Es gab Zeiten, in denen war es ein leichtes, die Transfers des 1.FC Köln resümierend zusammenzufassen. Zeiten, in welchen die Einkaufspolitik der Kölner gerade einmal zwei verschiedenen Mustern zu folgen schien. Muster eins: Man überzog das Girokonto bei der Kölner Sparkasse bis zum Anschlag, verpfändete Haus und Hof inklusive Geißbock Hennes, kaufte mit dem Erlös Lukas Podolski und stieg am Saisonende ab. Muster zwei: Man verkaufte Lukas Podolski, tilgte die Schulden, die man durch den Kauf von Lukas Podolski angehäuft hatte und stieg am Saisonende ab. Immerhin: Lukas Podolski wurde regelmäßig mit einem Blumenstrauß verabschiedet, besuchte wann immer es ging die FC-Spiele und sang gemeinsam mit den Fans die FC-Hymne. Karneval und Folklore – gemäß dem kölschen Grundgesetz gestalteten sich dann auch die Transferaktivitäten. Ett hätt noch immer jot jejange.

Dass heutzutage kein Vereinsverantwortlicher mehr im Geißbockheim sitzt und das Vereinsvermögen mit beiden Händen wie Kamelle aus dem Fenster schmeißt, liegt vornehmlich an zwei Personen: Zum einen Peter Stöger, der nicht müde wird zu betonen, dass er zufrieden sei mit dem, was er an Spielermaterial habe und dieses durch die tägliche Trainingsarbeit stetig weiterentwickelt. Zum anderen natürlich der Manager, Jörg Schmadtke, eine der wohl am besten vernetzten Personen in der deutschen Eliteliga. Wie in Hannover hat er auch in Köln bereits seine Fähigkeit unter Beweis gestellt hat, mit einem begrenzten Budget einen qualitativ ausgewogenen Kader zusammenstellen zu können und dabei zudem noch nachhaltig Marktwerte zu schaffen. Bemerkenswert, wie er der kölschen Ausgelassenheit und Impulsivität ein unglaubliches Maß an Ruhe, Kontinuität und Gelassenheit entgegensetzt. Man sieht ihn geradezu vor sich, wie er zuhause in der Küche steht und eine 50-Millionen-Offerte für Anthony Modeste auf seinem Handy wegwischt, während er sich gerade ein Butterbrot schmiert und anschließend den Müll raus bringt. Hysterische Telefonate mit den einschlägigen Boulevard-Medien? Fehlanzeige.

Höger überzeugt, Rudnevs rennt

So überraschte es auch nicht, dass der vergangenen Transfersommer in Köln ausgesprochen ruhig und überschaubar ablief. Zumal mit Marco Höger einer der bedeutsameren Neuzugänge der Kölner bereits in der zurückliegenden Rückrunde festgemacht wurde. Zwar war die Verpflichtung aufgrund Högers Verletzungshistorie (zweimaliger Kreuzbandriss) und seinem Image als „Problemspieler“ bei Schalke 04 nicht ohne Risiko behaftet. Das finanzielle Wagnis hielt sich angesichts einer Ablösesumme in Höhe von 1,3 Millionen Euro jedoch in Grenzen. Seitdem hat sich Höger als unumstrittener Leistungsträger im Kölner Mittelfeld etabliert und verpasste verletzungsbedingt, beziehungsweise aufgrund einer Gelbsperre lediglich zwei Ligaspiele. Neben dem Kapitän Matthias Lehmann oder dem etwas filigraner wirkenden Jonas Hector agiert Höger auf der Doppelsechs nicht nur als klassischer Abräumer mit einer konstant guten Zweikampfquote, sondern weist in dieser Saison ebenfalls eine überdurchschnittlich hohe Passsicherheit auf – ein Fakt, der ihm zu seiner Schalker Zeit zumeist noch abhanden war. Gelegentliche Stellungsfehler trüben das insgesamt positive Bild dabei nur geringfügig und ändern nichts an der Tatsache, dass die Verpflichtung Högers gemeinhin als echtes Schnäppchen firmiert.

Zwei weitere Verpflichtungen sorgten bei manchem FC-Fan im Sommer hingegen für ein skeptisches Heben der Augenbrauen: Konstantin „Koka“ Rausch und Artjom Rudnevs. Beide ablösefrei aus Darmstadt und Hamburg gekommen und nicht gerade jene Art von Spielern, mit denen man zum Sturm auf die Europacup-Plätze bläst. Tatsächlich haben sich beide jedoch als durchaus kluge und sinnvolle Ergänzungen des Kölner Kaders entpuppt und die taktische Flexibilität des Systems von Peter Stöger erhöht. So zeigte sich Koka Rausch, den Schmadtke seit gemeinsamen Zeiten bei Hannover 96 kennt, als durchaus flexibler Linksfuß, der auf solidem Niveau ohne zu glänzen die linke Außenbahn beackern kann. Sei es als Außenverteidiger oder als Außenspieler in dem von Stöger immer wieder favorisierten System mit Dreierkette im 3-5-2. Bei bis dato zwanzig Ligaeinsätzen wirkte Rausch gegen Spitzenmannschaften wie Bayern München oder Leipzig allerdings auch deutlich überfordert und konnte zudem noch nicht die erhoffte Torgefährlichkeit bei ruhenden Bällen ausstrahlen, die ihn in Darmstadt auszeichnete.

Artjoms Rudnevs hingegen wurde als Ersatz für den glücklosen Philipp Hosiner und somit mehr als Ergänzung denn als echte Konkurrenz für Torjäger Anthony Modeste verpflichtet. Bislang erfüllte er dabei so ziemlich genau jene Erwartungen, die man in ihn gesetzt hatte: Ein Stürmer, der einen extrem hohen Arbeitsaufwand gepaart mit einer entsprechenden Laufleistung zeigt, körperlich robust agiert und immer wieder durch sein Bewegungspensum zusätzliche Räume schafft. Dass er dabei in regelmäßigen Abständen völlig unbedrängt Fehlpässe spielt oder den Ball auf eine Art und Weise verliert, dass man meinen könnte, er würde gerade zum ersten Mal Fußball spielen, mag manchen FC-Fan zur Weißglut treiben. Es wird von Stöger jedoch bewusst in Kauf genommen, wenn er den bisweilen übermotiviert agierenden Letten ins Spiel wirft, um dem eigenen Spiel eine zusätzliche Portion Aggressivität zu verleihen. Drei Tore und drei Vorlagen in vierzehn Ligaeinsätzen sind dabei nicht die schlechteste Ausbeute für einen Joker mit nicht einmal 600 Spielminuten.

Der Geist Ishiakus

Einen Hauch Spektakel erlebten die FC-Fans im Transfersommer lediglich im Zuge der Verpflichtung des französischen U-20-Nationalspielers Serou Guirassys. Ein athletischer und körperlich robuster Mittelstürmer, der vergangene Saison mit acht Rückrundentoren für AJ Auxerre in der zweiten, französischen Liga auf sich aufmerksam machte. Die zunächst gehandelte Ablösesumme in Höhe von fünf Millionen Euro war Ausdruck der Wertschätzung, welche man von Seiten der sportlichen Führung dem potentiellen Nachfolger von Anthony Modeste zukommmen ließ – war jedoch sogleich hinfällig, als man im Zuge der sportmedizinischen Untersuchung einen zuvor verschwiegenen Meniskusschaden entdeckte. Schmadtke warf der Gegenseite ein „unsauberes Geschäftsgebahren“ vor, forderte Nachverhandlungen und eine Reduzierung der Ablösesumme. Guirassy wechselte schließlich für knapp unter vier Millionen Euro an den Rhein, verpasste die Vorbereitung und kam die gesamte Hinrunde über nicht in Tritt. Lediglich fünf Kurzeinsätze standen in der Hinrunde für ihn zu Buche, bevor ihn seit Dezember wiederum monatelang „muskuläre Probleme“ lahm legten, wie der Verein nebulös vermeldete. Die fortwährende Verletzungsmisere mag manchen FC-Fan an die Verpflichtung Mansseh Ishiakus erinnern, der im Sommer 2008 als Alternative zu Milivoje Novakovic vom MSV Duisburg losgeeist wurde und dessen Krankenakte anschließend ganze Wochenendausgaben der einschlägigen Boulevard-Medien füllte. Den Erwartungen gerecht werden konnte Ishiaku nie – und die Befürchtung, dass auch über der Verpflichtung Guirassys der Geist Ishiakus mitsamt Mullbinden und Oberschenkelzerrung liegt, treibt bereits jetzt so manchen Kiebitz am Geißbockheim um.

Kein Franzbranntwein im Taufbecken

Eine Notwendigkeit, vorsorglich die ersten Flaschen Franzbranntwein mitsamt Stoßgebeten in die Taufbecken des Kölner Doms zu kippen, besteht für die Kölner Fans deshalb jedoch nicht. Die Transfers des vergangenen Sommers haben erneut gezeigt, dass man sich beim FC nicht von einzelnen Spielern abhängig machen, sondern den Kader in der Breite qualitativ ausgewogen gestalten möchte. Die Kaderplanung ist mittel- und langfristig ausgelegt, kurzfristige Rückschläge werden bei den Verantwortlichen daher auch nicht für kopflose Schnellschüsse sorgen. Nachteil: Für die Europaleague wird es diese Saison noch nicht reichen – trotz namhafter Wintertransfers wie Neven Subotic und Christian Clemens. Einerseits, weil der Kader im dritten Jahr nach dem Aufstieg noch nicht in dem Maße besetzt ist, dass der Ausfall eines halben Dutzend Leistungsträger wie Ende der Hinrunde sportlich aufgefangen werden kann. Andererseits, weil man in Köln mittlerweile die Transferaktivitäten dem Prozess der wirtschaftlichen Konsolidierung unterordnet, anstatt jeden Sommer einen Publikumsliebling zu verpflichten, der mit den Fans auf der Domplatte Karneval feiert. Und am Saisonende wieder mit einem Blumenstrauß verabschiedet wird.

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