Halb Europa war hinter ihm her, auch die Bayern wollten ihn haben und zu einem Nachfolger ihrer alternden Flügelzange „Robbéry“ machen. Doch Ousmane Dembélé entschied sich für einen Wechsel zu Borussia Dortmund zur kommenden Saison. Zweifelsohne keine schlechte Adresse im europäischen Fußball, doch für so manchen Beobachter wirft der Wechsel auch ein paar Fragen auf. Warum nicht Barcelona oder die Premier League, warum nur die angeblichen 15 Millionen Euro Ablöse? Zeit, dass Transferkritiker etwas Licht ins Dunkel bringt.

Afrikanische Wurzeln und ein atemberaubender Aufstieg

Wie bei einigen französischen Spielern liegen auch Ousmane Dembélés Wurzeln in Afrika – in seinem Fall in Mali, auch wenn er im nordfranzösischen Städtchen Vernon geboren wurde. Nicht weit entfernt, in Évreux, lernte er fortan im Jugendalter das Kicken, bevor 2010 der Wechsel zu Stade Rennes folgte. In der dortigen Jugendakademie reifte er seitdem zum kommenden Shootingstar heran, durchlief seit 2013 alle Jugend-Nationalmannschaften Frankreichs. Im November 2015 dann die lange erhofften Highlights in seiner noch jungen Karriere: Zunächst ein vierminütiges Ligadebüt gegen Angers, anschließend schon ein Startelfeinsatz gegen Girondins Bordeaux und auch sogleich das 1:0- Führungstor. Wollte man sich ein Drehbuch für eine große Karriere ausdenken, man hätte es wohl kaum besser schreiben können. Zumal Rückschläge ausblieben und es stattdessen immer weiter bergauf ging: Torvorlage im nächsten Spiel, konstante Berufung in den Spielerkader sowie in diesen 25 Spielen ganze 21 Startelfeinsätze. Was folgte, waren zwölf Tore, fünf Vorlagen und reihenweise Dribblings, die Europas Topklubs aufmerksam werden ließen und so manchen Fußballfan an frühere Größen des Weltfußballs erinnern.

Der mit dem Ball tanzt

Will man Ousmane Dembélés Qualitäten beschreiben, fällt es schwer, neutral zu bleiben und nicht ins Schwärmen zu geraten. Seine gute Ballbehandlung und sein schneller Antritt erlauben ihm so manches Tempodribbling, in dem er schon einmal eine ganze Abwehr allein schwindlig spielen kann. Ebenso wie spektakuläre Flankenläufe sind auch starke Abschlüsse bei ihm möglich – hier kommt ihm seine Beidfüßigkeit zugute. Dank dieser kann er zudem auf fast jeder Position in der Offensive spielen, lediglich als Stoßstürmer wäre er wohl (noch) nicht sonderlich effektiv. Außerdem scheint er trotz seiner erst 18 Jahre schon eine erstaunliche innere Reife zu besitzen. Das zeigt sich nicht nur an seiner Zielstrebigkeit und Effektivität vorm generischen Tor, sondern auch an seinem Umgang mit den vielen Wechselspekulationen. In diesem Alter mit all den Gerüchten und den eigenen Wünschen und Plänen umzugehen und „nebenbei“ noch Woche für Woche weiterhin starke Leistungen für Stade Rennes zu bringen deutet auf eine gewisse Portion Gelassenheit und auch Charakterstärke hin. An seinem Kopfballspiel und seinem taktischen Verständnis kann er freilich noch arbeiten, doch gerade letzteres ist bei jüngeren Spielern Gang und Gebe. Auch sein Passspiel kann noch an Qualität zunehmen, doch gerade weil er kaum ein Risiko scheut, kann und wird er des Öfteren den Unterschied ausmachen.

Der Schritt zum BVB: Der Beginn einer großen Liebe?

Besonders wegen seiner Schnelligkeit und Unbekümmertheit scheint Ousmane Dembélé perfekt in das Anforderungsmuster für das Dortmunder Offensivspiel zu passen. Vor allem wenn der BVB nach geglücktem Gegenpressing sein schnelles, modernes Umschaltspiel aufzieht, entstehen Situationen, die für Dembélé wie geschaffen erscheinen. Dann kann er ins Eins-gegen-Eins gehen und anschließend selbst abschließen oder einem Aubameyang oder Reus die Torchance auflegen. Genau solch einen Spieler wollte man haben, war die Personaldecke im offensiven Mittelfeld zuletzt doch nicht mehr ganz so üppig wie in früheren Jahren. Ausgestattet mit einem Fünfjahresvertrag scheint der flexibel einsetzbare Dembélé dafür Besserung zu versprechen. Allerdings sollte man nicht sofort allzu große Erwartungen in das französische Toptalent stecken – der Fall Adnan Januzaj hat gezeigt, wie es auch laufen kann, wenn ein junger Spieler nicht richtig bei seinem neuen Verein ankommt. Deshalb sollte man Ousmane Dembélé auf jeden Fall die nötige Zeit zur Eingewöhnung geben. Eine passende Wohnung finden, Deutsch lernen, Beziehungen zu den Mitspielern aufbauen, das Dortmunder Spielsystem verinnerlichen und sich nebenbei vielleicht noch fußballerisch Schritt für Schritt weiterentwickeln – das ist nicht von heute auf morgen erledigt. Doch die Vorzeichen stehen gut, denn Thomas Tuchel kann willige, talentierte Rohdiamanten definitiv schleifen, letztes Beispiel ist ein gewisser Julian Weigl. Zunächst muss man aber damit rechnen, dass Dembélé erst einmal die Jokerrolle zukommen wird und Einwechslungen für Reus, Mkhitaryan (sofern er denn bleibt) und Co. an der Tagesordnung stehen.

Auf den ersten Blick fraglich bleibt allerdings immer noch, warum sich Dembélé für den Wechsel nach Dortmund entschieden hat. Ein Grund dürfte sicherlich der etwas weniger große Konkurrenzkampf als bei Adressen wie Barca oder Bayern sein. Diesem geht er einerseits aus dem Weg, kann andererseits aber trotzdem auf hohem Niveau und vermutlich auch dauerhaft in der Champions League spielen. Außerdem soll der BVB schon seit einigen Jahren den Dribbelkünstler auf dem Zettel gehabt und Kontakt zu ihm gehalten haben, was den jungen Franzosen wirklich beeindruckt haben soll. Nicht zuletzt locken Spiele im stets ausverkauften, 80.000 Zuschauer fassenden Signal Iduna Park sowie in der boomenden Bundesliga mit ihren fantastischen Fans und ihrem Offensivfußball.

Fazit

Ousmane Dembélé und Borussia Dortmund – das kann und wird wahrscheinlich auch eine echte Liebesbeziehung werden. Der junge Shootingstar bringt langfristig alles mit, um dem schwarz-gelben Offensivspiel weitere, hochklassige Impulse zu geben. Wichtig wird sein, dass man ihm Zeit gibt und auch Phasen der Stagnation und Rückschläge gewährt. Verläuft alles wie erhofft, kann er wohl wirklich eines Tages das Format „Weltklasse“ erreichen. Dann ist es auch gut möglich, dass er sogar schon zu gut für die Borussia ist und abgeworben wird. Doch all dies liegt in der Zukunft und solche Prognosen schon jetzt aufzustellen verbietet sich. Denn wenn der Wechsel zum BVB eines gezeigt hat, dann, dass es immer mal wieder große Überraschungen gibt und der Fußball manchmal auch unberechenbar sein kann. So wie Ousmane Dembélé, wenn er mit dem Ball am Fuß auf einen gegnerischen Verteidiger zuläuft.

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