Es ist die 108. Minute im Finale der Europameisterschaft 2016. Zwischen Gastgeber Frankreich und Portugal steht es 0:0 Unentschieden und erschöpfte Spieler hoffen auf ihre verdiente Erlösung. In jener 108. Minute bekommt Portugal einen Freistoß in aussichtsreicher halb-links-zentraler Position. Ein Freistoß für Portugal ist ohne Frage eine Angelegenheit für Christiano Ronaldo, doch wahrscheinlich jeder Fußballfan auf der Welt weiß, dass sein Auftritt in diesem Spiel bereits in der ersten Halbzeit mit bitteren Tränen endete. Für ihn wurde Ricardo Quaresma eingewechselt und, dass der Mann auch Freistöße schießen kann, ist so sicher wie Lloris Nervosität in dem Moment. Neben dem routinierten Quaresma steht aber auch noch Raphael Guerreiro, 22 Jahre jung und grade frisch zu Borussia Dortmund gewechselter Linksverteidiger. Kein Spielgestalter und Torjäger wie der erfahrende Quaresma, der in einer solchen Situation als Stellvertreter Ronaldos natürlich Verantwortung übernehmen muss. Was will Guerreiro da? Die Sache ist doch klar: Quaresma wird versuchen, mit einem direkt verwandelten Freistoß, Portugal zum EM-Triumph zu schießen. Die internationale Fernsehregie ist sich auch sicher: Großaufnahme Quaresma! Den tätowierten Dolch im Gesicht und die Entschlossenheit in den Augen. Anlauf, Schuss, Latte! Doch halt. Das war nicht Quaresma! Raphael Guerreiro, der kleine Schelm, hat grade im Finale der Europameisterschaft einen Freistoß ans Gebälk gesetzt. Kein Tor zwar, aber ein Ausrufezeichen! Eder macht eine Minute später den Siegtreffer und auf der heimischen Couch reibt sich Aki Watzke die Hände und grinst schelmisch. Chapeau BVB, Chapeau!

Es reichte ein Blick

Portugals Europameistertrainer Fernando Santos erklärte jüngst, bei Raphael Guerreiro hätte ihm im ersten Training ein Blick gereicht, um zu denken „Hoppla, was für Talent“. Hoppla, das dachte auch der Rest der Welt, als Guerreiro im EM-Finale den Ball an die Latte donnerte. Da wir in modernen Zeiten leben, ist es natürlich nichts absolut Außergewöhnliches, wenn Außenverteidiger in offensive Aktionen eingreifen, in diesem Fall eben als Freistoßschütze. Das „Verteidiger“ in dieser Berufsbeschreibung ist seit dem legendären Brasilianer Cafu eh nur noch die halbe Wahrheit und Raphael Guerreiro nimmt das besonders ernst. Im Stile des Altmeisters oder auch anderer Musterexemplare vom Zuckerhut wie Madrids Marcelo oder Barcas Alves nennt der Portugiese die gesamte linke Außenbahn sein Zuhause. Dabei spielt ihm besonders seine selbst im Profimillieu außergewöhnliche Geschwindigkeit in die Karten. Klassische Flankenläufe zählen deshalb ebenso zu seinem Repertoire wie Aktionen, in denen Guerreiro selbst ins Dribbling geht oder mit seinem LF Vordermann den schnellen Doppel- oder auch Doppeldoppelpass sucht. Beides kein Problem. Technisch auf kleinsten Raum anspruchsvolle Ballstreicheleien mit der Sohle und rasche Richtungswechsel in die entgegengesetzte Richtung sind das, worauf Guerreiros Gegenspieler keine Lust haben, was sie aber trotzdem bekommen. Feine Technik und Geschwindigkeit gepaart mit einem mehr als ordentlichen Passspiel beschreiben diesen Wirbelwind also recht exakt. Defensiv kommt ihm auch seine Geschwindigkeit zu Gute. Durch sie kann er mit Stürmern mithalten oder, wie es mittlerweile Trend wird, aus seiner Position ausbrechen, um sich flugs vor seinen Gegenspieler zu schieben, um anschließend handlungsschnell das Spiel mit einem gutem Pass auf einen zentral positionierten Spieler zu übertragen und sich selbst auf der Außenbahn neu zu positionieren. Im direkten Duell ist der nur 1,70 m große Portugiese körperlich unterlegen, seine Handlungsschnelligkeit und ordentliche Antizipation helfen ihm im defensiven Zweikampf jedoch weiter. Wenn sich die Viererkette allerdings verschiebt und Guerreiro gezwungen wird, im Sechszehner ins defensive Kopfballduell zu gehen, dann macht sich die geringe Körpergröße doch bemerkbar. Unterm Strich aber hat  diese EM grade bewiesen: Der Portugiese ist schon jetzt ein überdurchschnittlicher Fußballer, dessen Entwicklung sicherlich noch nicht abgeschlossen ist. Dabei Begann alles so unportugiesisch.

Made in Paris

Guerreiro ist nämlich in Paris geboren und aufgewachsen. Seine Mutter ist Französin und der Vater Portugiese. Deshalb hat sich Guerreiro entschieden für das Heimatland seines Vaters aufzulaufen, was ihm nun den Europameistertitel eingebracht hat. Bereits als Elfjähriger ging er ins Centre Technique national Fernand-Sastre. Wem das nichts sagt: Das ist das Nachwuchsleistungszentrum des französischen Fußballverbands, das ungefähr 50km südlich von Paris angesiedelt ist. Von dort aus wechselte er zu SM Caen, wo er schnell in der zweiten und dann in der ersten Vertretung in der zweiten französischen Liga auflief. Durch gute Leistungen schaffte er es schließlich zum FC Lorient, für den er direkt am ersten Spieltag der Saison 13/14 gegen Lille debütierte. Ziemlich französisch also, dieser Portugiese.

Und dann ist da noch Schmelzer

Nun ist er in Dortmund. Zum BVB sollte Guerreiro durch seine Geschwindigkeit, Technik und sein schnelles Umschaltspiel ohne Frage passen. Grade nach einem von ihm abgefangenen Ball kann es über eine Station im Mittelfeld in Sekundenschnelle vertikal auf Aubameyang gehen und der sicherlich schnellste Spieler der Liga kann seine Attribute voll ausleben.

Eine der spannendsten Fragen zu Guerreiros Zukunft beim BVB ist die Personalie Marcel Schmelzer. Letzte Saison dritter Kapitän hinter Reus und Hummels wird sein Stellenwert nach der Abwanderung des ersten Kapitäns sicherlich nicht sinken. Sein Stammplatz links in der Kette ist allerdings jetzt durch Guerreiros Verpflichtung vermutlich stark gefährdet. Grade seine offensiven Qualitäten würden ihm in einem flexiblem 3-4-2-1, das defensiv zu einem 5-4-1 wird, eher in die Karten spielen als dem defensiv wohl stärkeren und auch erfahreneren Schmelzer. Allerdings ist der Match-Planer Tuchel durchaus in der Lage durch seine Rotation beiden adäquate Spielzeiten zu eröffnen. Falls Schmelzer, der die Unterstützung der großen Dortmunder Anhängerschaft sicher hat,  allerdings erster Kapitän wird, wird es selbst für Tuchel schwer, ihn auf die Bank zu setzen. Ein Konflikt der hausgemacht ist, schließlich waren mit Schmelzer und Durm, der für diese Position sogar im Weltmeisterschaftskader stand, ausreichend bekleidet gewesen. Allerdings passte die Bezeichnung „Luxusproblem“ selten besser als hier. Die Bundesliga wird ihre pure Freude an dem frisch gebackenen Europamister haben. Und wer weiß, vielleicht gibt es in der Zukunft eine gute Freistoßmöglichkeit in der Verlängerung eines wichtigen Champiosnleaugespiels, in der die Regie Reus in Großaufnahme zeigt und dann Guerreiro das Ding verwandelt.

Autor: Tobias Haubert

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