo aus dem Eff-Eff.

Es bleiben Fragezeichen

Fragezeichen bleiben jedoch bei seinen „defensiven“ Qualitäten, um den Bogen zu Ende zu spannen. Trotz toller Reaktionsgabe und starken Paraden, hat es der Schweizer bisher noch nicht beweisen können, dass er einen Laden wirklich zusammenhalten kann. 38 Gegentore in 27 Spielen (ca. 1,4/Spiel) in einer maximal durchschnittlichen Liga sind eine ausbaufähige Quote. Die Abwehr mag mit- oder hauptschuldig sein, doch Mvogo ist beispielsweise in Eins-gegen-Eins-Situationen zu leicht schlagbar, wenn sein Timing einmal mehr beim Herauslaufen nicht passt. Seine Spielweise führt damit auch dazu, dass er unglücklich aussieht, wenn er einem Ball durch den Strafraum hinterherlaufen oder -schauen muss. Er zeigt sich auch beim Mitspielen mit der Abwehr sehr unsicher und weist eine schwache Quote bei langen Bällen auf. Man könnte jedoch von kalkulierten Schwächen sprechen, die ihn weiterhin als RB-geeignet charakterisieren. Denn weder pflegen die Leipziger ein ausgeprägtes Aufbauspiel über den Torhüter, noch wollen sie einen konservativen Torhüter für ihren befreienden Offensivfußball.

Bislang war eben diese Torwart-Position im Leipziger Kader von ungewöhnlicher Transfer-Armut heimgesucht. Mit Peter Gulacsi hat man einen Torhüter in seinen Reihen, der sehr unspektakulär daherkommt, mit seinen Fähigkeiten aber absolut ins System passt. Auch ihn zeichnen seine Ausflüge, Reflexe und seine schnellen Spieleröffnungen aus. Dass der Ungar, der (endlich) den ewigen Gabor Kiraly als Nationaltorhüter beerbt hat, seinen Platz räumen wird, kann getrost ausgeschlossen werden. Es darf von einem offenen Zweikampf ausgegangen werden, den sich Mvogo und Gulacsi liefern werden. Schließlich gibt es mit Ralph Hasenhüttl einen Trainer, der bereits in der letzten Saison in Ingolstadt einen eben solchen Kampf hat austragen lassen. Rotationen und wettbewerbsbedingte Wechsel zwischen den Pfosten sind daher wahrscheinlich, gerade bei einer Dreifachbelastung.

Die Zeichen stehen gut

Yvon Mvogo hat sich in den letzten Jahren in der Schweiz und auf europäischer Bühne bewiesen und ist trotz jungen Alters bereit für den nächsten Karriereschritt in der Bundesliga. Dieser Meinung ist nicht nur die TK-Redaktion, sondern auch der Berner Sportchef und Eintracht-Legende Christoph Spycher. Dieser begrüßt die durchdachte Karriereplanung des jungen Schweizers und verspricht der Bundesliga eine große Bereicherung. Geht Mvogo seinen Weg weiter wie in der Super League, sollte er Gulacsi im Tor der Leipziger verdrängen können. Das sportliche Gesamtpaket und die extrovertierte Außendarstellung sind wie gemacht für die RB-Elf. Wenn Hasenhüttl und Rangnick ihrer Linie treu bleiben, sollte dem neusten Schweizer Stammtorhüter in der Bundesliga nichts im Weg stehen. Und wer weiß, ob Mvogo dann auch bald Yann Sommer und Roman Bürki in der Nationalmannschaft gefährlich werden kann. Stand heute wäre er der einzige der drei, der sicher in der kommenden Saison in der Champions League vertreten ist. Ob das auf der Bank oder auf dem Spielfeld sein wird, das liegt einzig in den Händen des Neu-Bullen.

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