Begriffe wie ,,Naturgewalt“ oder ,,Duracell-Hase“ bestimmen aktuell das Schriftbild der einschlägigen Sportmedien, wenn vom 35-Millionen-Euro-Transfer Renato Sanches des FC Bayern die Rede ist. Warum denn auch nicht? Der junge Portugiese mit afrikanischen Wurzeln ist eine imposante Erscheinung, zudem macht es einem seine aufopferungsvolle Spielinterpretation leicht, von Musterschüler, Dauerläufer oder Kampfmaschine zu sprechen. Doch hinter Renato Sanches steckt weit mehr als diese Stereotypen – wir haben den 18-Jährigen genau unter die Lupe genommen.

Musgueira Millionaire

Sanches, im August 1997 als Sohn einer kapverdischen Mutter und eines sao-tomeischen Vaters im ärmlichen Lissaboner Stadtteil Musgueira geboren, bedient zunächst alle Klischees des großstädtischen Straßenfußballers. Migrationshintergrund, der Vater haut wenige Monate nach der Geburt ab, der Sohn findet Zuflucht im Fußball. Mit acht Jahren kommt er von der Straße weg zu seinem ersten Fußballverein, Águias Musgueira, der in einer von 22 portugiesischen Regionalligen spielt. Im Klub: Fast 20 Prozent Spieler kapverdischer Nationalität, knapp ein Drittel aus Afrika. Doch endlich hat Sanches eine Bühne, und es dauert nur ein Jahr, bis Benfica anklopft und sagt: Junge, du kommst zu uns.

Renato Sanches wittert seine Chance – und er gibt alles, Tag für Tag. Wieder zurück auf die Straße? Das will er unbedingt vermeiden, er hat Angst davor. Diese Angst treibt ihn an, ist Wurzel seiner Diszipliniertheit und beschert ihm einen ständigen Vorsprung: Im Oktober 2014, frische 17 Jahre alt, steigt er in Benficas zweite Mannschaft auf, nach einer Saison holt ihn der beeindruckte Rui Vitória ins erste Team. Am 30. Oktober debütiert er in der ersten Liga, einen Monat und fünf Tage später in der Championsleague – dieses Mal sogar über 90 Minuten. Auch in der Nationalmannschaft läuft es rund, er spielte die U17-EM und machte mittlerweile zwei Spiele für die Senioren-Nationalmannschaft. Sanches ist endgültig im Profifußball angekommen und unterschreibt bei Benfica einen Vertrag bis 2021 – gut dotiert, wie es heißt. Die Ausdauer und der Wille Sanches haben sich gelohnt. Doch ist das ein Grund dafür, bequemer zu werden? Niemals! Sanches wird im selben Stil wie bisher weitermachen, denn genau dieser hat ihn dorthin gebracht, wo er jetzt ist. ,,Ich habe ein bisschen Angst vor dem, was noch kommt“, wird er zitiert: Die Angst – sie ist immer noch da. Doch es ist keine negative Angst, es ist der Kraftstoff zum Erfolg. Psychologische Faktoren dürften also eine große Rolle gespielt haben als Sanches sich entschied, zum FC Bayern zu wechseln. Psychologischer Druck könnte auch seinen Start begleiten, schließlich könnten für den gerade mal 18-Jährigen bis zu 80 Millionen Euro fließen. Dafür ist er seiner Straßenfußball-Vergangenheit durch den Wechsel in die bayrische Hauptstadt aber auch geografisch deutlich entkommen.

Der Isolierer

Aber warum waren nun etliche europäische Topklubs bereit, horrende Summen für den zentralen Mittelfeldspieler zu zahlen? Was macht seinen Fußball aus? Elementar sind Attribute, die ohnehin schon genannt wurde: Die ständige Bereitschaft Sanches, die Identifikation mit seiner Rolle auf dem Platz, die unglaubliche Disziplin. Diese Voraussetzungen veredelt der 18-Jährige in der Umsetzung mit seinen formidablen fußballerischen Fähigkeiten.

Sanches findet sich auf der Position des zentralen Mittelfeldspielers wieder, wobei er einen Partner zur Seite hat, der flexibel vertikal versetzt steht und in der Offensiv- wie Defensiv Bewegung immer den zentraleren Part einnimmt. Renato Sanches ist defensiv ein idealer Pressing-Spieler: Laufstark und ausdauernd. Er ist er kein reiner Raumdecker oder Passweg-Zusteller, sondern greift aktiv an, zieht dabei auch gerne nach Außen und verkleinert schon dadurch die Aktionsoptionen seines Gegenspielers. Die Überlegtheit und Präsenz, mit der er seinen Gegenüber zustellt, ist bemerkenswert. Sanches drängt den Ballführenden an die Außenlinie oder in Richtung eigenes Tor, durch seine explosionsartigen Gewichtsverlagerungen und Bewegungsantäuschungen isoliert er seinen Gegner von den Mitspielern, ehe er bewusst auf eine öffnende Bewegung wartet, um dann gekonnt Tacklings-Nadelstiche zu setzen.

Diese Isolations-Taktik wird auch in Sanches Offensiv-Bewegung deutlich. Hat er den Ball, lockt er den Gegner mit überraschenden, schnellen Antritten aus der Reserve und provoziert bewusst einen Zweikampf, der aber vonseiten des Gegners durch den Überraschungsmoment unkoordiniert und ausfallartig begangen wird: So liegt die Kontrolle immer bei Sanches, der zudem durch eine gute Ballführung Vorteile hat. Durch beschriebene Geschwindigkeits- und Richtungsvariierung ist es für den Gegner also sehr schwer, Sanches zu stellen. Gelingt es doch, so beherrscht es der mit 1,76 Metern Körpergröße eher kleine Spieler, den Ball sehr effektiv abzuschirmen. Durch scheinbar fehlerhafte Bewegungen, die den Ball für kurze Zeit preisgeben, provoziert er erneut ein Tackling, ehe er gekonnt den Körper dazwischenstellt und entweder ein Foul zieht, oder aber den Weg am Gegenspieler vorbei freimacht. Zu bemerken ist an dieser Stelle aber auch, dass diese ungestüm wirkende Spielweise, defensiv wie offensiv, bei nicht absolut perfekter zeitlicher Koordination sehr risikoreich ist, einerseits weil Sanches durch seine Körpertäuschungen Raum freigibt, andererseits weil er, wenn er zu spät reagiert, selbst foulen muss und nicht gefoult wird. Das zeigen seine ersten Versuche im Herrenfußball: Zwei rote Karten in seiner ersten Saison bei der Zweiten von Benfica stehen zu Buche.

In der Spieleröffnung erinnert der Jungspund an Manchester Citys Fernandinho, der aus der eigenen Hälfte oft ähnlich zentral kommt, dann aber nach dem Abspiel nach außen zieht und Löcher in die gegnerische Defensivordnung reißt.

Nicht vergessen werden darf, dass Sanches bemerkenswerte technische Fähigkeiten besitzt, die er dosiert und effektiv einzusetzen vermag. Sein rechter Fuß kann auch zur Waffe werden, wenn er seine allgemein sehr explosive und dynamische Spielweise auf den Torabschluss anwendet und so, ohne einen großen Aktionsradius zu benötigen, scharf geschossene Bälle hervorbringen kann.

Langfristig tonangebend

Mit Xabi Alonso, Arturo Vidal, Thiago sowie den ebenfalls relevanten Mario Götze, Philipp Lahm, David Alaba, Joshua Kimmich, Niklas Dorsch und nun eben auch Renato Sanches verfügt Carlo Ancelotti auf dem Positionsverbund im zentralen Mittelfeld nun über ein Repertoire, das nicht nur in der Bundesliga vorzüglich ist. Gut vorstellbar ist, dass in einem System mit zwei gleichwertigen Sechsern Sanches nebst Vidal zum Zuge kommen wird, mit einem Sechser und zwei Achtern könnte Vidal etwas defensiver stehen und Thiago neben Sanches die Fäden ziehen. Warum der 18-Jährige gesetzt sein könnte? Da das Alter nur eine Rolle spielt, wenn es auch ersichtlich ist – und das ist es bei Renato Sanches nicht. Nicht nur bei Benfica, auch kürzlich in der Nationalmannschaft übernahm der frisch gekürte Europameister ohne Umwege sofort Verantwortug und spielte entgegen vieler Erwartungen stets tonangebend und dominant. Man darf davon ausgehen, dass der Mann aus Musgeira auch in München nicht zögern wird, sich zu beweisen – ganz ohne ein Duracell-Hase oder eine Naturgewalt sein zu müssen.

 

 

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