Kann man noch über Timo Werner reden, ohne seine Schwalbe vom 3.12. gegen Schalke 04 in den Mund zu nehmen? Die unrühmliche Schauspielaktion, der darauffolgende Elfmeter, die ausgelassene Entschuldigung vor laufender Kamera. Einer der begabtesten deutschen Stürmer wird im Anschluss offiziell zum Abschuss freigegeben. Schließlich hat er mit seiner dreisten Lüge alles Böse in sich („geldgieriger Überflieger“) und seinem Verein („Untergang des Fußball-Abendlandes“) bestätigt. Was folgt sind unzählige Debatten, überfällige Entschuldigungen und unüberhörbare Schmähgesänge bei internationalen Pfeilsport-Veranstaltungen. Der ganze Fall beweist: Eine Szene kann tatsächlich eine sportlich hervorragende Hinrunde in den Hintergrund geraten lassen. Wir wollen dennoch einen Blick auf seinen sportlichen Mehrwert werfen und präsentieren euch heute unsere Transferabrechnung.

Immer für eine Geschichte gut

Timo Werner war seit seinem Bundesliga-Debut ein Spieler, der zwischen Extremen hin und her gependelt ist. Dem jüngsten Spieler, der jemals für den VfB Stuttgart auf dem Platz stand, eilt der Ruf eines besonderen Talents voraus, das Tore am Fließband schießen kann. Doch zu selten spricht man nur über seine Tore. Da wäre der berühmte Handkuss-Jubel nach seinem Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit gegen Hoffenheim in der letzten Saison. Dort hatte er so ausgiebig über seinen Treffer zum 2:2 gejubelt, dass er danach den Siegtreffer liegen ließ und sich von Trainer Zorniger im Fernsehinterview die Ohren langziehen lassen musste. Dazu gehört aber auch ein Brutalo-Foul im Wintertrainingslager gegen einen RB-U19-Spieler oder besagte Schwalbe aus dem Spiel gegen Schalke. Wir reden aber auch vom jüngsten Spieler, der jemals 100 Bundesligaspiele bestritten hat. Oder dem jüngsten Doppelpacker der Liga. Fußballerische Höhe- und Tiefpunkte reichen sich die Klinke in die Hand.

Zu Timo Werner kann man nicht keine Meinung haben, das haben schon seine Stuttgarter Zeiten bewiesen. Das hat er mit seinem neuen Verein gemeinsam. RB Leipzig wird überaus kritisch beäugt und muss sich in regelmäßigen Abständen bezweifeln lassen. Der Aufsteiger spielt aber auch eine fantastische Serie bis hierher, ist Tabellenzweiter mit sieben Punkten Vorsprung auf den Dritten und begeistert mit hervorstechendem Angriffsfußball. Einer der Hauptgründe dafür ist auch jener Timo Werner. Verein und Spieler sind zwei, die sich gesucht und gefunden haben, auch das haben die ersten 20 Spieltage bewiesen.

Passende Stärken für das Spiel nach vorne

Werners Stärken passen perfekt zum Spielstil der Leipziger, das hat unser Redakteur Lukas bereits im Sommer anschaulich festgehalten. Nochmal zur Zusammenfassung: Der Stürmer weiß vor allem durch seine Schnelligkeit zu überzeugen. Im Konterspiel des Aufsteigers kann er die großen Lücken vor ihm nutzen, um in freie Räume zu gelangen oder per Dribbling das Spiel voranzutreiben. Dabei kommt ihm auch seine Technik zugute, die er bei der Ballbehandlung beweist. Werner versteht es wie kaum ein anderer, den Ball blitzschnell mitzunehmen und dann das Tempo anzuziehen. Sein Gespür für die richtige Position auf dem Feld gepaart mit seinem feinen Antritt machen ihn zum idealen Spielertypen für Hasenhüttl’s Spiel nach vorne. Dazu kommt auch, dass der Trainer endlich die richtige Position für Werner gefunden hat. Durfte er in Stuttgart teilweise noch als Linksaußen spielen, wirkt er als zweiter Stürmer befreiter und leichtfüßiger.

Sein Drang zum Tor kommt somit umso mehr zum Vorschein. Nur drei Spieler geben mehr Torschüsse in der laufenden Saison ab. Aus diesen insgesamt 21 Torschüssen generiert der junge Stürmer elf Saisontreffer, womit er der aktuell gefährlichste deutsche Torjäger der Bundesliga ist (#sandrowagnergefälltdasnicht). Besonders gefährlich ist er dabei im Strafraum, wo er fast alle Treffer erzielt. Seine Beidfüßigkeit erlaubt es ihm außerdem, selbst Bälle beim ersten Kontakt gefährlich auf das gegnerische Tor zu bringen. Seit seinem Wechsel zu Leipzig hat er zudem im Spiel gegen den Ball große Fortschritte gemacht und zeigt sich als engagiertes Puzzleteil in der Pressingmaschine des Aufsteigers.

Wider die Erwartungen

Schwächen zeigt er dagegen in einigen anderen Bereichen seines Spiels. Da wäre das Passspiel, bei dem ihm immer wieder Fehler unterlaufen. Er spielt ohnehin schon nur 22 Pässe pro Spiel, bringt davon aber nur etwas mehr als zwei Drittel an den Mann. Dazu zeigt er sich auch zu ineffektiv in vielen Dribblings auf engerem Raum, bei denen er nach wie vor noch zu viele Bälle verliert. Geht Werner einmal der Platz aus, tut er sich schwer. Auch seine Quote außerhalb des Strafraums ist ausbaufähig, da er momentan ganze zwei Torschüsse außerhalb des 16ers abgegeben hat. Seine größte Schwäche bleibt aber wahrscheinlich das Eins-gegen-Eins gegen den Torhüter, da er in diesen Situationen noch zu viele Tore liegen lässt und ein ums andere Mal unglücklich agiert.

Wie bereits erwähnt, wird Werner vornehmlich in vorderster Front als einer von zwei Stürmern eingesetzt. Dass er sich dabei als Stammspieler fest spielen kann, war trotz einer Ablösesumme von 10 Millionen Euro nicht gewiss. In der Aufstiegssaison setzte RB noch auf das Duo Selke und Poulsen und beide schienen auch als Favoriten in die neue Saison zu starten. Davie Selke entschied sich aber, den Sommer in Rio bei den Olympischen Spielen zu verbringen und verpasste somit die Saisonvorbereitung und das Recht, auf seinen Stammplatz zu pochen. Hasenhüttl hatte in der Vorbereitung daher eher Poulsen und Sabitzer auf dem Zettel, um sein erfolgreiches Spiel des Aufstiegsjahres zu kopieren.

Doch Werner empfahl sich trotzdem mit einer starken Vorbereitung und startete sogar die ersten beiden Ligaspiele. Bleibenden Eindruck hinterließ er aber erst am 3. Spieltag. Beim Spiel gegen den HSV kam er von der Bank zur Halbzeit ins Spiel und wirbelte die Hanseaten vom Platz, indem er zwei Treffer erzielte. Der endgültige Durchbruch für den Stürmer.

Kontrovers aber erfolgreich

Seitdem ist er nicht wegzudenken aus dem Spiel des Überraschungs-Zweiten. Neben dem emsigen und ackernden Poulsen besticht Werner mit seiner Torgefahr und ist gemeinsam mit Naby Keita, Willi Orban und Emil Forsberg das Gesicht des Aufschwungs der Ostdeutschen. Es passt einfach bei den Leipzigern, weil die Mannschaft bestens zusammengestellt worden ist. Werner ist hier keine Ausnahme, denn die zweistellige Millionenablöse hat sich bereits rentiert. Seine mühelose Integration ist beispielhaft für den Plan, mit dem die Leipziger Spieler zu sich lotsen. Dass es dabei auch zu Nebengeräuschen außerhalb des Platzes kommen kann, ist man seit der Vereinsgründung gewohnt.

Zwar mögen einige überrascht gewesen sein, ob der Wellen, die die Werner-Schwalbe nach sich gezogen hat, aber der Verein versucht seither, den Spieler bestmöglich zu schützen. Kein Verantwortlicher (Werner, Rangnick, Hasenhüttl) hat in der Angelegenheit zu dem Zeitpunkt glücklich agiert, aber blendet man dieses eine Vergehen aus, dann reden wir von einem der Top-Transfers des vergangenen Sommers. Eine Schwalbe macht halt noch keinen Sommer bzw. schlechten Menschen.

Es ist wie immer bei den Leipzigern. Man muss die Art und Weise nicht mögen oder schätzen, aber die blanken Zahlen bestätigen die außerordentliche Arbeit, die vor Ort geleistet wird. Der Werner-Transfer reiht sich lediglich in eine Reihe guter Entscheidungen ein, die am Ende der Saison nach Europa führen werden.

 

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