Januar 2011: Nach einer überragenden Hinrunde führt Jürgen Klopps Borussia Dortmund die Bundesligatabelle mit 43 Punkten an, ganze 14 Punkte dahinter: Der FC Bayern auf Platz fünf. Maßgeblich beteiligt am schwarzgelben Erfolg: Der damals 20-jährige Japaner Shinji Kagawa, der im Sommer als No-Name aus Japan nach Dortmund gewechselt war, in der Hinrunde aber acht Treffer erzielte und einen vorbereitete. Während man also in Dortmund glückselig ist, grämt man sich in München – und sucht verzweifelt nach den Dortmunder Mitteln zum Erfolg. Eines ist bekannt: Der No-Name-Japaner. Da die Münchner aber besser sein wollen als die Dortmunder, holen sie keinen ehemaligen Zweitligaspieler, sondern: Takashi Usami, der noch im Sommer zum ,,besten jungen Spieler der J-League“ gewählt wurde. Der Wechsel zerschlägt sich zunächst, aber im Juli, nachdem die Oberbayern den Dortmundern beim Stemmen der Meisterschale zusehen mussten, klappt der Wechsel. Mit dem Erfolg klappt es allerdings nicht: In der kommenden Spielzeit wird schon wieder der BVB Meister und Usami bringt den Bayern höchstens ein paar Fans aus Fernost. Folglich wird der Jungspund weiter ins Kraichgau gereicht und wechselt danach zurück nach Osaka, wo man mittlerweile in der zweiten Liga spielte. Was ist nur aus dem besten jungen J-League-Spieler geworden? Er ist wieder da – und zwar in Augsburg. Und sagt: ,,Damals war ich zu jung.“ Jetzt soll alles besser werden.

Bayerischer Kagawa

Usami begann das Fußballspielen im Alter von sechs Jahren in seinem Geburtsort bei Nagaokakyo S.S., ehe er fast sechs Jahre später in die Jugend von Gamba Osaka – ein Jahr vor seinem Geburtsjahr erst gegründet – wechselte. Seine stringente Entwicklung bei Gamba resultierte in einer starken Saison 2009/10, in der er als 17- bzw. 18-Jähriger 26 mal zum Einsatz kam, sieben Tore schoss und drei Vorlagen gab. Dies bescherte ihm den Titel des besten jungen Spielers der J-League, eine Auszeichnung, die europäische Clubs von Scouting-Bemühungen größtenteils zu befreien schien und ein Juwel bereits kennzeichnete. Anders als bei Kagawa, der zwar auch über eine Agentur nach Deutschland gekommen war, aber das Ergebnis einer intelligenten Scouting-Methodik war, bemühte man sich beim FC Bayern weniger um eine stichfeste Prognose zur Wettbewerbsfähigkeit des jungen Japaners in der deutschen Bundesliga, sondern mehr um die möglichst schnelle Abwicklung des Transfers – umsonst. Gamba Osaka ließ Usami im Winter 2011 noch nicht gehen, erst im Sommer kam ein Leihgeschäft zustande, allerdings mit Kaufoption, was zugunsten bayerischer Nachhaltigkeitsbemühungen ausgelegt werden kann und einem Schnellschuss-Transfer ein wenig entgegensteht.. Nichtsdestotrotz scheiterte das usami’sche Engagement in München und auch in Hoffenheim, wo man ebenfalls dem Modell Leihe-mit-Kaufoption vertraute, blieb die Beziehung mehr oder weniger glücklos. Die Erklärung liefert der Spieler selbst, die BILD zitierte den mittlerweile 24-Jährigen kürzlich: ,,Ich war zu jung für die Bayern.“ Nicht nur für die Bayern, sondern wohl generell für ein erfolgreiches Auslandsabenteuer. Denn am mangelnden Können kann der Misserfolg nicht festgemacht werden, obgleich die Bundesliga sicherlich nicht vergleichbar mit der J-League ist. Trotzdem: In seiner ersten japanischen Saison seit Deutschland erzielte Usami 29 Tore in 28 Spielen, insgesamt traf der Offensivmann mit erst 24 Jahren in 190 Spielen 89 mal für Gamba, hinzu kommen 45 Assists. Beeindruckende Zahlen – die Usami bei seinem nächsten Anlauf den Rücken stärken.

Die eineinhalb Millionen Euro, die www.transfermarkt.de entgegen des vertrauten schwäbischen ,,Stillschweigen über die Ablösemodalitäten“ kolportiert, sind keine besonders bemerkenswerte Summe, an den aktuellen Dimensionen gemessen. Jedoch zeigt allein die Tatsache, dass Usamis aktueller Wechsel keine ,,Leihe mit Kaufoption“ mehr ist, dass es Stefan Reuter und der FCA, aber eben auch Usami, dieses Mal ernst meinen. Vier Jahre älter und persönlich wie sportlich gereift soll der Durchbruch endlich gelingen – aber was kann der Offensivspieler überhaupt?

Alles-oder-nichts Defensivbundregulator

Der schmächtige Japaner ist vor allem eines: Beid- und leichtfüßig, besonders letztere Gabe legt den Rahmen seines Spielertypes fest. Usami ist absolut überdurchschnittlich gut, was Koordination und Reaktion angeht, auch mit Ball. Das bedingt auch seine stets vorbildlich enge Ballführung und das Bewahren der Übersicht beim Vorstoß in gegnerische Abwehrreihen. Diese Übersicht begleitet ein gutes offensives Spielverständnis, welches bei seinen Dribblings zum Vorschein kommt. Am Ball versteht es Usami bestens, das Tempo und die Richtung seiner Wege so zu regulieren, dass eine größtmögliche Unsortiertheit des konträren Defensivverbunds resultiert. Typisch für den 24-Jährigen ist auch, dass er dann nach dem alles-oder-nichts-Prinzip agiert: Ein Abschluss oder ein letzter Pass ist die Folge, denn Platz schafft sich Usami durch die regulierten Dribblings am Ende immer, doch nicht zu hundert Prozent ist die neue Situation dann auch für eine solch absolute Aktion günstig. Im Klartext bedeutet das, dass es dem Japaner fehlt, in diesen Momenten auch eine Spielverlagerung in Kauf zu nehmen und den Kompromiss zu akzeptieren, nicht eine Torchance erzwingen zu können.

Interessant wird auch die Adaption Usamis an das Augsburger Spiel sein. War er es in Osaka gewohnt, in einer dominierenden Mannschaft aufzutreten, wird der FCA wohl auch unter Schuster mehr auf den Erfolg des Umschaltspiels setzen. Passt Usami in dieses Konzept? Realistisch sind zwei Szenarien. Das positivere sieht vor, dass der Japaner von den größeren Räumen, in denen das Augsburger Offensivspiel dank des Umschaltspiels stattfindet, profitiert und durch seinen Antritt und die tadellose Ballführung im hohen Tempo noch besser vorteilhafte Situationen im Konterspiel erzwingen kann. Das negative Szenario gründet sich auf dem Fundament des Augsburger Umschaltspiels, dem ein kluges, im vordersten Drittel passives Pressing vorangeht. Schafft Usami es nicht, sich in dieses Kollektiv richtig einzuordnen, steht er auch nach der Balleroberung und zu Beginn der Offensivaktionen nicht richtig und bleibt mehr oder weniger außen vor, im wahrsten Sinne des Wortes.

In einer Sommerpause, in der auffällig oft scheinbar gute Transfers getätigt wurden und werden, lässt man sich auch in der Fuggerstadt nicht lumpen. Transfers wie Ajeti, Finnbogason und Gouweleeuw lassen sich als situationsbedingt vorgezogene Sommertransfers beschreiben, mit Friedrich wurde nun für die Innenverteidigung und mit Teigl für die alternde Personalsituation auf den Flügeln vorgesorgt. Der Transfer von Usami lässt sich ebenso letzterem Zweck unterordnen und ermöglicht auch für Außenstehende eine logische Nachverfolgung von Reuters Transferpolitik.

Kann Usami den lupenreinen Ruf seines Sportdirektors weiter untermauern oder wird er weiterhin nur der ehemalige beste junge J-League-Spieler bleiben? Welches Szenario denn nun eintreffen wird, lässt sich natürlich nicht sagen, allerdings darf die Komponente Dirk Schuster nicht ganz außer Acht gelassen werden. Der ehemalige Darmstädter ist ein Vorbild in Sachen Effizienz, der aus dem vorhandenen Spielermaterial auch im Kollektiv das möglichste herausholen kann. Deshalb darf vermutet werden, dass die Beziehung Usami-FCA glücklicher wird als die vorausgegangenen japanisch-deutschen Partnerschaften.

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