Da saß der blutjunge 16-Jährige Jonathan Tah in einem überdimensionierten Sessel zu seinem ersten Interview vor den Kameras von Sky. Die Scheinwerfer leuchteten und auch wenn er bereits damals deutlich physisch hervorstach, erklärte der Hamburger Nachwuchsspieler schüchtern, aber mit deutlichem Ehrgeiz seine ersten Ziele auf dem Weg Profispieler zu werden. Drei Jahre sind seitdem vergangen und der deutsche U19-Kapitän hat seinen Profitraum mehr als realisiert, wechselt jetzt als hochgeschätztes Innenverteidiger-Talent für eine geschätzte Ablösesumme von 7-10 Millionen bis 2020 zu Bayer Leverkusen und tritt damit in die Fußstapfen einer Reihe von Hamburger Eigengewächsen, die den gleichen Weg Richtung Rheinland beschritten. Wie die Perspektiven bei der Werkself aussehen, warum die Hamburger eines ihrer großen Talente ziehen lässt und was den Spielertyp Tah kurz-bis langfristig ausmacht, liest du im heutigen Artikel.

Sportliche Vergangenheit

Der 19-jährige Rechtsfuß Jonathan Tah stammt aus dem Nachwuchs des HSV und feierte unter Trainer Thorsten Fink als jüngster HSV-Spieler sein Debüt für die Rothosen. Nach dem Trainerwechsel spielte sich der europaweit gejagte, gebürtige Hamburger in der Startelf fest, spielte 16 Bundesligaspiele und galt trotz seines Alters, als einer der Konstanten und Leistungsträger im Hamburger Abwehrverbund unter Bert van Marwijk.In der Folgezeit unter Nachfolger Slomka nahm man Tah etwas aus der medialen Schusslinie, setzte den Fokus auf seine schulischen Leistungen und der Aushilfe im Abstiegskampf der Jugendteams, sodass Tah weniger spielte und sich nach Düsseldorf in die 2.Liga ausliehen ließ, wo er als Stammspieler und Leistungsträger mit überdurchschnittlichen Leistungen derart zu überzeugen wusste, dass nun Bayer Leverkusen hartnäckig Interesse zeigte und das Ringen um Tah gewann.

Aktuelle Situation Hamburg

Die Hamburger verlieren nach Calhanoglu, Sam, Son und Öztunali nun einen weiteren Rohdiamanten an Bayer Leverkusen, was in erster Linie an finanziellen Gründen liegt, um die Liquidität im sportlichen Spielbetrieb zu sichern. Das Problem war, man lebte in der Vergangenheit auf großem Fuß in der Hansestadt und bezahlt trotz zahlreicher Abgänge von Großverdienern wie van der Vaart oder Jansen, die Laster der Transfer-und Gehaltspolitik der Vergangenheit und muss nun auch im Hinblick auf fehlende Ressourcen zur weiteren personellen Verstärkung sowie der angestrebten Autonomität von den Kühne-Millionen, sein größtes Tafelsilber verkaufen, allerdings zu einem fairem Preis, der über dem momentanen Marktwert von Jonathan Tah liegt. In der Innenverteidigung rückt nun allerdings mit Gideon Jung, ein weiteres, vielversprechendes Talent ins Licht der Öffentlichkeit, der das Quartett um Neuzugang Spahic, sowie Djourou und Cleber Reis komplettiert. Er bringt zwar nicht die physische Entwicklung von Tah mit, besticht aber durch Qualitäten im Spielaufbau und der Ballbehandlung. Die Hamburger sind trotz des Abganges von Tah gut in der Innenverteidigung aufgestellt und können nun positive Weichen setzen, für qualitativ hochwertige Neuzugänge wie beispielsweise den Schweden Ekdal, um die letztjährige Horrorsaison endgültig vergessen zu lassen und wieder in ruhigere Fahrgewässer zu geraten.

Sportliche Situation in Leverkusen und Spielertyp

In Leverkusen wird die Konkurrenz allerdings für den deutschen Juniorennationalspieler mit Wurzeln aus der Elfenbeinküste nicht kleiner, denn dort streitet sich Tah mit Papadopoulos und Jedvaj um den Platz neben Abwehrchef Ömer Toprak in der Bayer-Innenverteidigung.Toprak gilt in diesem Konkurrenzkampf zurecht als unumstritten und dürfte zum Start mit Papadopoulos die Innenverteidigung bieten, da der große Erfahrungsschatz, Spielstärke und die Explosivität des impulsiven Griechen momentan höher anzusiedeln sind, da „Papa“ sich auch zudem schon ein Jahr an das anspruchsvolle Konzept von Roger Schmidt anpassen konnte. Jedvaj wird vermutlich auf der defensiven Außenbahn eingesetzt und Tah wird nun im neuen Umfeld zunächst lernen müssen, aber durch Rotation durchaus schon jetzt Spielpraxis sammeln.

Die Stärken von Jonathan Tah sind zweifelsohne seine schon im Jugendbereich unglaubliche Physis, bei der besonders englische Teams in der Vergangenheit aufhorchten und in ein paar Jahren auch weiter aufhorchen dürften, da er vom Spielertyp exakt in den britischen Fußball passt. Vom Spielertyp ähnelt der gebürtige Hamburger, Weltmeister Jerome Boateng und trotz seiner Masse und dem enormen Körper ist Tah auch überaus versiert im Passspiel und Spielaufbau, war außerdem bereits in seinen ersten Bundesligaspielen mit einer Zweikampfquote von 63% besser als Hummels oder Stranzl, sodass man als charakteristische Stärke sein Zweikampfverhalten anzuführen ist, das ihn in Liga 2 derart unumstritten machte. Tah bringt außerdem durch seine mentale fokussierte Art Führungsqualitäten mit, benötigt jedoch insbesondere bei dem Schritt im Bundesliga-Oberhaus einen starken Nebenmann um weiter zu reifen und insbesondere im Stellungsspiel und an seiner Technik weiter zu pfeilen.

Fazit

Mit Jonathan Tah verpflichten die Leverkusener ein hoffnungsvolles Talent mit ungeheurem Potenzial, der bereits eine besondere Reife mitbringt, allerdings sich zunächst noch hinter Toprak und Papadopoulos einreihen sollte. Leverkusen hat in der Vergangenheit mit seinem ruhigen Umfeld bewiesen ein attraktives Parkett für hochtalentierte Spieler zu bieten und allein aufgrund der Dreifach-Belastung wird Tah zu seinen Einsätzen kommen. Die Hamburger werden fürstlich entlohnt, haben für Ersatz gesorgt und können nun andere Lücken schließen.Die körperlichen Vorteile gegenüber seinen Mitspielern sind im Vergleich zum Nachwuchsbereich geringer, die Konkurrenz stärker und mit 16 Bundesliga-Spielen wird er sich im Haifischbecken erst beweisen müssen, ob er auch ein Champions-League-Team sofort verstärken kann, aber das Potenzial mittelfristig Stammspieler bei der Werkself und langfristig Nationalspieler zu werden bringt Tah allemal mit. Tah macht auf jeden Fall seine nächsten Schritte in seiner Karriere und man sollte ihn in Ruhe reifen lassen und nicht mit überzogenen Erwartungen hemmen, doch der Schritt ist nachvollziehbar und vielleicht hat er von der Bundesliga-Karriere ja bereits damals gedanklich vor den Sky-Kameras und in den vier Wänden seines Internatszimmers geträumt.

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