Als Slaven Bilic in ruhiger Atmosphäre gebeten wurde, die Emotionen eines normalen Fußballfans mit denen der Anhänger aus der Türkei zu vergleichen, wurde schnell klar, mit welcher Leidenschaft die türkischen Fans zwischen Istanbul und Trabzon den Fußball lieben, leben, aber auch mitleiden und mitfühlen. Besonders Bilics derzeitiger Arbeitgeber Besiktas Istanbul sticht neben dem weltrekord-prämierten Anhang, auch mit einer interessanten sportlichen Ausrichtung und Entwicklung hervor, die sich nuanciert wohltuend vom finanzkräftigen Wettrüsten der Istanbuler Konkurrenz unterscheidet.

Geschichte

Der türkische Traditionsverein Besiktas Istanbul wurde im Jahre 1903 gegründet und gilt gemeinhin als ältester Verein der türkischen Fußballhistorie, sodass im Jahre 1952 die damalige Mannschaft auch als Nationalmannschaft angetreten ist, sodass die einstigen Vereinsfarben noch rot-weiß waren und bis heute die türkische Flagge als respektvolles Zeichen im Emblem des Klubs verewigt ist. Nach der Niederlage des osmanischen Reiches änderte man dann die Vereinsfarben auf schwarz/weiß, mit dessen Farbkombination die Karakartallar (schwarze Adler) bis heute auflaufen. Der 13-malige Meister der türkischen Süper Lig ist Bestandteil eines jahrzehntelangen Kampfes um die Vorherrschaft im Istanbuler Vereinsfußballes, aber sorgt auch abseits des Fußballs für Furore, da man neben vielen unterschiedlichen Sportarten, eine erfolgreiche Basketball-und Handballtradition pflegt. Die letzte Fußball-Meisterschaft ist jetzt bereits über 5 Jahre her, sodass man hauptsächlich aufgrund von finanziellen Engpässen beim Stadionneubau, einige Zeit lang den Kürzeren zog im Vergleich zu Galatasaray und Fenerbahce.

Fanszene und Stadion

Die zurzeit neu gebaute Vodafone-Arena wird unmittelbar am Bosporus liegen, insgesamt über 41.000 Zuschauerplätze verfügen und den normalen Fans, sowie den Ultras der größten Vereinigung „Carsi“ eine neue Heimat bieten. Diese Carsi-Gruppierung sorgte international für Aufsehen als man bei den Protesten gegen Premierminister Erdogan am Taksim-Platz eine besondere Rolle der Vermittlung mit der Polizei spielte und zahlreiche karikative Zwecke unterstützt. Die Besiktas-Anhänger haben vor ein paar Jahren im altehrwürdigen Inönü-Stadion einen Lautstärkerekord von 132 Dezibel aufgestellt, sodass gegnerische Mannschaften häufig mit einer gewissen Ehrfurcht den Rasen dieses ohrenbetäubenden Hexenkessels betreten haben. Dieser Vorteil schwindet momentan jedoch etwas, da Besiktas aufgrund des Stadionbaus in das Attatürk-Stadion ausweichen muss, zu denen Spielen jedoch nur ein Bruchteil der Fans erscheinen.

Trainer

Die international bunt gemixte Truppe von Besiktas Istanbul verfügt mit dem eingangs erwähnten kroatischen Trainerfuchs Slaven Bilic einen ausgewiesenen charismatischen Trainerkopf, der besonders aufgrund seiner Emotionalität und Fachkenntnis zu den Ansprüchen des Arbeitervereines bestens passt. Bilic legt neben dem Training, auch im täglichen Umgang ständig den Fokus auf den zwischenmenschlichen Bereich, sodass Grundwerte wie Ehrlichkeit, Herzlichkeit und Emotionalität keine Worthülse darstellen. Bilic lässt sich zudem von Biographien von besonderen Trainerpersönlichkeiten diverser Sportarten inspirieren, sodass er teilweise zu unorthodoxen Methoden greift, wie zum Beispiel der Methode der Visualisierung, in der sich zum Beispiel ein Stürmer mit geschlossen Augen Spielverläufe mental im Kopf durchspielt und mögliche erfolgreiche Wege zum Torabschluss selbstständig fokussiert erarbeitet.

Mannschaft

Der aktuelle Tabellenzweite der Süper Lig gehört zurzeit zu den stärksten Auswärtsmannschaften der Liga, da man außer 2 Niederlagen, bisher alle Spiele gewinnen konnte und somit trotz geringerer Finanzstärke als manche Konkurrenten munter um den Titel mitmischt. Besiktas machte aus der Not eine Tugend und setzt seit einiger Zeit auf einen Mix aus hungrigen, talentierten einheimischen Spielern wie Kerim Frei, Tolgay Arslan, Gökhan Töre oder Olcay Sahan und einer Ansammlung von routinierteren internationalen Spielern wie dem Ex-Bayern Spieler Sosa, Atiba Hutchinson und dem europaweit bekannten Knipser Demba Ba, der in dieser Saison bereits 13 Treffer für die Karakartallar erzielte. Zudem verfügt man über einen qualifizierten Nachwuchsunterbau aus dem Talente wie Oguzhan Özyakup schnell den Sprung in die Profimannschaft schaffen können. Besonders über die offensivstarken Außenspieler Töre und Sahan, sowie den abgeklärten, routinierten Spielern im zentralen Mittelfeld um Kavlak und Hutchinson besitzt Besiktas ein homogenes Mannschaftsgefüge, was mit dem abgebrühten Torjäger Demba Ba veredelt wird. Trotz einer gut verlaufenden Saison würde eine potenzielle Verstärkung in der Verteidigung Besiktas in der Zukunft gut zu Gesicht stehen. Die Winterneuzugänge in der Verteidigung Opare und Milosevic brauchen sicherlich noch etwas Anlaufzeit und man wird sehen müssen, ob man nicht noch einmal im Sommer in der Defensive, mit gerüchteweise kursierenden Spielern wie Lescott oder Inler, aufrüstet.

Fazit

Mit 47 Punkten ist Besiktas noch chancenreich im Titelrennen vertreten, sollte jedoch versuchen vermeidbare Ausrutscher wie am Wochenende gegen Eskisehirspor zu vermeiden und Führungsspieler wie Atiba Hutchinson sich häufiger unter Kontrolle haben, da man mit einer hohen Anzahl an Verwarnungen und Platzverweisen sich sichtlich schwächt und wichtigen Boden im Kampf um die Meisterschaft verliert. Wenn man sich weiter auf seine Stärken fokussiert, im Laufe des Jahres in das neue Stadion einzieht und die Fans wieder ins zweite Wohnzimmer ihres Lebens einziehen können, besteht neben dem sportlichen Entwicklungspotenzials auch durchaus die Wahrscheinlichkeit an neue Lautstärkerekorde zu kratzen. An der Emotionalität wird es zumindest von keiner Seite scheitern!

Facebook-Kommentare