In Bremen gibt es dem Anschein nach einige ungeschriebene Gesetze: Es kann nur jemand Cheftrainer werden, der vorher lange genug im Verein tätig war. Clemens Fritz muss wahrscheinlich noch ein paar Jahre dranhängen, falls er seine Karriere mit einer „vernünftigen“ Abschiedssaison beenden will. Bremens Abwehr kassiert ohnehin reichlich Tore, also müssen Spiele in der Offensive gewonnen werden. Zu letzterer Devise passt auch der Bremer Transfer von Thomas Delaney, Herz und Kapitän des FC Kopenhagen, der in dieser Saison vor allem in der Champions League bereits für Aufsehen sorgen konnte. Denn obwohl Kopenhagens Abwehr in der diesjährigen Champions League kaum bezwingbar scheint, verstärken sich die Werderaner, entgegen aller logischer Erwartungen, mit dem Offensivmotor des dänischen Meisters.

Der etwas andere Wintertransfer

Die Transferumstände waren gewiss ungewöhnlich. Sportchef Frank Baumann sah sich im vergangenen August gezwungen, den Spieler vorzeitig zum Winter nach Bremen zu holen, um finanziell verlockenderen Angeboten im kommenden Sommer zuvorzukommen. Eine solche Wechselkonstellation mutet in diesen Breitengraden atypisch an, sie hat den Bremer Anhängern jedoch die Gelegenheit gegeben, ihren Neuzugang zwischen September und Dezember auf höchstem europäischem Niveau beobachten zu können.

Mit Delaney verpflichten die Bremer ein Kopenhagener Eigengewächs und einen aktuellen dänischen Nationalspieler mit US-Wurzeln, der seit seinem Debut 2010 zu einer Identifikationsfigur in und um den Verein herum herangewachsen ist. In mittlerweile weit über 200 Pflichtspielen in Liga, Pokal und Champions League hat er sich zu einer unumgänglichen Größe in der Mittelfeldzentrale entwickelt. Nicht zuletzt seine starken Leistungen haben ihn zu einem Fan-Liebling werden lassen, wie einige YouTube-Videos zeigen. Aber was genau zeichnet den Werder-Neuzugang aus?

Vertikales Offensivspiel trifft defensives Risiko

Der bereits angesprochene Offensivdrang lässt sich am ehesten an Delaneys vertikalem Passspiel verdeutlichen. Immer wieder sucht er lange Pässe in die Spitze oder nutzt Flügelwechsel, um das Spiel seiner Mannschaft anzukurbeln. Gerade die Heatmaps der Champions League-Spiele beweisen, dass Delaney den schnellsten Weg in die Spitze sucht und diese riskanten Pässe auch zu gut zwei Dritteln an den Mitspieler bringt. Kein überragender Wert, aber doch mehr als akzeptabel. Überhaupt zeichnet den Dänen eine gute Passgenauigkeit aus, wenn man die Anzahl langer und vertikaler Bälle in seinem Spiel bedenkt. Weit über 80% seiner Zuspiele kommen an und machen ihn damit zu einem idealen zentralen Mittelfeldspieler auf der „Acht“. In einem Vierer-Mittelfeld bekleidet er den offensiveren Part und agiert als Antreiber seiner Mannschaft, der sich zusätzlich in Luftduellen aufreibt und mit Kampfgeist vorangeht. Gepaart mit seiner Lauffreudigkeit (knapp zwölf Kilometer pro Spiel) wird er so zum leidenschaftlichen Anführer seines Teams.

Doch Delaney besticht nicht allein durch Einsatz und Kreativität in der Offensive, sondern auch durch einen ausgeprägten Torriecher, den er regelmäßig unter Beweis stellt. In der heimischen Superligaen hat er bereits sechs Treffer in 18 Partien der laufenden Saison erzielt und damit seine Quote aus den Vorjahren weit übertroffen. Auch in der Champions League gelang ihm ein (Traum-)Tor gegen den FC Brügge. Diese offensiven Akzente sind vor allem seinem kongenialen Partner im Mittelfeld zu verdanken. Mit dem Ex-Stuttgarter William Kvist hält ihm im Verein und in der Nationalmannschaft jeweils ein Spieler den Rücken frei, der sicher Bälle verteilt und geschickt Räume im Mittelfeld verdichtet. Der Einfluss eines defensiv-orientierten Sechsers ist elementar für die Stärken des Bremer Neuzugangs.

Obwohl das Kopenhagener Spiel gerade international durch gute Abwehrarbeit geprägt ist, wird deutlich, dass Delaney in dieser Hinsicht die größten Defizite aufweist. Zwar liegt seine Zweikampfquote mit 50% im akzeptablen Bereich, seine körperliche Unterlegenheit wird ihm jedoch ein ums andere Mal zum Verhängnis. Das beweisen auch acht gelbe Karten in 18 Ligaspielen, auch wenn einige davon taktischen Fouls geschuldet sind. Seine Neigung zu einem riskanten Vertikalspiel bietet auch immer wieder Kontergelegenheiten für die gegnerische Mannschaft. Bei einer gefestigten Abwehr mag dies weniger zu einem Problem werden, als bei einer defensiv anfälligen Mannschaft, wie sie Bremen momentan darstellt. Damit kann eine seiner großen Stärken auch schnell zu einer Gefahr werden.

Bremer Systemfrage

Um Delaneys möglichen Einfluss auf das Bremer Spiel beurteilen zu können, muss man zwei System-Möglichkeiten bedenken. Bremen behält ein 4-1-4-1 (bzw. 4-3-3) bei, wie über weite Teile der Hinrunde oder man wechselt in eine Art 4-2-3-1 durch die Rückkehr von Max Kruse und Claudio Pizarro.

In einem System mit drei zentralen Mittelfeldspielern kann der Däne vorzugsweise auf den Halbpositionen eingesetzt werden, die momentan von Zlatko Junuzovic und Florian Grillitsch bzw. Clemens Fritz bekleidet werden. Sein Spielstil ähnelt hierbei dem von Junuzovic am ehesten, da beide ihre Stärken im Spiel nach vorne besitzen. Inwiefern die beiden zusammen auf dem Platz stehen können, Stichwort Defensivbewegung, darf bezweifelt werden. Die offensive Veranlagung Delaneys und seine bevorzugten langen Bälle auf die Außenbahnen dürften den Flügelspielern deutlich entgegen kommen. So könnte zum Beispiel die Schnelligkeit von Serge Gnabry noch mehr zur Geltung kommen.

Anders verhält es sich im 4-2-3-1-System (oder 4-4-2), wie es Trainer Nouri letztes Wochenende beim Ingolstadt-Sieg spielen ließ. Hier würde der Neuzugang in einen unmittelbaren Positionskampf mit Junuzovic treten, da nur einer der beiden den offensiveren Part der Doppelsechs für sich beanspruchen kann. Zweifelsfrei würde eine solche langfristige Systemänderung Delaneys spielerischen Möglichkeiten zugutekommen, zumal sein österreichischer Konkurrent dieses Jahr bisher weit unter den Leistungen der vergangenen Jahre geblieben ist.

Bei beiden Systemen bleibt aber das Problem, dass kein passsicherer Sechser im Kader zu finden ist, der eine Kvist-Rolle einnehmen kann. Fritz zeigt sich in dieser Saison zweikampfstark, aber seine Passquote liegt aktuell nur bei 70% bei einer häufigen Neigung zu langen Bällen. Grillitschs Passgenauigkeit ist zwar höher als die von Fritz, dennoch fühlt er sich eine Reihe weiter vorne deutlich wohler, als auf der Sechs. Damit bliebe noch Rückkehrer Philipp Bargfrede übrig, dessen Hereinnahme gegen Ingolstadt positiven Einfluss auf das Bremer Spiel hatte. Sollte er verletzungsfrei bleiben, könnte er mit seinen Fähigkeiten und seinem Positionsspiel die ideale Ergänzung zu Thomas Delaney und vielleicht der ersehnte Mann vor der Abwehr sein. Andernfalls wird Werder über kurz oder lang einen weiteren Spieler im defensiven Mittelfeld verpflichten müssen.

Mit Delaney zum Erfolg?

Bei beiden Systemen und unabhängig vom Mittelfeldpartner bzw. den Mittelfeldpartnern muss festgehalten werden, dass die Bremer eine andere Spieleröffnung finden müssen, um Delaney optimal integrieren zu können. Zu oft geht Bremen auf zweite Bälle nach langen Schlägen aus der Abwehr und zu selten wird auch das Mittelfeld in den Aufbau miteinbezogen. Dies mag zwar dem Abstiegskampf geschuldet sein, kann aber kein langfristiges Konzept sein, wenn man die spielerischen Möglichkeiten im Mittelfeld bedenkt.

Um diese Mängel zu beheben, macht die Verpflichtung von Thomas Delaney Sinn. Daher kann man Frank Baumann dazu gratulieren, einen 25-jährigen Vorzeigeprofi mit weit über 200 Pflichtspieleinsätzen verpflichtet zu haben, an dem zuletzt auch Celtic Glasgow und der FC Everton interessiert waren. Er wird die akuten Bremer Defensivprobleme zwar nicht beheben können, stellt aber in jedem Fall ein offensives Upgrade im Kader dar, das es einzubinden gilt. In einer gefestigten Mannschaft wird Delaney für spielerische Akzente sorgen können und Zlatko Junuzovics Position ab Januar streitig machen.

Facebook-Kommentare