Aus Cannstatt ist der Junge und er trägt damit die Identität des Vereins und der Fans quasi schon im Blut. Darüber hinaus ist er ein riesiges Talent: Bundesligadebüt mit 17, begeisternde Sprints, sogar ab und an ein Tor. Man ist beim VfB Stuttgart begeistert von Timo Werner, der Schüler wird fast zu einem Leitmotiv für die Rückkehr zu altem Glanz erklärt. Die Realität sieht aber anders aus, denn damals, wie auch in der Saison 2013/14, befand man sich arg im Abstiegskampf. Macht aber auch nichts: ,,Ich werde hier bleiben, egal ob in der ersten oder zweiten Liga.“ Das Leitmotiv bleibt treu.

Saison 2015/16, letzter Spieltag. Der VfB braucht in der Begegnung gegen Wolfsburg einen Sieg, um den Abstieg doch noch in letzter Sekunde abzuwenden. Auch zwei Saisons später steht man in der Tabelle keinen Deut günstiger da. Minute 32: Timo Werner verlässt nach einer desaströsen Leistung das Spielfeld. Stuttgart verliert und steigt ab, circa einen Monat später wird Werners Wechsel zu RB Leipzig publik. Die Fans, die den mittlerweile 20-Jährigen Offensivmann einst liebten, verhöhnen Werner und finden, dass sie mit den zehn Millionen Euro, die sie im Gegenzug bekommen haben, einen guten Deal gemacht haben. Werner, das Toptalent, das Leitmotiv? Das war einmal. Der Kommentar eines Fans beschreibt Werner als das ,,beste Beispiel, wie wenig Unterschied zwischen einem Amateur- und Profifußballer besteht.“.

Haben die Leipziger nun zehn Millionen Euro für einen Amateur ausgegeben – oder für ein Toptalent, das es bis in die internationale Spitze schaffen wird?

Vom Leitmotiv zur Hohnfigur

Mit dem Wechsel in den Osten zu RB Leipzig macht Werner das erste Mal in seiner Karriere einen Schritt aus Stuttgart hinaus, die Stadtgrenzen bildeten bisher auch die Grenzen des fußballerischen Horizonts des 20-Jährigen. Bereits in der F-Jugend wechselte Werner von Steinhaldenfeld, einem Stuttgarter Stadtteil, zum großen VfB – und das, obwohl sein Vater einst für die Kickers spielte. Hier durchlief er eine Bilderbuchkarriere, mit dem B-Jugend Meistertitel als vorläufigen Höhepunkt. Sein Trainer damals: Thomas Schneider, unter dem er sich später auch bei den Profis etablieren sollte. Sein Debüt in der Bundesliga war eine 0:1-Niederlage gegen Leverkusen im August 2013, Trainer Bruno Labbadia wurde wenige Tage am 26.08. von Thomas Schneider abgelöst. Schneider, zu besagter Zeit jung, aufstrebend, modern, kann getrost als Konstrukteur des strahlkräftigen Leitmotivs Timo Werner bezeichnet werden, auch wenn es natürlich die Fans und die Medien waren, die diese Konstruktion vollendeten und ausstellten.

Und von da an war Werner, der fünf Monate zuvor seinen 17. Geburtstag gefeiert hatte, Stammgast in der Bundesliga. 30 Spiele in der ersten Saison, 32 in der zweiten, 33 in der dritten, der Abstiegssaison. Parallel zur Formkurve des VfB verlief aber – hört man auf die breite Masse – die Formkurve Werners. Anfangs gefeiert, zum Abschied verhöhnt. Und das, obwohl die Spielzeit 15/16 Werners effektivste war: Sechs Tore, fünf Vorlagen, persönlicher Bestwert.

Trotzdem wird in Stuttgart nächste Saison zweitklassig gespielt und Werners tiefer Fall vom Leitmotiv zur Hohnfigur geht damit einher. Wie konnte das passieren? Dass das Umfeld in Stuttgart nicht einfach ist, ist kein Geheimnis. Der Grat zwischen Euphorie und Bestürzung bis hin zu ungefilterter Wut ist sehr schmal. Es gibt mehr Faktoren, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden beim VfB Stuttgart. Der Frust über die sportliche Misere zeigt sich eben auch in der Wertschätzung der eigenen Spieler und was das eigentlich erstaunliche ist: Die Stuttgarter haben es geschafft, diese negative Wertschätzung beim Großteil der anderen Fußballfans in Deutschland zu etablieren, die plötzlich der Meinung sind: Werner, das war nur heiße Luft.

Und genau deshalb ist der Wechsel von Werner, bei dem zuletzt ausschließlich misslungene Aktionen bemerkt und angeprangert wurden, nur logisch. Eben angesprochene Faktoren vergrößern beim VfB das Risiko eines weiteren Scheiterns von Werner immens.

Der Sprinter

Selbstverständlich ist es falsch, Werners Schwächen, die es natürlich gibt, als reines Produkt des Stuttgarter Frusts zu verurteilen. Vielmehr sollten die Stärken und Schwächen Werners gegeneinander aufgewogen werden, um ein objektives Bild dieses Spielertypen zu erhalten.

,,Selbstbewusst, unglaublicher Zug zum Tor, wendig, dribbelstark“ – mit diesen Worten wird der Offensivmann von Karl-Heinz Förster, Ex-Nationalspieler und aktuell der Berater von Werner, beschrieben. Natürlich handelt es sich hierbei nicht um eine hundertprozentig objektive Einschätzung, es sind aber bereits viele Attribute des Rechtsfußes herauszulesen. Das offensichtlichste fehlt aber: Werners Schnelligkeit. Selbst in Situationen, in denen der Verteidiger scheinbar günstig steht und den Weg nach innen zu macht, damit Werner an die Außenlinie drängend, schafft es der 20-Jährige, durch seine Explosivität im Antritt, außen vorbeizuziehen. Sein liebstes Werkzeug ist es, den Ball vier, fünf Meter vorzulegen und dann nachzuziehen, es gibt kaum einen Spieler, der ihm in diesen Situationen den Ball ablaufen könnte. Vielmehr zwingt Werner den Verteidiger dadurch zu einem Klärungsversuch, was oftmals ein Foul oder einen überspielten Verteidiger zur Folge hat, oder er zieht ihn mit ins Laufduell, wodurch er auf der Innenseite des Verteidigers einen Raum zwischen diesem und dem Innenverteidiger reist, in welchen dann ein Mitspieler stoßen kann. Auffällig ist, dass Werner dies nicht erst auf Höhe des Sechzehners macht, wo es ja durchaus üblich ist, da die Möglichkeit zum Flanken räumlich näher liegt, sondern bereits beim Erreichen des letzten Drittels oder gar ab der Mittellinie. Warum, mag man sich fragen, sucht er hier schon den Weg nach außen, wo das Risiko eines Ballverlustes ja noch höher ist? Warum spielt er nicht ins Zentrum oder sucht selbst den Weg nach innen, wie man es von technisch starken Außenverteidigern wie Dani Alves, Marcelo oder dem Prototypen des Nach-Innen-Ziehens, Arjen Robben, kennt? Die Antwort offenbart eine Schwäche Werners: Mit dem Ball eng am Fuß ist er nicht besonders schnell, die Dichte an Gegenspielern verbietet ihm also, den Weg ins Zentrum zu suchen. Deshalb sind auch die von Förster genannten Attribute ,,wendig“ und ,,dribbelstark“ kritisch zu betrachten: Sicher, hat Werner nur ein, zwei Gegenspieler vor sich und dahinter einen freien Raum, in den es vorzudringen lohnt, dann kommt er durch seinen Antritt vorteilhaft ins Dribbling und überspielt die Verteidiger mühelos. Halten die Gegenspieler aber den optimalen Abstand, um einen explosiven Antritt durch Stellungsspiel ausgleichen zu können, kann Werner seine beste Qualität, die Schnelligkeit, nicht mehr ausspielen.

Das Selbstbewusstsein und den Zug zum Tor kann man Werner aber nicht absprechen, wurden ihm doch auch des Öfteren, auch mit Blick auf die Jugend des Spielers, Eigenschaften wie ,,unbekümmert“ oder gar ,,rotzfrech“ angehängt. Diese können zweifellos so bestätigt werden, scheut sich Werner doch vor keinem Laufduell oder übersieht auch gerne einmal absichtlich den besser postierten Mitspieler, um selbst den Abschluss zu wagen.

Um nun zum anfangs geforderten objektiven Bild des Spielertypen Werner zu kommen, könnte man festhalten, dass der 20-Jährige ohne jeden Zweifel herausragende Fähigkeiten besitzt, die aber mehr athletischer und mentaler Natur sind. Um von diesen Fähigkeiten zu profitieren, braucht es die richtigen Situationen im Spiel, die aber oft erst von Werner als solche offenbart werden. Nichtsdestotrotz ist Timo Werner kein besonders flexibler Spieler, auch wenn er auf beiden Flügeln oder als Mittelstürmer eingesetzt werden kann – nur auf diesen Positionen kann seine oben beschriebene Spielweise angewandt werden.

Fazit: Von Relevanz

Passt er denn nun auch zu den Roten Bullen? Ja, aber nicht bedingungslos. Auf den ersten Blick mag man meinen, dass der Schnelligkeits- und Angriffsfußball, den ja mittlerweile sogar der Laie mit RB Leipzig gleichsetzt, wie prädestiniert wäre für Timo Werner. Das stimmt auch bis zu einem gewissen Punkt, doch der Leipziger Fußball muss – vor allem im Oberhaus – variabler und unberechenbarer werden, weshalb, wie Ralf Rangnick auch sagt, Timo Werner nur ,,eine Angriffsoption“ ist. Und dieses ’nur‘ muss an dieser Stelle verwendet werden, da es exakt die angestrebte Variabilität in der RB-Spielweise offenbart. Ein 10-Millionen-Euro Transfer ist nicht etwa die neue Größe in der Offensive, nicht der kommende Dauerbrenner, er ist eine Option. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger: Allein die millionenhohe Wertschätzung für ihn zeigt, dass ein Timo Werner in der Bundesliga von Relevanz ist, und dass er doch ein bisschen mehr ist als ein Amateurfußballer

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