Wenn es so einfach wäre im Fußball, dass man sich gute Spieler kauft und der Erfolg setzt sich automatisch ein, dann bräuchte man Seiten wie „Transferkritiker.de“ nicht. Aber das Problem ist: Fußball ist zwar ein simples Spiel verglichen mit Cricket, Baseball oder American Football. Aber eine Mannschaft erfolgreich über die Saison zu bringen – das kann ganz schön kompliziert werden.

Roger Schmidt musste dies in den vergangenen Monaten in Leverkusen schmerzlich erfahren. Eine Menge hatte man sich vorgenommen, doch bislang ist eher wenig dabei heraus gekommen.

Fangen wir mit einem großen Problem an: Von Tin Jedvaj über Ömer Toprak bis hin zu Roberto Hilbert und Lars Bender waren zu viele Stammspieler mehr oder weniger lange verletzt. Dabei fehlte nicht nur deren fußballerische Klasse, es fehlte ebenso eine Menge an Routine, die im Fußball ja nicht unwichtig ist. Zu den Verletzten kamen ja auch Abgänge wie Stefan Reinartz, Gonzalo Castro, Simon Rolfes und Emir Spahic – das ist geballte Routine, die dir während eines knappen Spiels schon einmal sehr gut helfen kann.

Ob die Verletzungen der Hauptgrund waren? Man weiß es nicht. Was man weiß: Obwohl die Neuzugänge Jonathan Tah, Kevin Kampl, Admir Mehmedi und Chicharito sehr gut einschlugen, enttäuscht Leverkusen bisher. In der Champions League gelang nur ein Sieg in fünf Spielen, jetzt droht das Aus im Spiel gegen den FC Barcelona. In der Bundesliga steht Bayer auf Platz sechs, aber das Team sammelte lediglich 21 Zähler und kann von Glück sagen, dass auch die anderen Mannschaften nicht zuverlässig punkteten. Allerdings: Bedenkt man, dass Hauptkonkurrent Mönchengladbach nach fünf Spielen null Zähler hatte und nun 23, dann erkennt man die klaffende Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Statt diesen Fehlstart des Gegners zu bestrafen, hinkt man hinterher. „Wir müssen eine Serie starten“, sagen die Hauptdarsteller von Sportdirektor Rudi Völler über Towart Bernd Leno bishin zu Verteidiger Roberto Hilbert jede Woche. Aber immer kommt etwas dazwsichen. Bayer gewann nicht einmal drei Pflichtspiele in Serie.

Wie solch ein Kader sich so schwer tun kann gegen Gegner wie Darmstadt (0:1), Borisov (1:1), Augsburg (1:1) oder Köln (1:2), ist vielen ein Rätsel. Das 4-4-2-System von Roger Schmidt lahmt mal defensiv, dann wieder offensiv. Es scheint, als hätten die einzelnen Mannschaftsteile Probleme, aneinander zu koppeln. Dabei ist gerade diese „Schwarmbewegung“ – wie Schmidt sie nennt – wichtig für seinen Fußball. Wie Fische im Meer sollen die Spieler immer in Richtung des Balles gehen. Angefangen bei den Stürmern, weiter über die offensiven Mittelfeldspieler und die Außenverteidiger, dann die Sechser, schließlich die Innenverteidiger. Dadurch wollte man Druck auf den Gegner ausüben, ihn zu Fehlern in der eigenen Hälfte verleiten und den kurzen Weg zum gegnerischen Tor nutzen. Eine schöne Theorie, die im Alltag nur selten klappte. Tore wie gegen die Frankfurter Eintracht, als Kampl 30 Meter vor dem Kasten gegen Medojevic den Ball gewann, sind selten geworden.

Das Offensivkonzept lahmt. Chicharito trifft zwar regelmäßig, könnte aber mehr am Spiel teilnehmen. Bellarabi ist oft zu eigensinnig, Mehmedi zu schwankend in der Leistung und Calhanoglu nur ein Schatten seiner selbst. Auf Kießling wird immer weniger gebaut, Brandt stagniert. Kampl spielt ein Zwischending als Sechser, Achter und Zehner, fehlt manchmal in der Rückwärtsbewegung oder wird für Ballverluste sofort bestraft (wie beim 0:1 in Rom), als Dzeko gegen weit aufgerückte Innenverteidiger perfekt konterte.

Das Durchsichern der Defensive klappt nicht, weil die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu groß sind, es gibt zu wenig „Miteinander“ auf dem Platz und zu viel „jeder macht, was er will“. Das aber schwächt den Fußball, den Roger Schmidt spielen lassen will, total.

Deshalb steht Bayer da, wo es steht. Dass man personell nachlegt, scheint unwahrscheinlich. Möglicherweise wird es im Sommer größere Einschnitte geben. Gehandelt werden Spieler wie Max Meyer (Schalke) oder Daniel Didavi (Stuttgart), die beide als Ersatz für Calhanoglu dienen könnten, den man möglicherweise abgeben wird. Der Blitztransfer von Heung-Min Son (der übrigens nicht ersetzt werden konnte) zeigte, wie schnell das gehen kann, wenn die Ablöse stimmt.

Wenn zur Winterpause der Abstand auf Platz drei nicht größer geworden ist, kann Bayer noch einmal angreifen. Man sollte die Vorbereitung nutzen, um ein schlüssiges Spielkonzept für diesen Kader zu finden. Es bringt ja wenig, ein System spielen zu lassen, das die Profis nicht beherrschen. Ohne Eier und Mehl kann ich ja auch keine Weihnachtsplätzchen backen.

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