Rückblick. 17. Spieltag der Saison 2008/2009. Die TSG Hoffenheim unterliegt dem FC Bayern München denkbar knapp mit 2:1, kürt sich aber trotzdem an diesem Dezember-Abend zum Herbstmeister. Als Aufsteiger. Ibisevic, Ba, Obasi, Eduardo und Gustavo erobern die Liga im Sturm und stehen für Offensivspektakel. Es folgt eine Rückrunde zum Vergessen – unzählige Verletzungen, Systemwechsel, zwölf Spiele in Folge ohne Sieg – und abschließend ein siebter Platz in der Tabelle. Dennoch bringt erstmals seit dem 1. FC Kaiserslautern 1997/98 wieder ein Aufsteiger den Rekordmeister, und Fußball-Deutschland, ins Wanken, dazu noch ein äußerst streitbarer. Vermeintliche Experten prognostizieren prompt nicht weniger als den Untergang des Bundesliga-Abendlandes, samt Beerdigung aller „verdienten“ Traditionsclubs aus der ganzen Republik. Diese Diskussion flammt nun seit geraumer Zeit wieder auf, denn die internationalen Plätze werden erneut von einem Verein „bedroht“, den viele am liebsten nicht in der Bundesliga sehen würden: RB Leipzig.

Leipziger Personalnöte in der Abwehr

Zurück in der Gegenwart tun sich erstaunliche Parallelen zwischen der Hoffenheimer und Leipziger Aufstiegssaison auf. Wieder ist ein Aufsteiger auf dem Weg zur Herbstmeisterschaft, wieder scheiden sich die Geister an Herkunft, Ausrichtung und Image der „Marke“ und wieder warten die Bayern zum Abschluss der Hinrunde auf den aktuellen Tabellenführer. Leipzigs langfristige Perspektive übersteigt die der Hoffenheimer 2008, sodass die Etablierung in der oberen Tabellenhälfte vorausgesetzt wird in den kommenden Jahren. Dennoch bleibt die Frage, wie ein ähnliches Rückrunden-Schicksal in der Premieren-Rückrunde verhindert werden kann?

Auch Leipzigs Prunkstück ist die Offensive samt atemberaubendem Konterspiel. Die ganze Mannschaft stellt intensive Pressingsituationen her, um nach Ballgewinn schnell in die Spitze zu spielen und gleichzeitig den Druck von der Abwehrreihe zu nehmen. Bislang finden die Gegner darauf kaum eine Antwort, sodass der Aufsteiger zuletzt acht Siege in Folge feiern konnte. Soweit die spielerischen Parallelen zur Hoffenheimer Saison 2008/2009. Dazu kommen noch personelle Überschneidungen durch Ralf Rangnick, damals Trainer und heute Chef-Stratege, oder Ex-Nationalspieler Marvin Compper. Und natürlich ein schwerreicher Mäzen im Hintergrund. Obwohl wir nicht zuletzt, Dank des HSV, wissen, wie wenig das zu bedeuten hat. Aber ich schweife ab…

Denn so sehr der Angriff um Forsberg und Werner brillieren kann, überzeugt auch die Abwehr als drittbeste der Liga. Sie hat sich mit gerade einmal elf Gegentoren in 13 Spielen zu einem Erfolgsgaranten entwickelt. Und das obwohl man unter Verletzungspech und akutem (Fach-)Personalmangel leidet. Bis zum vergangenen Spieltag haben sich verletzungsbedingt bereits vier verschiedene Rechtsverteidiger ausprobieren dürfen und nominell stehen auch nur drei etatmäßige Innenverteidiger zur Verfügung. Dass mit dem ausgeliehenen Kyriakos Papadopoulos ein Innenverteidiger mit einer Verletzung ausfällt, passt gut ins Bild. Doch während man auf der rechten Abwehrseite auf die Rückkehr von Klostermann oder Bernardo warten kann, bedarf es in der Zentrale einer Personalauffrischung.

TK empfiehlt daher dem aktuellen Tabellenführer einen neuen Innenverteidiger. Und wir kennen natürlich auch die Leipziger Voraussetzungen: unter 23 Jahre alt und großes Entwicklungspotenzial.

Moderner Verteidiger wie er im Buche steht

Auftritt Davinson Sánchez Mina. 20 Jahre alt. Kolumbianischer Innenverteidiger in Diensten von Ajax Amsterdam. Das südamerikanische Talent wurde bei Atletico Mineiro ausgebildet und entschied sich im vergangenen Sommer gegen einen Wechsel zum FC Barcelona, wo er im B-Team eingesetzt werden sollte, und für einen Wechsel in die Eredivisie. Dort hinterlässt er seitdem einen bleibenden Eindruck und ist neben Eric Botteghin der vielleicht beste Innenverteidiger unseres Nachbarlandes. Doch obwohl er erst seit einem halben Jahr in Amsterdam ist, ranken sich bereits neue Transfergerüchte um Sánchez Mina, denn sowohl der FC Everton als auch Barcelona haben erneut ihre Fühler nach dem Supertalent ausgestreckt.

Aber was zeichnet ihn so sehr aus, dass er auch für RB Leipzig eine echte Verstärkung darstellen könnte? Zwei Kategorien machen ihn besonders interessant: seine Passquote und seine Zweikampfstärke. Den Kolumbianer zeichnet eine überragende Passgenauigkeit aus, mit der er immer wieder Angriffe aufbaut. Zurzeit bringt er rund 90% seiner Pässe an den Mitspieler, obwohl er auch keine längeren und gleichzeitig gefährlicheren Bälle scheut, um sich aus brenzligen Situationen zu befreien. Sowohl der kurze Spielaufbau aus der Abwehr heraus als auch der lange Ball in die Spitze bei Kontern sollten dem jungen Verteidiger liegen. Dazu kommt seine tolle Zweikampfarbeit. Toll getimte Grätschen und waghalsige Rettungsaktionen sorgen für jede Menge Highlights, aber seine wahre Stärke liegt in der (Reaktions-)Schnelligkeit, mit der er die meisten Zweikämpfe frühzeitig unterbindet. So kann er einen Großteil der Angriffe ablaufen oder bereits in der gegnerischen Hälfte, durch sein schnelles Herausrücken verhindern. Abgerundet wird sein Fähigkeiten-Paket durch seine Lufthoheit, die er vor allem bei gegnerischen Eckbällen unter Beweis stellt.

Transfer mit Fingerzeig nach oben

Bei den Leipzigern könnte er umgehend die Position des rechten Innenverteidigers neben Willi Orban einnehmen. Während Orban der zweikampfstärkere von beiden ist, könnte Sánchez Minas Passgenauigkeit dem Leipziger Spiele eine neue Qualität in der Spieleröffnung bieten. Denn Leipzigs Spiel könnte in der Rückrunde neue Facetten gebrauchen, falls sich Gegner auf das momentane Erfolgsrezept eingestellt haben. Sollte also ein bedächtiger Spielaufbau aus der Abwehrzentrale gefragt sein, wäre der Kolumbianer ein geeigneter Fixpunkt. Er stellt aber nicht nur in einer neuen Spielausrichtung eine Bereicherung dar, sondern könnte auch für das aktuelle System eine Soforthilfe sein, denn seine spielerische und kämpferische Klasse übersteigt die von Compper oder Ilsanker. Alter und Entwicklungspotenzial passen darüber hinaus maßgeschneidert zum Leipziger Konzept.

Die anhaltenden Transfergerüchte lassen einen Winterwechsel nicht unwahrscheinlich erscheinen. Bei Barcelona ist Einsatzzeit weiterhin nicht garantiert, zumal mit Samuel Umtiti ein weiterer junger Innenverteidiger in der Hierarchie vor ihm stehen dürfte. Der FC Everton hat allenfalls finanzielle Argumente zu bieten, aber solche Argumente hat Davinson Sánchez Mina bereits im vergangenen Sommer unbeachtet gelassen, zugunsten von regelmäßiger Spielzeit auf europäischer Bühne. RB Leipzig wäre ein weiterer logischer Karriereschritt in der Vita des 20-jährigen. Der aktuelle Tabellenführer würde mit dem kolumbianischen Innenverteidiger einen Spieler verpflichten, den man bisher im Kader vergeblich sucht. Man würde sich gleichzeitig variabler aufstellen, ohne das clubeigene Konzept zu vernachlässigen. Ob man damit einem Tabellentiefflug á la Hoffenheim anno 2009 verhindern kann, wird sich erst im Mai zeigen und wird auch von anderen Faktoren (Verletzungen, etc.) abhängen. Es wäre aber einmal mehr ein Transfer, mit dem man in Europa für Furore sorgt und seine Ansprüche auf ganz oben weiter unterstreicht.

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