Nagelsmann und Co.: Junge Typen ohne bemerkenswerte Profivergangenheit mischen seit einiger Zeit den Trainermarkt gehörig auf. Simon Nüssli ist einer von Ihnen: Der Co-Trainer des FC Thun und Cheftrainer der dortigen U21, in einer ,,zur größten Wahrscheinlichkeit einzigartigen Funktion“, hat den Sprung noch nicht ganz geschafft. Doch er ist zuversichtlich, hat er doch ein Erfolgsgeheimnis, wie er im Interview erzählt.

Hallo Herr Nüssli, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen. Bei unserem ersten Kontakt waren Sie überrascht und haben sich gefragt, warum Sie ein interessanter Interviewgast wären – gehört es zum Selbstverständnis eines werdenden Profitrainers, bescheiden zu sein?

Kann sein. Die Frage habe ich mir so bis jetzt noch nie gestellt. Ich verstehe meine Arbeit als Dienstleister um die Spieler, respektive die Mannschaft weiter zu bringen. Und da geht es sicherlich nicht um mich!

Man findet im Netz nicht viel über Sie, auf der Website des FC Thun liest man unter ihrem Profil: “Bisherige Vereine: -“. Erzählen Sie doch mal: Wo waren Sie, bevor Sie in Thun aufkreuzten und wie kam es zum dortigen Engagement?

Ich habe das Trainer-ABC von der Pike auf gelernt. Ich bin auf der jüngsten Juniorenspitzenfussballstufe (U12) beim BSC Young Boys eingestiegen, da ich auch in der Nähe wohne. Nach drei Jahren bin ich zum Projekt ‚Team Bern-West‘, auch im Juniorenspitzenfussball auf dem Platz Bern, gewechselt, da ich dort die Möglichkeit bekam die Trainer A-Lizenz zu erwerben. Ich habe die Lizenz übrigens im gleichen Kurs wie Martin (Mainz-Trainer Schmidt, Red.) gemacht. Nach weiteren drei Jahren beim Team Bern-West kam dann eine Anfrage aus Thun. Sie boten mir eine 50%-Stelle als U14 Trainer im Juniorenspitzenfussball. Auf Grund meiner geleisteten Arbeit (ein Jahr als U14-Trainer / ein Jahr als U15-Trainer / ein Jahr als U18 Trainer) hat mich der Verein entsprechend nachgezogen und mich anschließend zu 100% angestellt.

Sie sind seit über zwei Jahren gleichzeitig Cheftrainer der U21 und Co-Trainer des Super League-Teams. Wie kriegen Sie beides unter einen Hut?

Der FC Thun ist auf Grund der Wirtschaftlichkeit gezwungen mit bescheidenen Mitteln jede Saison erneut in der höchsten Liga zu bestehen. Da liegt es auf der Hand, dass wir auch den Weg gehen, eigene Nachwuchsspieler in der 1.Mannschaft zu integrieren. Diese Funktion, die ich beim FC Thun ausüben darf, ist mit größter Wahrscheinlichkeit einzigartig. Diese Schnittstellenposition bringt für den Verein viele Vorteile mit sich. Eine Verschmelzung der beiden höchsten Mannschaften ist gewährleistet. In der Tat ist es logischerweise auch eine große Herausforderung. Es braucht ein funktionierendes Zusammenspiel innerhalb des Staffs. Jeder ist sich seiner Aufgaben bewusst. Dann braucht es entsprechendes Organisationstalent, Antizipation und Erkennen der Prioritäten.

Welchem Team fühlen Sie sich mehr zugehörig?

Da diese Nähe zwischen den beiden Teams existiert, stellt sich diese Frage nicht.

Ist die U21 in Thun eine Talentschmiede oder mehr Auffangbecken für die, die es nicht in die ersten Mannschaft schaffen?

Auf der Stufe U21 wird der junge Spieler auf den letzten und schwierigsten Schritt vorbereitet! Wir leben die Spiel- und Trainingsphilosophie analog der 1.Mannschaft. Dies macht eine Integration in die Profimannschaft realistischer. Was uns in kurzer Vergangenheit auch bereits einige Male gelungen ist. Von daher klar: Talentschmiede!

Gibt es einen in dieser Mannschaft von dem Sie sagen: Der wird Mal ein ganz Großer?

Ja!

Wer denn?

Ich möchte hier keine Namen nennen. Jedenfalls freuen wir uns auf die Zukunft, da wir den einen oder anderen ungeschliffenen Diamanten in unseren Reihen haben.

In den letzten zwei Jahren haben Sie unter anderem unter Urs Fischer gearbeitet – zweifelsohne ein Charakterkopf, der mittlerweile in Basel etabliert ist. Ein Vorbild?

Unter anderem war es damals auch Urs Fischer, der sich für mich stark gemacht hat. Da habe ich ihm sicherlich auch viel zu verdanken. In diesem intensiven Jahr unter Urs konnte ich unheimlich viel lernen und mich persönlich weiterentwickeln.

Von der U21 des FC Thun startete als Trainer einst auch Martin Schmidt, vielleicht der unkonventionellste Trainer der Bundesliga zu Mainz 05 durch und ist mittlerweile ein gefragter Mann im Business. Braucht es dieses kleine Bisschen Wahnsinn, um im Haifischbecken Trainergeschäft aufzusteigen?

Gut möglich! Jedenfalls braucht es sicherlich ein gesundes Umfeld und einen top funktionierenden Staff.

2006 erschütterte der “Sex-Skandal“, wie er im Medienkanon betiltet wurde, den FC Thun. Später wurden ähnliche Vorwürfe für das Jahr 2005 laut. Bei der großen Anzahl an involvierten Spielern ist es fast schon verwunderlich, dass man wieder zurück in die Spur fand. Sind die Auswirkungen noch heute spürbar?

Die Vorkommnisse damals lösten beim FC Thun ein Umdenken aus und sensibilisierten den Klub für die Gefahren des Fussballbusiness. Es wurden Strukturen geschaffen, die verhindern sollen, dass sich solche Vorfälle wiederholen können. Mit «FC Thun macht Schule» wurde ein Projekt ins Leben gerufen, das zum Ziel hatte, besonders auch Nachwuchsfussballer in Kursen und sozialen Einsätzen zu schulen und weiterzubilden. In den vergangenen zehn Jahren wurde dieses Projekt immer wie wichtiger für den FC Thun, so dass dieses im vergangenen Sommer unter dem Label «Engagement» offiziell in die Klub-Strukturen aufgenommen wurde. Der FC Thun genießt mittlerweilen schweizweit den Ruf eines verantwortungsvollen, sympathischen und umsichtigen Fußballklubs.

Zurück zum Sportlichen: Welcher Trainertyp sind Sie, Herr Nüssli? Kommen Sie wie Schmidt sehr über Ihre Ausstrahlung oder definieren Sie sich nur durch Ihr sportliches Konzept?

Sowohl als auch. Für mich ist es entscheidend, dass sich der jeweilige Spieler wohlfühlt. Druck und Konkurrenz ist für die Spieler auf dieser Stufe ein ständiger Begleiter. Ich glaube an die Stärken meiner Spieler. Aber klar ist, dass wir auf dem Platz unsere Prinzipien umsetzen wollen.

Wie lassen Sie denn spielen? Gibt es Vorbilder? Oder gibt es den unverkennbaren Nüssli-Stil?

Ich halte mich an unsere Spielphilosophie, mit der ich mich entsprechend identifiziere!

Der taktische Charakter eines Trainers wird oft sehr gut sichtbar, wenn man ihn nach einem zentralen Mittelfeldspieler fragt, den er gerne im Team hätte. Wer wäre das?

Natürlich leuchten mir die Augen, wenn ich früher einem Xavi oder einem Iniesta zuschauen konnte!

Mit 41 Jahren sind Sie für einen Trainer noch jung – vor einigen Jahren hätte man gesagt: Sehr jung. Mittlerweile stehlen Youngsters wie Julian Nagelsmann den erfahrenen Trainern die Show: Sind Geschichten wie seine mehr Ansporn oder Druck für Sie? Immerhin sind Sie seit zwei Jahren kurz vorm Durchbruch, wie es scheint.

Mein Erfolgsgeheimnis war, dass ich mir nie selber Druck gemacht und den nächsten Schritt geplant habe. Ich habe lediglich mit 100% Engagement, Gewissenhaftigkeit und Herzblut meinen Trainerjob unabhängig der Stufe ausgeübt. Türen öffnen sich immer…

Diese Frage muss jetzt kommen: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

…ich bin auch gespannt welche Türen sich öffnen werden!

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