Erinnert man sich zurück an den venezoelanischen Zuckerfuß Juan Arango, dann kommt dem geneigten Fußballliebhaber vor allem eins in den Sinn: seine kunstvollen Distanzschüsse und nahezu unhaltbaren Freistöße. Seitdem Juan Arango aufgrund seines fortgeschrittenen Alters der Fohlenelf den Rücken gekehrt hat und nun in Mexiko kickt, gab es viele Anwärter auf den Posten als Thronfolger: allen voran Maestro Raffael, gefolgt von Thorgan Hazard und Ibrahima Traoré. Allesamt werden sie gemeinhin als “Standardexperten” beschrieben, treffen allerdings zu selten in das gegnerische Tor, um dieses Prädikat wirklich zu verdienen. Dies könnte sich mit der Verpflichtung von Freiburgs Vincenzo Grifo ändern: sowohl in Freiburg als auch auf seinen vorherigen Etappen hat der gebürtige Pforzheimer seine Stärken am ruhenden Ball eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Eine Tatsache, die neben Cheftrainer Dieter Hecking, vor allem auch seinen Co-Trainer Dirk Bremser freuen dürfte. Doch Grifo ist mehr als nur Kunstschütze. Was ihn auszeichnet und wie er in das Spiel der Gladbacher Mannschaft passt, analysiert Transferkritiker im Folgenden.

Liebe zum Fußball seit Kindertagen

Vincenzo Grifo wird 1993 im schwäbischen Pforzheim geboren, seine Karriere startet zunächst vergleichsweise spät. Der Sohn sizilianischer Eltern spielte in der A-Jugend noch beim Provinzklub 1. CfR Pforzheim während Talente seiner Altersklasse wie bspw. Sonny Kittel und Nico Schulz bereits höherklassige Erfahrungen sammeln. Grifo hingegen spielt sich bis dato weder in das Blickfeld diverser U-Nationalteams noch scheint sein Name auf den Notizblöcken der Scouts namenhafter Teams aufzutauchen. In seiner Jugend entsprechen seine fußballerischen Erfahrungen fast schon gängigen Klischees: der Fußball, mit dem er verspielt den Weg zur Schule entlang dribbelt, wird sein ständiger Begleiter – sein älterer Bruder Francesco nimmt Vincenzo zudem mitsamt seinen älteren Spielgenossen mit in den “Käfig”. Hier, im eingezäunten Hartgummicourt, in dem Technik auf engstem Raum, Kurzpassspiel und Durchsetzungsfähigkeit gegen körperlich robustere Gegenspieler gleichzusetzen sind mit Erfolg, verfeinert Grifo seine Spielweise zusätzlich zum Mannschaftstraining. Von Mitschülern laut eigener Aussage als „fußballbesessen“ abgestempelt, brauchte es für Grifo nur das richtige Ventil und eine Chance, sein ganzes Können unter Beweis zu stellen.

Die harte zusätzliche Arbeit, durch die er sich technisch und körperlich steigerte, mündete nicht zuletzt in 53 (!) Grifo-Toren, mit denen er Pforzheim zur A-Jugend Verbandsmeisterschaft schoss. Als Grifo den Karlsruher SC im Halbfinale quasi im Alleingang abschießt, haben dessen Scouts ihn schon als Neuzugang auserkoren. Nach Gewinn der Meisterschaft wechselt Grifo in die Jugend des KSC, ein Jahr später folgt der Wechsel in die aufstrebende Hoffenheimer U23, er wird für die U20 des italienischen Nationalteams berufen. Erneut muss sich Grifo beweisen: in Hoffenheim kann er sich auch aufgrund der starken Konkurrenzsituation der im Jugendbereich exzellent ausgerichteten Sinsheimer nicht durchsetzen, gelangt über ein Intermezzo in Dresden zum FSV Frankfurt. Hier, in der zweiten Liga, gelingt Grifo schließlich der Durchbruch und sein Ruf als ausgewiesener Vorbereiter wird geboren. Obgleich er schon in Frankfurt starke Statistiken aufweist, entwickelt er sich mit seinem Wechsel 2015 unter Christian Streich in Freiburg nochmals weiter: mit 14 Toren und 15 Vorlagen, Top-Scorer der zweiten Bundesliga, besitzt Grifo große Aktien im Aufstiegsjahr des SC Freiburg. Auch in der vergangenen Saison verlieh er der Mannschaft aus dem Breisgau, die sich taktisch zwar immer mehr von der Abhängigkeit des linken Flügelspielers emanzipierten, Gerüst und Form. Nun schließt sich Grifo der Elf vom Niederrhein an: vom Käfig in das ähnlich anmutende, metallische Gestell des Borussia-Parks. Eine wegweisende Entscheidung?

Der Mann mit dem Adlerauge und dem Zauberfuß

Wenn Grifo künftig mit der Trikotnummer 32 für Gladbach auflaufen wird, dann wird er aller Voraussicht nach wie gewohnt auch die linke Seite bekleiden. Hier ist das Team von Dieter Hecking eigentlich nur mit Mr. Polyvalenz Fabian Johnson besetzt, mit dem Grifo sich wohl einen interessanten Konkurrenzkampf liefern wird. Denkbar ist jedoch auch, dass Johnson auf der Rechtsverteidigerposition gebraucht wird, sodass Grifo links vorne gesetzt sein könnte. In jedem Fall bringt der große Fan der Serie A Qualitäten mit, die dem Gladbacher Spiel momentan fehlen: neben seiner Dynamik im Umschaltspiel, welche Grifo in seiner letzten Saison in Freiburg perfektioniert hat, ist er vor allem mit einer Spielübersicht gesegnet, die der Offensive, ob in einem 4-4-2, 4-3-3, 4-2-3-1 oder 3-5-2 (all diese Systeme werden für die neue Saison gehandelt) zu Gute kommen wird. Wenn die Fohlen in der letzten Saison teilweise zu kompliziert gespielt haben und es allzu oft nicht verstanden haben, sich in aussichtsreiche Positionen zu bringen, so versteht es Grifo, seine Mitspieler in diese Positionen zu hieven. Sein Passspiel, meist von der linken Seite horizontal an den Sechzehner oder ins Halbfeld, wirkt geradlinig und zielstrebig, was ihm in letzter Konsequenz über 60 direkte Torschussvorlagen in dieser Saison einbringt. Seine eigenen Dribblings wirken in der Offensivbewegung durchdacht, nur selten verzettelt sich Grifo – durch seine ausgefeilte Technik versteht er es, auf engstem Raum Lösungen zu kreieren. Mit gesundem Temperament gesegnet, präsentiert er sich in direkten Duellen durchsetzungsstark, zieht manchmal in direkten Laufduellen gegen schnelle Verteidiger jedoch den kürzeren. Grifo verkörpert, durch die Taktikschule Streichs herausgebildet, ein sauberes Kombinationsspiel, welches im Zusammenspiel mit der Gladbacher Offensive erneut auf ein nächstes Niveau gehoben werden kann. All diese Qualitäten machen ihn auch für eine zentrale Position bspw. auf der Zehn prädestiniert.

Grifo wird durch seine Spielweise einigen Schwächen, die im Gladbacher Saisonverlauf aufgedeckt wurden, zumindest teilweise beheben können. Eine dieser Schwächen ist das Flankenspiel in den Sechzehnmeterraum. Zwar hat sich die Gladbacher Spielweise unter Coach Dieter Hecking schon dahingehend verändert, dass mehr von außen in die Box gespielt wird, die Fohlenelf schlägt ligaweit jedoch die zweit wenigsten Flanken (235). Paradoxerweise flankt nur Freiburg noch weniger an und in den Strafraum. Die Konsequenz: Gladbachs Tore entwickeln sich hauptsächlich aus der Mitte heraus. Mit nur 9 Toren, die über die linke Seite vorbereitet wurden (Rang 12), erhofft man sich hier durch Grifo erneuten Schwung. Gleiches gilt für Torschüsse aus dem Mittelfeld (164, Rang 16), die Grifo selbst im Repertoire hat, aber auch andere Mitspieler in Abschlusspositionen bringen kann. Nicht zuletzt ist dort seine Torgefahr bei direkten Freistößen, die Abhilfe bei diesem Defizit schaffen soll – in der letzten Saison verwandelten die Gladbacher nur einen einzigen Freistoß direkt (Rang 17).

Schwächen offenbart der gebürtige Pforzheimer vor allem in der defensiven Verbundsleistung, in der er sich deutlich steigern muss. Auf der linken offensiven Position schafft es Fabian Johnson durch seine Balance in der Taktung zwischen Offensive und Defensive immer wieder, in die Räume hinter den offensiv ausgerichteten Linksverteidigern um Oscar Wendt und Nico Schulz zurück zu fallen, wenn diese nach vorne stoßen. Hier wird es darauf ankommen, dass Grifo sich an diese Schlüsseleigenschaften der Position gewöhnt. Im defensiven Zweikampf muss Grifo geschickter agieren und die Räume schon im Mittelfeld besser zustellen, die Gegenspieler früher unter Druck setzen. Gelingt ihm dies, kann er auf der Position vorne links einige Baustellen der Gladbacher Elf schließen.

Bremser und ein entfesselter Grifo?

Seitdem Dieter Hecking und Co-Trainer Dirk Bremser, ausgewiesener Standardexperte, im Borussia-Park das Zepter führen, haben sich die ruhenden Bälle der Gladbacher zu einer Waffe entwickelt. Dies fand seinen Höhenpunkt im Rückspiel der EuroLeague Partie gegen den AC Florenz, in der alle Tore nach Standardsituationen erzielt worden sind. Dirk Bremser, maßgeblich verantwortlich für die neu gewonnene Raffinesse der Gladbacher bei Eckbällen und Freistößen, hat neue Varianten einstudiert, die durch Grifo sicher noch um einiges unberechenbarer werden. Mit der Verpflichtung des neuen Fohlens werden zumindest auf dem Papier augenscheinlich viele Baustellen geschlossen. Grifo wird sich jedoch auch in das bestehende Mannschaftsgefüge und die taktische Ausrichtung einfinden müssen. Alles in allem gelingt Max Eberl nach der Verpflichtung von Max Kruse erneut ein Ausstiegsklausel-Coup: zwischen fünf und sechs Millionen Euro überweist der Sportdirektor an seine Kollegen in Freiburg. Für dieses vergleichsweise kleine Geld verspricht sich der Transfer durchaus bezahlt zu machen.

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