Die EM ist vorbei. Portugal jubelt, die Finanzblase in England wächst und Griezmann muss aufpassen, dass er den Leverkusenern ihren Spitznamen nicht streitig macht. Ganz nebenbei rüstet Italien im Kampf gegen Juve auf und Spanien feilt daran die nächsten Jahre weiterhin Europa zu dominieren. Haben wir was vergessen? Ach ja: Drei Transfers, die wir euch im ganzen Transfergetümmel kurz und knapp etwas näher bringen möchten. Wer ist sein Geld wert und warum sind sie vermeintliche Top-Transfers? Transferkritiker präsentiert den dieswöchigen Transfer-Scout.

Transfer-Scout: Samuel Umtiti (FC Barcelona)

Der große FC Barcelona, eine Mannschaft gespickt mit Weltstars und einer Offensivpower, die ihres Gleichen sucht. Seit Jahren klingen laute Stimmen durch die Hallen des Camp Nou, die behaupten, dass sich der Klub zu sehr auf das Spiel nach vorne fokussiere. Die Defensive sei eine in die Jahre gekommene Maschine, bei der, der Zahn der Zeit nie richtig kompensiert wurde. Bei genauerer Betrachtung lassen sich diese Vorwürfe nicht von der Hand weisen. Nach den Alibieinkäufen von Mathieu und Vermaelen setzt der Klub erstmals seit Jahren ein Zeichen. Mit Samuel Umtiti kommt ein vielversprechender Mann für die Zukunft, der aus der Ligue 1 von Olympique Lyon zu den Katalanen stößt. Der gebürtige Kameruner durchlief sämtliche Jugendnationalmannschaften der Franzosen sowie die gesamte Jugendabteilung der Lyonaise. Der 22-jährige gilt als sehr vorsichtig, nimmt nie unnötiges Risiko in Kauf und bricht selten aus seiner Rolle, um einem Zweikampf zu forcieren, ganz im Gegensatz zu Mascherano. Er sichert seine Zone des Feldes und macht sie zu seinem Wirkungsraum. Dies bedeutet, dass er häufig der letzte Mann im Defensivverbund ist, der absichernd agiert und mit starken Tacklings und seinem reifen Stellungsspiel seinen Nebenmann auffängt. Die Schattenseite ist, dass er durch seine tiefe Position die gesamte Kette weiter zurückfallen lässt, sodass dem Gegner oftmals große Räume ermöglicht werden.

Umiti zählt zu den klassischen Antizipationsverteidigern, die über starkes Positionsspiel und Weitsicht in ihr Spiel finden. Trotz seiner geringen Größe von ca. 1,80 Meter verfügt er über einen wuchtigen Offensiv- sowie soliden Defensivkopfball, was wiederum durch seine enorme Sprungkraft und sein gutes Stellungsspiel begünstigt wird. Um auf seinen künftigen Verein zu sprechen zu kommen, muss sein wohl größtes Manko noch erwähnt werden: Das Spielvermögen. Barca ist ein Team, dass über spielerische Klasse agiert und in dem für jeden Akteur die Spieleröffnung und –weiterführung essenzielle Maßstäbe sind. Hier gilt es intensiv zu arbeiten, da er rein von seinen Qualitäten und der Altersstruktur der optimale Mann für Position neben Gerad Pique ist und dieses Manko einfach nicht ausreichend für seinen kommenden Verein ist. Somit wird das auch die Hürde sein, die über eine trostvolle oder triste Zeit bei den Katalanen entscheiden wird. Die linke Innenverteidiger Position könnte durch ihn als Linksfuß besetzt werden und er brächte einen Spielstil, der dem spanischen Defensivstar stark entlastet, da Umiti zwar den Spielaufbau größtenteils an ihn abgeben würde, dennoch seinen Offensivdrang auffängt und unterstützt, da er fast immer, das letzte Glied der Kette bilden wird.

Es ist ein Anfang des dringend notwendigen Umbruchs. Der Konkurrenzkampf mit Mascherano, sofern dieser in Barcelona verweilt, wird groß. Allerdings wird er mit genügend Rotation seine Einsatzzeiten auch in einem Fall ohne Stammplatz bekommen. Mit der nötigen Geduld und den nächsten Entwicklungsschritten kann er zu einer zukünftigen Säule der Barca-Defensive heranwachsen. Eine Ablöse von 25 Mio. € macht ihn schon alleine aufgrund seines Talents zu einer starken Verpflichtung. Seine Qualität und die Ergänzung zu Pique tun ihr Übriges. Absoluter Toptransfer!

Transfer-Scout: Eric Bailly (Manchester United)

Schauplatz: Manchester. Beide Klubs buhlen um den erst 22-jährigen Eric Bailly. Ein weiteres Duell zwischen Mourinho und Guradiola. Letztlich bekommt der Portugiese den Vorzug und der Ivorer wechselt für stattliche 38 Mio € zu den Red Devils. Sein Aufstieg ist bemerkenswert. Erst mit 17 Jahren wechselte er in die Jugendakademie von Espanyol Barcelona um 5 Jahre später und nach bemerkenswerten Leistungen auf seiner Zwischenstation Villareal, zu einem der größten Klubs der Welt zu wechseln. Ähnlich wie Barca liegt auch bei United großer Handlungsbedarf in der Defensive. Nachdem auf den Außenverteidigerpositionen für die Zukunft justiert wurde, feilt man nun an der Stabilisation der Innenverteidigung, die ein wahres Leck der Mannschaft darstellt. Chris Smalling bewehrte sich in der vergangen Saison mit starken und konstanten Leistungen. Doch muss man auch hier schon die Grenze ziehen. Bei allem Respekt sind Verteidiger wie Phil Jones, Daley Blind oder Marcos Rojo für die Ansprüche des englischen Rekordmeisters, bei Zeiten wieder Anwärter auf nationale Meisterschaft und einen zeitnahen Gewinn der Champions League zu sein, nicht tragbar und ihre fußballerische Klasse nicht ausreichend Akademie Talente wie Blackett und McNair sind vielversprechend, jedoch noch nicht bereit; die geballte Verantwortung dieses Klubs zu tragen.

Mit Bailly kommt ein Verteidiger, der wie gemacht scheint für die Premiere League. Seine 1,87 Meter gepaart mit seiner gewaltigen Statur, Stärke und seiner unglaublichen Lufthoheit machen ihn zum Paradeverteidiger des englischen Oberhauses. Zusätzlich bringt er enorme Flexibilität mit, da er auch zuletzt bei Villareal oft als Außenverteidiger glänzen konnte und, was viele nicht wissen, in Espanyols Profikader auch einen Teilzeitjob auf der defensiven Mittelfeldposition verrichtete. Mit seinem soliden Positionsspiel, ähnlich dem  Chris Smallings, könnten sie den Defensivverbund ausreichend stabilisieren. In Spanien wurden auf der Gegenseite sein Passspiel und seine Disziplin beklagt. Ersteres dürfte in England nicht mehr in selber Konsequenz verlangt werden, wie es auf der iberischen Halbinsel üblich ist, da in der Premiere League auch häufig lange und hohe Bälle geschlagen werden, wird er sich hier zwar trotzdem verbessern müssen, allerdings nicht in gleichem Maße, wie in einer der anderen Topligen. Seine oftmals fehlende Disziplin soll hier nur auf eine Vielzahl gelber Karten anspielen, nicht auf unsportliches Verhalten oder aggressives Auftreten nach außen. Gerade Zweikampfhärte und Einsatz sind jetzt gefragt und werden ihn zu einem beinharten Innenverteidiger heranwachsen lassen. Spielintelligenz wird zweifelsohne unter Taktikfuchs Mourinho weiter intensiv geschult und vor allem seine Fehleranfälligkeit eindämmen und ihm helfen, schneller qualitativere Entscheidungen treffen zu können.

Mit Bailly wechselt ein schon glänzender Rohdiamant zum Traditionsklub aus Manchester. Die Ablösesumme fällt im Vergleich zum oben angesprochenen Umtiti deutlich höher aus, was allerdings nicht auf großen Qualitätsunterschied zurückzuführen ist, sondern auf die große Finanzblase, die zurzeit in England, aufgrund der neuen Übertragungsrechte, existiert. Der Verein fängt an, an den richtigen Stellen die Schrauben festzuziehen und den Kader umzurüsten. „The Special One“ ist sich sicher, dass er mit seinem ersten Transfer als United-Coach die richtige Entscheidungen getroffen hat. Forciert wird nicht nur der Meistertitel sondern auch die Champions League. Ein spannender Weg für den Jungen Ivorer.

Transfer-Scout: Vincent Janssen (Tottenham Hotspur)

Ein langes Tauziehen findet sein Ende. Wolfsburg suchte nach einem passenden Kruse-Ersatz, Tottenham nach qualitativer Varianz. 22 Mio. € wanderten letztlich über den Tisch und Pochettino triumphiert über Hecking. Janssen rundet den Bericht der 22-jährigen ab. Aus der Jugend von Feyenoord Rotterdam stammend, ging er einen kleinen Umweg über Almere City, jener Mannschaft, die für den Kick-Off der Parodien des königlichen Champions-League-Sieg-Kabinenfotos bekannt ist. Nach zwei Jahren der Zweitklassigkeit führte ihn sein Weg zu Alkmaar, die sein Talent frühzeitig wertschätzten. Spätestens seit der abgelaufenen Saison dürfte sich sein Jugendklub grün und blau ärgern, oder zumindest die interne Scoutingarbeit hinterfragen. Die Niederlande waren schon seit jeher für ihre ausgezeichneten Stürmer bekannt. Die Frage die sich nun stellt ist: „Kann sich Janssen in die Riege zu van Basten, Kluivert, Bergkamp und van Persie einreihen?“ Der Grundstein ist zumindest schon gelegt. Topscorer der vergangen Saison in der Eredevise mit 27 Treffern ist ein klares Ausrufezeichen, um sich für eine Stufe höher zu empfehlen.

Anders als die modernen Stürmer heutzutage verkörpert der Youngster einen Old-School-Stürmer, ohne Schnörkeleien und viel Zirkus. Er zeichnet sich vor allem über seinen starken Torabschluss und seine Beidfüßigkeit aus. Technisch befindet er sich nicht auf dem Level eines Bergkamp, dennoch verfügt er über eine feine Ballbehandlung und ein überdurchschnittliches Passspiel. Seine solide Schnelligkeit und Antritt verschaffen ihm letztendlich dann oft den ausschlaggebenden Vorteil gegenüber seinen Verteidigern. Allerdings darf hier nicht von einem Sprintwunder ausgegangen werden, da er zwar überdurchschnittliche PS auf den Rasen bringt, jedoch mit einem Coman, Depay, oder Martial nicht verglichen werden kann. Wie den meisten Spielern aus der holländischen ersten Liga, fehlt ihm die Erfahrung auf absolutem Top Niveau. Somit wird es für ihn ein mächtiger Sprung in die Premiere- und die Champions League. Auffällig sind seine häufigen Abseitsstellungen. Sein Positionsspiel ist hier zu meist eine Gradwanderung – zwischen Genie und Wahnsinn. Ebenso streiten sich auch die Geister in Sachen Distanzschüsse. Nicht, dass er aus der Ferne nicht treffen würde, es ist auch hier das Ausschlagen von einem Extrem ins Nächste. Quasi eine Wundertüte, bei der es zumindest erwähnt sein soll, den Willen zu sehen, den Ball nicht ins Tor tragen zu wollen – eine Krankheit vieler heutiger Offensivspieler. Seine 1,80 Meter machen ihn schlussendlich auch nicht zu einem Strafraumkoloss. Seine fehlende Robustheit tut hier ihr Übriges. Um in seiner alten Liga zu bleiben: Ein absoluter Kontrast zu seinem direkten Verfolger auf der Jagd nach der Torjägerkanone, Luke de Jong.

Einen Toptransfer zu prognostizieren wäre hier eine 50/50-Chance. Seine Anlagen bieten eine Varianz und taugliche Alternative zu Harry Kane. Allerdings darf davon ausgegangen werden, dass Pochettino das System nicht auf zwei Spitzen umstellt und Janssen als Rotationsspieler verpflichtet hat. Hier muss er sich empfehlen, seine Einsatzzeiten nutzen und den nächsten Schritt auf hohem Niveau für sich selbst gehen. Sein Trainer ist bekannt dafür, junge Spieler zu fördern und einen gepflegten Fußball zu spielen. Ein solider Transfer, der bei den Spurs zu einem wichtiger Faktor im Laufe einer langen, kräftezehrenden Saison werden kann. Zum Toptransfer muss er sich nun selbst machen.

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