Ein Blick auf die Tabelle verrät nur einen Bruchteil der Geschichte, die sich rund um den HSV in den vergangenen fünf Monaten zugetragen hat. Trainer-, Manager- und Vorstandswechsel gehen Hand in Hand mit Investoren-Millionen und einer unausgeglichenen Kadergestaltung. Dazu kommen eine weiterhin negative Finanzbilanz und enttäuschende vier Punkte aus den ersten zwölf Spielen, die das Schlimmste vermuten ließen. Wenn es in einer Hinrunde mehr Nebenschauplätze als Punkte in der Tabelle gibt, dann läuft einiges schief. Aber das muss man wohl keinem HSV-Fan erzählen. Letztlich kann man festhalten: das nun endgültige Aus Dietmar Beiersdorfers ist die logische Schlussfolgerung aus zweieinhalb Jahren Stagnation eines der weiterhin schillerndsten Bundesliga-Vereine.

Fruchtbare Veränderungen mit Anlaufzeit

Mit Heribert Bruchhagen holte man nun eine Institution der höchsten deutschen Spielklasse, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Wirtschaftliche Expertise und gesunder Realismus zeichnen den ehemaligen Frankfurter Manager aus, dessen Hauptaufgabe die Verbesserung der sportlichen Situation ist. Inwiefern Bruchhagen aber seinen ausgewiesenen Sachverstand einsetzen kann, bleibt abzuwarten. Schließlich scheinen zu viele Einzelinteressen im Vorstand und vereinsnahen Umfeld das Große und Ganze zu beeinflussen. Das hat wenig mit professionellem Sport-Business und viel mit Eitelkeiten zu tun. Zwei Zutaten, die in der Regel nicht für sportlichen Erfolg, sondern für einen Rosenkrieg oder eine Schlammschlacht stehen. In Hamburg muss sich einiges ändern. Eine personelle Weichenstellung, oder zumindest der Wille dazu, ist erkennbar.

Dass man die wichtigste personelle Entscheidung, neben Bruchhagen, bereits getroffen haben könnte, zeigen die letzten Wochen. Markus Gisdol trat mit der Prämisse an, endlich wieder Ruhe in seinen neuen Verein zu bringen. Eine Aussage, die bei vielen nur ein müdes Lächeln hervorgerufen hat. Wir reden schließlich vom HSV. Nach ziemlich erfolglosem Beginn seiner Amtszeit, folgte am 13. Spieltag der erste Sieg der Saison. Letztlich konnte man mit drei Siegen aus den verbleibenden vier Hinrunden Spielen einen halbwegs versöhnlichen Jahresabschluss feiern und überwintert als Tabellen-16. mit 13 Punkten. Diese kleine Erfolgsserie ist zunächst nichts als ein Hoffnungsschimmer. Es gibt aber Indizien, die aus diesem Hoffnungsschimmer eine optimistische Zukunftsvision machen.

Neben den üblichen Floskeln, dass die Mannschaft „zusammenrücke“, „viel investiere“ und „gut zuhöre“, tragen mannschaftstaktische und damit verbundene personelle Entscheidungen zum Aufschwung der Hamburger bei. Gisdol hat nach seiner Probezeit grundlegende Entscheidungen getroffen: Deutschunterricht für ausländische Spieler, verlängerte Regenerationsphasen, neuer Spielführer und keine Sonderbehandlung für Stars, die wenig Leistung zeigen, wie Spahic oder Lasogga. Einfache, aber anscheinend wirkungsvolle Maßnahmen, die einer leblosen und verunsicherten Mannschaft neues Leben eingehaucht haben. Manchmal braucht es nicht mehr als psychologische Kniffe und eine Portion Glück, um selbiges heraufzubeschwören.

Manchmal braucht man nur eine Stammelf

Zum (Abschluss-)Glück kommt eine eingespielte Aufstellung, die sich in den letzten Spielen herauskristallisiert hat. Insbesondere die Beorderung von Neu-Kapitän Sakai und Ostrzolek in das defensive Mittelfeld hat für eine erhöhte Stabilität gesorgt und der nicht immer bundesliga-tauglichen Viererkette aus Diekmeier-Djorou-Jung-Santos zusätzliche Sicherheit verliehen. Dieser Defensivverbund definiert sich vor allem über Kampf und Einsatz, um fußballerische Defizite auszugleichen. Die sechs Herren fungieren aber in erster Linie als zerstörerischer Wall, der die Bälle möglichst schnell nach vorne bringen soll, um die schnellen und torgefährlicheren Offensivkräfte einzusetzen.

Die offensive Dreierreihe um Nicolai Müller, Lewis Holtby und Filip Kostic hat ihre Torgefahr in den letzten Spielen wiederentdeckt. Gerade Müller knüpft an alte Mainzer Tage an, die ihn einst in den Nationalmannschaftskreis aufstiegen ließen. An guten Tagen vereint er Zug zum Tor, Abschlussgefahr und spielerisches Potenzial, von dem die meisten abstiegsbedrohten Mannschaften nur träumen können. Selbst Holtby beweist, dass er nicht ohne Grund auf Schalke ein gefeierter Spielmacher war, der nicht nur am Zaun, sondern auch auf dem Platz vorangehen kann. Zumindest solange er spielberechtigt ist. Abgerundet wird die Mannschaft durch Gregoritsch im Sturm, der jedoch auch auf der Zehn aushelfen kann, wie er aktuell in Holtbys Abwesenheit beweist. Dann übernimmt mit Bobby Wood der einzige Lichtblick der ersten Hinrunden Spiele, das Sturmzentrum Daraus ergibt sich eine Mannschaft, die auf den ersten Blick nicht spektakulär klingt, aber sehr effektiv agieren kann und zugleich mehr Offensivpotenzial als die anderen Abstiegskonkurrenten besitzt.

Gisdols Aufstellung bringt auch Verlierer hervor, die aktuell wenig bis keine Rolle in der samstäglichen Anfangself spielen. Aaron Hunt oder Alen Halilovic, hoffnungsvolle Spielmacher der Vergangenheit und Zukunft, sind ebenso außen vor wie Luca Waldschmidt oder die bereits erwähnten Lasogga und Spahic. Hier wird ein Drahtseilakt auf den Hamburger Trainer zukommen. Da die Mannschaft weiter verstärkt werden soll, werden die Einsatzzeiten dieser Spieler noch weiter schwinden. Unruhe, Nebenschauplätze und Nickligkeiten gedeihen erstaunlich gut rund um das Volksparkstadion, sodass Gisdol frühzeitig alle Unzufriedenheit im Keime ersticken sollte, wenn wirklich Ruhe einkehren soll. Falls das überhaupt möglich ist.

Baustellen erkannt

An dieser Stelle analysieren wir bei TK nun den Kader nach Schwächen, um geeignete Spieler vorzuschlagen. Die Verantwortlichen beim HSV haben diese Kaderanalyse bereits durchgeführt und ihre Ergebnisse medienwirksam präsentiert: drei Innenverteidiger und ein „defensiv denkender“ Mittelfeldspieler sollen es sein. Schließlich fehlt es im defensiven Zentrum an allen Ecken und Enden. Der Spielaufbau aus der Abwehr heraus ist bestenfalls rudimentär vorhanden, Kampf und Krampf im Verhältnis 1:1. Insgesamt fehlen ein bis zwei Spieler, die das Spiel in die Hand nehmen können und wollen, um einen Spielaufbau voranzutreiben. Spieler, die die Bälle verteilen können, ohne andere in Gefahr zu bringen. Am liebsten Spieler, die Mitspieler besser machen. Denn das Hamburger Umschaltspiel kann nur funktionieren, wenn die Abwehr stabil ist und gegebenenfalls einen Plan B zur Hand hat. Muss Hamburg das Spiel machen, ist vieles nur noch Stückwerk. Das wissen alle Beteiligten und daher sind die beiden ausgeschriebenen Positionen auch genau richtig diagnostiziert.

Da aber nicht nur die Entscheidungsträger in Hamburg aktiv sind, sondern auch die Medien, geistern bereits seit Tagen mehrere Namen durch die Presse, die mit dem HSV in Verbindung gebracht werden. Daher wollen wir in unserer TK-Empfehlung einen kurzen Blick auf die Spieler werfen, die in den Gazetten gehandelt werden. Dazu geben wir eine Empfehlungsquote ab, wie gut der jeweilige Spieler zu den Hamburgern passt. Einige von ihnen werden bei einer Verpflichtung einer tiefer gehenden Analyse unterzogen.

Innenverteidigung: Badstuber bis Subotic

Holger Badstuber: Der Ur-Bayer hat nicht nur verletzungsbedingt einen schweren Stand unter Ancelotti, sondern auch die Vertragssituation und eine mögliche Süle-Verpflichtung sprechen gegen ihn. Wenn er fit ist oder war, ist Badstuber ohne Zweifel ein herausragender Innenverteidiger. Sein Stellungsspiel, seine Spieleröffnung und sein toller linker Fuß zeichnen ihn aus. Dazu spielt er stets unspektakulär und ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Aber seine Verletzungshistorie spricht gegen ihn. Durch seine Bayern-Sozialisation ist er prädestiniert für einen ballbesitzorientierten Fußball, aber es bleibt die Frage, ob er sich auch in einer anderen Philosophie, gerade zu Beginn, wohlfühlen kann. Transferempfehlung: 50%

Mergim Mavraj: Das heißeste Transfereisen, das der HSV aktuell im Feuer hat. Der Albaner hat sich seit der EURO und nach einigen Verletzungen als unumstrittener Stammspieler der Kölner etabliert, der alle Partien absolviert hat. Seine Stärken liegen im Zweikampf und im Passspiel, wo er aktuell eine 66% bzw. 84% Quote vorzuweisen hat. Beides überdurchschnittlich gute Werte. Sein Vertag läuft im kommenden Sommer aus und er konnte sich mit dem FC bislang nicht auf eine Verlängerung einigen. Ein Abgang im Winter zu den kolportieren 1,8-2 Mio. Euro würde Sinn ergeben, wenn er nicht in Köln bleiben möchte. Aber erste Stimmen, die am Wechsel zweifeln, häufen sich bereits. Transferempfehlung: 100%

Timm Klose: Der ehemalige Wolfsburger Innenverteidiger ist zurzeit Stammspieler bei Norwich und besticht eher durch englische Härte, als durch filigrane Spieleröffnung. Zwar würden seine Robustheit und sein Defensivverhalten für weitere Stabilität sorgen, aber nur mit einem geeigneten Nebenmann. Gegen den Wechsel sprechen der Marktwert Kloses, der momentan bei ca. 5,5 Mio. liegen soll, und die Tatsache, dass er Stammspieler ist. Wäre in jedem Fall keine zweifelsfreie Variante. Transferempfehlung: 20%

Kyriakos Papadopoulos: Der Grieche, der aktuell von Leverkusen an Leipzig ausgeliehen ist, hat eine echte Seuchenzeit hinter sich mit zahlreichen Verletzungen. Seine überragende Physis macht ihn zu einem herausragenden Zweikämpfer, der trotz seines jungen Alters über reichlich Bundesliga-Erfahrung verfügt. Hat eine ausbaufähige Passquote, sodass ihm auch die Spieleröffnung nicht übertragen werden sollte. Es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass er Leipzig vorzeitig verlässt, wie immer wieder betont wird. Gerade vor dem Hintergrund der Innenverteidiger-Situation in Leipzig (Link). Transferempfehlung: 40%

Neven Subotic: In unserer Werder Bremen-Empfehlung haben wir Subotic einer ausführlichen Analyse unterzogen (Link). Auch er zeichnet sich durch eine tolle Zweikampf- und Passquote aus, jedoch überwiegen die gesundheitlichen Fragen. In einem fitten Zustand und bei geeigneten Konditionen, etwa einer Leihe, könnte er für kurzfristige Abhilfe sorgen. Eine feste Verpflichtung scheint zu riskant zu sein, ohne weitere Spielpraxis. Er passt aber vor allem als Typ gut in die Mannschaft und könnte sofort als Führungsspieler weiterhelfen. Transferempfehlung: 50%

Defensives Mittelfeld: Hoffenheimer Hilfe

Eugen Polanski: Einer der Lieblingsschüler Gisdols aus Hoffenheimer Zeiten. Hat sich in den letzten Spielen wieder in die Mannschaft gespielt und dient Nagelsmann als Schaltzentrale im defensiven Mittelfeld. Hat momentan eine überragende Passquote von 89% und ist darüber hinaus ein zweikampfstarker Leader, der sich nicht versteckt und zahlreiche Bälle gewinnt. Würde dem HSV sehr gut zu Gesicht stehen. Gegen eine Verpflichtung sprechen seine Vertragsverlängerung im vergangenen Mai und ein grundsätzliches Widerstreben der Kraichgauer, ihren Kapitän abgeben zu wollen.  Transferempfehlung: 100%

Pirmin Schwegler: Schwegler ist einen Großteil der Hinrunde durch einen Innenbandriss ausgefallen und hat es in den verbliebenen Spielen nur zu Kurzeinsätzen gebracht. Kann er an seine durchaus erfolgreiche vergangene Saison anknüpfen, wäre auch er ein Spieler, der die Hamburger nach vorne bringt. Agiert im Mittelfeld als ordnende Hand durch sein Stellungsspiel, sein Zweikampfverhalten und seine Passgenauigkeit. Sollte sich Nagelsmann ein Mittelfeld mit Schwegler und Polanski vorstellen können, dürften beide nicht zu holen sein. Beide haben aber insgesamt, aus verschiedenen Gründen, erst elf Spiele in der Hinrunde bestreiten können, sodass ein Abgang nicht ausgeschlossen scheint. Transferempfehlung: 70%

 

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