Als Kevin-Prince Boateng zwei Jahre nach seinem unrühmlichen Abgang samt Suspendierung auf Schalke wieder die Bühne der Bundesliga betritt, tut er dies unter einem gellenden Pfeifkonzert der Freiburger Fans. Nur wenige Augenblicke zuvor, in der 65. Minute, hatte der Kommentator ihn kurz, aber fast ehrfürchtig mit einem “Der Prince kommt” bedacht. In seinem 99. Bundesligaspiel brachte sich der gebürtige Berliner dann direkt beim darauffolgenden Freistoß in eine aussichtsreiche Position, alle Augen richteten sich auf ihn – sogar eben jener Kommentator verwechselte ihn mit dem eigentlichen Spieler, der den Kopfball knapp neben das Tor setze: Neuzugang Falette. Der Prince ist da und er möchte direkt alles zeigen, wofür er geholt worden ist. Mit ihm hält eine neugewonnene Erwartungshaltung Einzug bei der Eintracht, man hat nun den Anspruch, ‚richtig etwas reißen zu wollen‘. Wie kann der ablösefreie Neuzugang dem Frankfurter Spiel helfen? Wie immer erfahrt ihr alles zur Liaison zwischen KPB und der Mannschaft von Trainer Niko Kovac in unserer Transferkritik.

In der Abgeschiedenheit zu alter Stärke: Von der Insel zur Skyline zurück

Fredi Bobic hat einen fußballerischen Ausnahmekönner samt Aufmerksamkeitsdefizit verpflichtet. Seit Beginn seiner Karriere steht Prince Boateng vor allem für diese Dinge: Schlagzeilen, Extravaganz und großes, sportliches Kino. Dies verdeutlicht kaum etwas so gut, wie der Wandel, den sein Trikotflock durchschritten ist. Anfangs prankte noch “K.-P. Boateng” auf seinem Leibchen, mittlerweile hört der Spieler nur noch auf “Prince”. KPB wandelt ganz auf den Spuren seines jüngeren Bruder Jerome, der es als deutscher Fußballer wohl am ehesten geschafft hat, sich als internationale Marke zu stilisieren – samt Brillenkollektionen und Jay-Z-Management. So polarisierend Prince auf und abseits des Platzes auftritt, so bunt ist das Sammelsurium der Wappen in seiner persönlichen Ruhmeshalle: es finden sich Embleme der royaler Größen wie dem AC Mailand, Borussia Dortmund, Tottenham Hotspurs oder eben den Knappen auf Schalke. Zuletzt hingegen, nach dem für einen Prinzen unrühmlichen Abgang aus der Veltins-Arena, zog es KPB auf die Insel Gran Canaria, zum spanischen Aufsteiger und einer der Überraschugnsmannschaften der letzten Saison: UD Las Palmas.

Obwohl er auch auf Gran Canaria frenetisch empfangen worden war, bot die beliebte Tourismusinsel Prince Boateng im Vergleich zu Modemetropolen und dem Pulverfass auf Schalke die Möglichkeit, sich abseits des üblichen Troubles um seine eigene Person in deutschen Boulevardgazetten wieder auf das Wesentliche konzentrieren: seine fußballerischen Stärken. Im Team fungierte er quasi als Allzweckwaffe, wurde dort aufgestellt, wo Trainer Manuel Márquez Roca ihn je nach Spiel- und Personalsituation am besten aufgehoben sah. Ob auf beiden Flügeln, im zentralen oder offensiven Mittelfeld und sogar als Mittelstürmer: Prince fungierte als Dreh- und Angelpunkt im Spiel des Liganeulings. Seine Flexibilität ließ ihn so zu einem unverzichtbaren Fixpunkt werden – gepaart mit seinen Führungsqualitäten schwang sich KPB schnell in der internen Hierarchie nach oben. Doch wer seine Karriere interessiert verfolgt hat, mag bereits geahnt haben, dass diese exzentrische Seele nicht lange im idyllischen Inselparadies hätte glücklich werden können. Unter Angabe unumstößlicher persönlicher Gründe bittet Prince Boateng schließlich um die Auflösung seines Vertrags, der Verein entspricht seinem Wunsch. Ärmel hochgekrempelt, Sonnenbrille aufgesetzt: Der Prince kehrt vom Bordstein seiner Jugend in Berlin über die Insel zurück zur Skyline nach Frankfurt, in die Wahlheimat des Rappers Haftbefehl.

Chandler weiß, wer der Babo ist: Boatengs Spiel im Fokus

“Babo”, durch Sprechgesangskünstler Haftbefehl zum Modewort geworden, ist die türkische Bezeichnung für “Boss” – einen Boss, der seine Gefolgsleute, die “Chabos”, anführt. Auf dem Platz ist Prince Boateng durch seine Ausstrahlung und seine Führungsqualitäten definitiv der Babo. Doch nicht nur seine Wesenszüge, sondern auch seine fußballerischen Fertigkeiten untermauern die Stellung als neuer Boss in der Commerzbank-Arena: KPB ist im Spiel erfahrungsgemäß abgezockter, routinierter Impulsgeber. Immer wieder schafft er es dabei, geniale Momente schnörkellos zu verpacken. Fast nie mutet der Prince wie ein fußballerischer, gar eleganter Feingeist an und doch ist er durch seine Spielübersicht und technische Beschlagenheit in der Lage, quasi aus dem Nichts Situationen zu kreieren, die als “das gewisse Etwas” bezeichnet werden können. Boateng bringt Ballkontrolle, Aggressivität und Wucht in das Spiel der Eintracht. Seine Durchsetzungsstärke bringt ihn in der offensive sowohl im Dribbling als auch im Kopfballspiel entscheidende Vorteile, in der Defensive besticht er durch eine Kompromisslosigkeit und Zweikampfstärke, die am ehesten an den Frankfurter Liebling Jermaine Jones erinnern lassen. Seine Spielintelligenz und gute Grundschnelligkeit sorgen immer wieder dafür, dass Prince Boateng selbst in Lücken stößt und sich in aussichtsreiche Positionen bringt. Durch seine starke und ausgefeilte Schusstechnik ist KPB eine Waffe aus der Distanz und im Strafraum: seine Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor hat er bei Las Palmas weiter unter Beweis gestellt. Im Zusammenspiel mit Teamkollegen wie Jonathan Viera zeigte Boateng einmal mehr, dass er aus nahezu allen möglichen Lagen treffen kann. Zudem ist kaum ein Spieler so resistent gegen Druck- und Pressingsituationen wie Boateng: durch sein Selbstbewusstsein und seine physische Präsenz, gepaart mit einer guten Technik, versteht er es, den Ball trotz enormen Zusetzen der Gegenspieler meist sicher an den Mitspieler zu bringen. Dabei setzt er seinen Körper immer wieder geschickt ein, um den Ball abzuschirmen.

Die wohl größten Mankos Boatengs sind seine Unbeständigkeit und sein Temperament. Zwar wird letzteres seit dem Abgang Zambranos in Frankfurt durchaus schmerzlich vermisst, doch der Prince muss zuweilen aufpassen, dass er sich nicht öfter auf der Tribüne als auf dem Rasen wiederfindet. In vielen Momenten wird er in der Lage sein, die Mannschaft durch seine positive Hitzköpfigkeit nach vorne zu peitschen – aber er wird eben in Frankfurt als Leader gebraucht, soll auch hier zum Anspielpunkt, Sicherheitsfaktor und Identifikationsfigur reifen. Hierzu bedarf es Leistungen, die nahtlos an seine Zeit auf Gran Canaria anknüpfen: Boateng wird sich Disziplinlosigkeiten und Leistungslöcher nicht mehr allzu oft erlauben können. Auch wenn er momentan im offensiven Mittelfeld durch die Verletzungen Fabiáns und Stenderas das Ideenvakuum füllen soll, sollte er sich besser nicht auf seinem Namen und den Vorschuslorbeeren ausruhen.

Verlängerter Arm des Trainers?

Greifen all diese Punkte, wird KPB zweifelsfrei eine erhebliche Verstärkung für die Eintracht darstellen. Boateng, der laut eigener Aussage schon immer unter Trainer Kovac spielen wollte, und eben Niko Kovac, der Boateng als neue zentrale Figur bereits in den höchsten Tönen lobt – eine Paarung, die Einiges verspricht. Bleibt Boateng verletzungs- und weitestgehend eskapadenfrei kann er in Anbetracht der zunehmenden Anfälligkeit der Legende Alex Meiers zum neuen verlängerten Arm des Trainers auf dem Platz werden, kann die transnationale Truppe der Frankfurter dirigieren. Positionstechnisch ist mit Boateng im offensiven Mittelfeld zu rechnen, doch seine Polyvalenz macht ihn auch hier zu Allzweckswaffe. Beispielsweise könnte er mit Haller ein Sturmtank-Duo der Extraklasse bilden, sollte die Eintracht in gewissen Situationen die Brechstange benötigen. Es ist davon auszugehen, dass Prince Boateng auch in der taktisch gut geschulten Mannschaft viele Freiheiten bekommen wird, er wird zwischen ZM, OM und der Sturmreihe pendeln. In der Zentrale wird er durch seine Kopfball- und Abschlussstärke zu einem zusätzlichen Abnehmer der starken Flanken eines Jetro Willems, wird sich aber auch selbst die eigenen Abschlusspositionen erarbeiten. Frankfurt bietet das richtige Flair für den Babo Boateng, um zur absoluten Ikone aufzusteigen. Jetzt muss er nur noch liefern.

Facebook-Kommentare