Unsere kleine Serie „Bares gegen Rares: HSV-Edition“ findet sein jähes Ende in der heutigen dritten Episode. Unser aufgehender Stern am Manager-Himmel, Jens Todt, hat sich für das Serienfinale eine Überraschung aufbewahrt. Statt auf bewährte Abräumer zu setzen, die bereits Bundesligageruch haben, hat sich Todt eine ausgefallene Alternative ins Wohnzimmer geholt, die das ganze Arrangement auf lange Sicht zum Glänzen bringen soll. Dabei bleibt man sich treu und holt nach zwei wuchtigen Abwehrschränken einen nicht minder eindrucksvollen Raumtrenner für die Mitte des Feldes. Lange Rede, kurzer Sinn: Der HSV verpflichtet mit Walace einen brasilianischen Olympiasieger für das defensive Mittelfeld und wirft damit einige Fragen auf, die wir beantworten wollen.

Abräumer im Körper eines Leichtathleten

Der Werdegang Walaces (Achtung: nur mit einem „l“ schreiben!) ist unweigerlich mit Gremio Porto Alegre in Brasilien verbunden. Der defensive Mittelfeldspieler hat Großteile seines fußballerischen Erwachsenwerdens beim Traditionsverein verbracht und reifte dort zum Stammspieler heran, nachdem ihm ein gewisser Luiz Felipe Scolari zum Debut verholfen hatte. Seine ungeheure körperliche Präsenz erwies sich dabei von Anfang an als Vorteil, denn der 1,88m große Spieler, sticht sofort hervor, ohne einen Ball am Fuß zu haben. Da Defensivspezialisten im Land des joga bonito rar gesät sind, insbesondere solche, die einer Mannschaft wirklich weiterhelfen können, wird Walace seit Karrierebeginn mit Argus-Augen beobachtet. Trotz dieses Drucks, konnte der brasilianische Hüne eine beeindruckende Entwicklung hinlegen.

Der 21-Jährige debütierte mit 18 Jahren in der brasilianischen Liga und konnte im ersten Jahr 14 Einsätze verbuchen. In insgesamt zweieinhalb Jahren hat er es auf 77 Ligaspiele und zu fast 100 Profi-Einsätzen gebracht. Dazu kommt eine vorzeigbare Karriere in den Auswahlmannschaften seines Landes. U20-Nationalspieler, Stammspieler beim olympischen Heimerfolg in Rio und inzwischen auch A-Nationalspieler, seit seinem Debut im vergangenen Sommer. Nicht umsonst wetteifern seit Olympia die europäischen Scouts um die Dienste des Mittelfeldspielers, als er durch gute Leistungen auch die letzten Kritiker zu überzeugte. Walace schafft es dabei, stets voranzugehen und als Leader zu agieren, wie Mitspieler betonen. Jetzt verlässt der Modellathlet, den spox kürzlich mit einem Weitspringer verglich, also sein Heimatland, um den „großen Sprung“ nach Europa zu wagen. Ausgerechnet zum kriselnden Bundesliga-Dino hat es ihn verschlagen, bei dem er jetzt einen, knapp 10 Millionen Euro schweren, Rucksack herumschleppen darf. Worauf dürfen sich die Hanseaten freuen?

Mini-Pogba?

Spricht man über Walace, fällt aktuell vor allem der Pogba-Vergleich auf, den zahlreiche Medien bemühen. Die Gemeinsamkeiten berufen sich hierbei auf sehr offensichtliche Aspekte. Beide weisen eine ähnlich schlaksige Statur auf, bei der vor allem die langen Beine auffallend sind. Sie wissen ihren Körper sehr geschickt einzusetzen, um Bälle abzuschirmen oder festzumachen. In der Luft können sie ihre Größe einsetzen, um Kopfballduelle überdurchschnittlich häufig zu gewinnen. Und letztlich besitzen beide einen strammen Schuss, mit dem sie jederzeit in der Lage sind, aus der zweiten Reihe für Gefahr zu sorgen. Walace wartet in solchen Situationen bevorzugt zentral vor dem Strafraum in etwa 20-25m Torentfernung, um Ablagen der Stürmer möglichst direkt auf das Tor zu setzen. Immerhin sind ihm so bereits vier Saisontore gelungen.

Weitere statistische Übereinstimmungen müssen an dieser Stelle aber direkt relativiert werden, denn obwohl sie Pogba-ähnlich sein mögen, muss man bedenken, dass sie in der brasilianischen Liga aufgestellt wurden. Daher verabschieden wir uns kurz vom französischen Star (aka. der teuerste Transfer aller Zeiten…) und begutachten ausschließlich unseren brasilianischen Neuzugang. Neben den bereits angesprochenen Stärken kann Walace durch seine Passsicherheit punkten. Er profitiert hier von seinem geschickten Stellungsspiel und bringt sich immer in Positionen im Mittelfeld, in denen er Herr der Lage ist und Pässe verteilen kann. In der aktuellen Saison spielt er rund 60 Pässe pro Spiel und bringt knapp 85% dieser an den Mann, eine sehr gute Quote. Neben kurzen Pässen im Mittelfeld, weiß er hier auch durch präzise Flügelwechsel und Bälle in die Spitze zu überzeugen. Auch im Spiel gegen den Ball beweist er immer wieder seine Zweikampfstärke und glänzt bei Balleroberungen sowie Tacklings im Mittelfeld. Auffällig bleibt stets seine gute Spielübersicht, die ihn in vorteilhafte Positionen bringt. Er bringt folglich ein eindrucksvolles Paket aus Physis und Technik mit.

Hanseatische Nöte

Seine größte Schwäche wird zu Beginn das Spieltempo in Deutschland sein. Nach seinen ersten Trainingseinheiten bestätigte er diese Befürchtung in Interviews und auch Trainer Markus Gisdol sprach davon, dass man ihm Zeit geben müsse, sich an die Geschwindigkeit in der Bundesliga zu gewöhnen. Gerade beim olympischen Turnier fiel auf, dass Walace, trotz seines Stellungsspiels und seines Körpereinsatzes, recht behäbig in seinen Bewegungen wirken kann. Gerade bei Tempowechseln wirkt er schnell verloren, sodass er an diesem Aspekt seines Spiels weiterarbeiten muss. Dazu gehört auch, dass er seine Entscheidungsfindung in brenzligen Situationen verbessern muss, da er zu oft in Verlegenheit gerät, wenn ihm der Platz ausgeht. Diese Aspekte sind aber sowohl seinem Alter als auch seiner bisherigen fußballerischen Sozialisation geschuldet. Die Sünderkartei füllt der 21-Jährige regelmäßig. In den vergangenen beiden Saisons bringt er es auf Hollerbach’sche Zahlen: 19 gelbe Karten lassen eisenharte Innenverteidiger der 80er Jahre träumend sabbern, führen aber auch zu unnötigen Abwesenheiten auf dem Platz.

Den HSV bringt der Transfer in eine Zwickmühle. Auf der einen Seite ist man sich der Defizite des Neuzugangs bewusst, den man folgerichtig auch langsam an seine neuen Gegebenheiten heranführen möchte. Gleichzeitig verlangt die sportliche Notsituation sofortige Hilfe, denn die Hamburger haben den Start ins neue Jahr gehörig in den Sand gesetzt. Die verkorksten Spiele haben die ersten Aufstellungs-Konsequenzen nach sich gezogen. Die Doppelsechs Sakai-Ostrzolek wurde wieder aufgelöst, da der Kapitän als Rechtsverteidiger gebraucht wird. Dazu kommt Albin Ekdal, der eigentlich für diese Position eingeplant war und sich kurzfristig aus der Mannschaft getreten hat. Auf Dauer sollte er gesetzt sein, dafür ist sein spielerisches Potenzial zu groß. Lewis Holtby, der aushilfsweise zurückgerutscht ist, wirkt aber nach wie vor unglücklich auf der defensiven Position im Mittelfeld und kann seine Stärken im Spiel nach vorne nicht zu Geltung bringen. (Gerüchten zufolge besitzt er diese Stärken noch.) Auch Papadopoulos kann zwar auf der Sechs aushelfen, sein Einfluss in der Innenverteidigung sollte aber größer sein, vor allem fehlt ihm das spielerische Verständnis im Mittelfeld. Es ruft förmlich nach einer Blutauffrischung im Mittelfeld.

Undankbare Situation oder mögliche Chance?

Diese sportlich bescheidene Ausgangslage könnte jetzt dafür sorgen, dass Walace früh Einsatzzeit sieht und damit die defensive Neugestaltung des HSV abschließt. Mit ihm im Zentrum, zum Beispiel an der Seite von Ostrzolek, hätten die Hanseaten einen geballten Block aus zweikampfstarken Spielern in der Innenverteidigung und im defensiven Mittelfeld. Mit der ausgewiesenen Passsicherheit des brasilianischen Neuzugangs und der zusätzlichen offensiven Impulse, kann das Mittelfeld deutlich aufgewertet werden. Gerade gegen tiefstehende Mannschaften in direkten Abstiegsduellen ist dies ein nicht zu verachtender Vorteil. Die Doppelsechs aus Walace und Ekdal hat seinen Reiz, da sich beide potenziell ergänzen. Insbesondere für das Aufbauspiel und eine spielerische Grundausrichtung wäre das eine Variante für die Zukunft.

Klar ist aber auch, dass weitere Gefahren bestehen. Die Umgewöhnung an den Bundesligafußball kann schwer genug sein für einen brasilianischen Import. Diese wird jedoch umso komplizierter, wenn die fußballerische Situation und der gespielte Fußball wenig mit brasilianischen Verhältnissen zu tun hat. Abstiegsbedrohter Rumpelfußball hat eben wenig mit joga bonito zu tun. Auch die Ablösesumme wird sich als Damoklesschwert herausstellen, sodass Fans nicht lange mit Kritik zögern werden, denn es werden schnelle Resultate und dementsprechende Leistungen verlangt. Für eine schnellere Eingewöhnung wird daher der Landsmann Douglas Santos sorgen müssen, der bereits angekündigt hat, alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, damit sich Walace wohlfühlt. Findet diese sportliche, klimatische und atmosphärische Akklimatisierung statt, dann kann den Hamburgern ein echter Glücksgriff gelungen sein. Schließlich erfüllt der Neuzugang alle sportlichen Kriterien der Hansestädter. Aber wenn man die letzten Zeilen nochmal durchgeht, dann fallen auch reichlich Einschränkungen und Unwägbarkeiten auf, die diesen Transfer begleiten.

Zum Glück haben die Hamburger momentan weniger (oder mehr?!) finanzielle Probleme, sodass die Ablösesumme auf den zweiten Blick erst zum Problem wird. Markus Gisdol muss jetzt den Drahtseilakt meistern, den Neuzugang effektiv einzubinden, damit man sich aus dem Abstiegssumpf herausziehen kann. Schließlich kann der brasilianische Raumtrenner genau das Möbelstück sein, dass nicht nur in dunklen Zeiten glänzt, sondern auch ein Fixpunkt für langfristige Planungen wird. Schließlich will Jens Todt auf Dauer den gesamten Hausstand auf Vordermann bringen und damit hat er gerade erst begonnen.

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