Sandro Wagner ist ein Profi, dessen Karriere bisher alles andere als stromlinienförmig verlief: Bis zu seiner Leistungsexplosion im letzten Jahr bei Bundesliga-Aufsteiger Darmstadt konnte er nur wenig überzeugen, lief allzu oft den großen Erwartungen hinterher und verschwand beinahe schon in der Versenkung. Nun schließt sich der Stürmer, der sich selbst nach seiner torreichsten Saison zu höherem berufen sah und schon von der Premier League fantasierte, dem wiedererstarkten Projekt 1899 Hoffenheim unter Jungtrainer Julian Nagelsmann an. Transferkritiker beleuchtet für euch diesen Transfer und sagt euch, ob es sich bei Wagners Verpflichtung eher um waghaliges Wagnis oder wegweisende Wendung handelt.

Ein Wandervogel auf Irrwegen – wie Phoenix aus der Asche?

Sandro Wagner, gebürtiger Münchener, der seine Jugendkarriere beim lokalen FC Hertha München begann, stand eine rosige Karriere bevor: 1995 wechselte der damals 8-jährige Bub in die Akademie des großen FC Bayern und durchlief dort sämtliche Buchstaben tragenden Jugendmannschaften, ehe er 2005 in die Regionalligamannschaft hochgezogen wurde. Nachdem er, wie bei Bundesligaclubs durchaus üblich, die Vorbereitung zur Spielzeit 2007/2008 mit den Profis absolvierte, gab er im gleichen Jahr auch aufgrund großer Verletzungssorgen im Sturm sein Pflichtspieldebüt im Ligapokal gegen Werder Bremen. Im Halbfinale gegen den VfB Stuttgart folte prompt sein erstes Profitor und in der gleichen Saison sollte er auch in der Bundesliga, diesmal gegen Hansa Rostock, seinen ersten Einsatz erleben. Scharf kritisiert wurde Wagner damals unter anderem von Jugendtrainer Legende Hermann Gerland, der mit Unverständnis auf Wagners Berufung in die Riege der Profis reagierte. Nach nur einer Profisaison stand Wagner jedoch bei den Bayern bereits vor dem Aus, wechselte kurz vor Ende der Transferperiode zum damaligen Zweitligisten MSV Duisburg. Dort wusste er in seiner ersten Saison mit 15 Torbeteiligungen auf Anhieb zu überzeugen und konnte im U21-EM Finale gegen England mit zwei Toren glänzen. Die Wertschätzung Peter Neururers schien sich positiv auf Wagner auszuwirken. Nach seiner zweiten Saison beim MSV Duisburg schloss er sich im Fußballoberhaus Werder Bremen an.

Was nun folgte, kann getrost als Odyssee bezeichnet werden: Wagner kam zwar wettebewersübergreifend auf 30 Spiele für die erste Mannschaft der Bremer, wurde in der darauffolgenden Saison jedoch an Kaiserslautern ausgeliehen, für die er kein einziges Tor erzielen konnte. Daraufhin folgte sein bisher längste Profistation in der Hauptstadt Berlin, in der er von 2012 bis 2015 verweilte – an seine starken Leistungen beim MSV Duisburg konnte Wagner bis zuletzt in Darmstadt nicht wieder anknüpfen. Doch nun erscheint er wieder erstarkt, stieg wie ein Phoenix aus der Asche empor. Spekulationen um einen Wechsel zurück zum FC Bayern. Mögliche EM-Teilnahme? Beides ist zwar nicht eingetroffen, verdeutlicht aber den Hype um Querkopf Sandro Wagner, der in bester Manier seines Vorbilds Zlatan Ibrahimovic vor Kurzem noch lautstark verkündete, dass Fußballer in Deutschland doch unterbezahlt seien, und sich nun der TSG 1899 Hoffenheim anschließt.

Ein Auslaufmodell steht wieder im Lack

Sandro Wagner ist ein Auslaufmodell unter den Offensivkräften, das nicht zuletzt durch Vertreter a la Graziano Pelle oder Mario Gomez wieder Auftrieb erhält. Als klassischer Mittel- und Strafraumstürmer lebt Wagner vor allem durch seine physische Präsenz im gegenrischen Sechzehner. Dabei ist insbesondere seine Kopfballstärke bei Standardsituationen und Flanken hervorzuheben. An vorderster Front versteht Wagner es, seinen Körper geschickt einzusetzen, den Ball somit abzuschirmen und auf seine Mitspieler abzulegen. Dies erklärt auch, warum er insbesondere beim MSV Duisburg auf eine hohe Zahl an Torvorbereitungen kam. Mit einer durchaus starken Schusskraft ausgestattet, benötigt der 1,94m große Stürmer nicht viele Tormöglichkeiten, um erfolgreich abzuschliessen. Wagner bindet Gegenspieler bei Eckbällen, wodurch, abgesehen von seiner eigenen Abschlussstärke, Räume für seine Mannschaftsgenossen entstehen.

Wagners große Schwäche sind die fehlende Kombinationssicherheit und Schnelligkeit, welche ihn allzu oft statisch erscheinen lassen. Er ist kein mitspielender Stürmer, sondern jemand, der die Bälle verwertet, wenn sie ihm zugearbeitet werden. Durch diese Schwächen konnte sich Wagner bisher auch kaum bei kombinationsstarken Teams, wie etwa das Schaaf’sche Bremen seiner Zeit, durchsetzen. Bei Kontern wirkt er gehemmt, technische Fehler unterlaufen ihm häufiger. Das Team in Darmstadt verstand es zuletzt, seine Fähigkeiten gekonnt einzusetzen und Dirk Schuster schnitt das Spiel seiner Mannschaft zunehmend auf ihn zu, wodurch Wagner seine Torausbeute in die Höhe schrauben konnte. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie seine Limitierung im Passspiel , in der Technik und im Defensivbereich in Hoffenheim ins Gewicht fallen werden.

In Hoffenheim trifft Wagner auf starke Konkurrenz im Sturm: Kramaric und Vargas konnten in der letzten Saison im Sturm überzeugen. Für ihn wird es schwer werden, sich einen Stammplatz zu erkämpfen. Wahrscheinlicher ist es, dass er als taktische Ergänzung von Nagelsmann eingeplant wird, die dann eingesetzt wird, wenn die Situation einen großen Mann im Zentrum erfordert. Wagner entschied sich überraschenderweise gegen Angebote aus der finanzstarken Premier League, die noch dazu seinem Spielertyp etwas zuträglicher gewesen wäre. Alles in allem ist dieser Wechsel für beide Seiten ein Wagnis, das jedoch schnell zu einer Win-Win-Situation werde könnte.

Autor: Julian Wacker

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