Elias Kachunga und Amin Younes. Ersterer mischt derzeit mit Huddersfield Town unter dem eigentlich-fast-schon-neu-Wolfsburg Trainer und Klopp Trauzeuge David Wagner die englische Championship auf, ist der einzige Spieler, der jedes Pflichtspiel bestritten hat und sich laut Gerüchten auf den Zettel von Ronald Koeman beim FC Everton gespielt hat. Younes blüht bei Ajax Amsterdam ebenfalls regelrecht auf, ist zu einer festen Größe in der Mannschaft avanciert. Beide stehen jedoch auch für eine Reihe von Talenten, die zwar sehr früh auf sich aufmerksam machten, in Gladbach aber eben nicht den Durchbruch schaffen. Die Fohlenphilosophie, welche mittlerweile durch eine internationale Dimension des Scoutings besticht, die in der Bundesliga neue Maßstäbe setzt, bringt eben auch Opfer. Mit Laszlo Benes, Djibril Sow und Ba-Muaka Simakala stehen drei Youngster mittlerweile regelmäßig im Profikader. Einer hingegen, der bisher noch etwas unter dem Radar fliegt, jedoch fast schon sicher in den nächsten Jahren zur ersten Mannschaft stoßen wird, ist Mika Hanraths. Talentkritiker stellt euch den Hoffnungsträger der Gladbacher Abwehr vor.

Eingereiht: die Fortuna verlassen

Es ist eine Anekdote, die fast in jedem Artikel zu Hanraths zu finden ist: Kurz nachdem Sportdirektor Azzouzi das Kredo erneuert hat, dass die Fortuna über eine verstärkte Jugendarbeit hin zu einer neuen Identifikationskultur der Mannschaft sorgen müsse, hatte das wohl größte Talent der Düsseldorfer Akademie den Verein bereits wieder verlassen. Begünstigt von dem Wechsel eines weiteren Talentes, welches sich in Gladbach nicht durchsetzen konnte, kam Hanraths fast im „Tausch“ mit Marlon Ritter an die anderen Rheinseite. Dies tat der großgewachsene Bursche mit echten Empfehlungen: als ehemaliger Kapitän der Düsseldorfer U17, spielte er im Alter von 16 Jahren bereits in der vereinsinternen U19.  Für diese Altersgruppe kickt Hanraths derzeit auch in Gladbach, mit großen Aspirationen nach oben. Bei seiner Verpflichtung überschlugen sich die lokalen Printmedien regelrecht, von dem wohl schmerzhaftesten Abgang der jüngeren Düsseldorfer Vereinsgeschichte war gar die Rede. Das muss schon was heißen, betrachtet man das Alter des jungen Mannes. Es zeigt aber eben auch, wie große Hoffnungen mit Hanraths verbunden waren, der als ein jungen Aushängeschild der Mannschaft in den nächsten Jahren Gesicht und Spielweise hätte vorleben können.

Neben dem Platz als besonders bodenständig, bescheiden und ehrgeizig geltend verblüfft eine Parallele zwischen Hanraths und dem wohl momentan gefragtesten Spieler Gladbachs: Mo Dahoud. Die Tatsache, dass der Deutsch-Syrer aus der Düsseldorfer in die Gladbacher Jugend gewechselt ist, gerät beim Trubel um seine Person leicht in Vergessenheit. Der Aufstieg Dahouds ist bekannt: unter Favre bekam der hochtalentierte Mittelfeldspieler erste Einsätze, entwickelte sich unter André Schubert zum Shootingstar der Saison 2015/16. Nach der gewohnten Leistungsdelle junger Fußballer ist Dahoud auch jetzt unter Dieter Hecking wieder auf dem Weg, an seine alten Leistungen anzuknüpfen. Und Hanraths? In der Gladbacher U19 hat er sich zum unangefochtenen Stammspieler entwickelt, überzeugte auch in der UEFA Youth League, in der ihm gegen Celtic Glasgow auch ein Tor gelang. Laut Nachwuchsdirektor Roland Vikus wird ihm eine ähnlich steile Karriere wie Dahoud prognostiziert. Dies liegt zum einen an seinem Talent, zum anderen aber auch auf der zyklischen Ausrichtung des Gladbacher Mannschaftsgefüges. Entwickeln sich junge Spieler – hier sind ein Andreas Christensen oder Nico Elvedi zu nennen – zu absoluten Leistungsträgern, wecken sie Begehrlichkeiten anderer Vereine und werden in der Regel früher oder später für viel Geld transferiert. Meist steht dann jedoch schon eine weitere, junge Lösung, die durch perspektivische Planung zur Borussia gelockt wurde, in den Startlöchern. Genau das kann in den nächsten Jahren Hanraths große Chance werden.

Hanraths: Prototyp des kompletten Verteidigertalents

Auf dem Platz ist Hanraths als ein moderner Verteidiger zu beschreiben, der durch geschicktes Stellungsspiel antizipiert und gegnerische Angriffssituationen durch eine hohe taktische Schulung vorausschauend unterbindet. Da die zeitgenössische Ausbildung moderner Innenverteidiger jedoch auf größtmögliche Komplettheit abzielt, ist es schwer, Hanraths herausragende Stärken und Schwächen zu bescheinigen. Gerade die Ausbildung in den Jugendnationalmannschaften des DFB (Hanraths nahm unter anderem für die U17 an der Europameisterschaft teil), die seit der Ära Sammer verstärkt auf eine hohe systemische Konstanz, Kontinuität und Durchlässigkeit abzielt, steht für die Schulung der Innenverteidiger im Spielaufbau, in der Verschiebung der Räume, aber auch in eben jener Antizipation im Stellungsspiel. Eine der größten Stärken Hanraths ist sein ausgeprägtes Passspiel, welches ihn nicht nur zu einer Anspielstation in der hinteren Reihe, sondern auch als einleitenden Spieler in der Eröffnung von Angriffssituationen macht. Im Gladbacher Spiel, welches unter Hecking zur Viererkette zurückgekehrt ist, findet das Aufbauspiel zunehmend über die Innenverteidiger statt, die bei Rückpass aus dem defensiven Mittelfeld nach vorne eindribbeln und somit zentral in die Spieleröffnung eingebaut werden. Ein Umstand, für den Hanraths prädestiniert ist. Durch seine Größe von 1,90m verfügt Hanraths zudem über ein solides Kopfballspiel in Angriff und Verteidigung, hat zudem in der Vergangenheit auch in engen Zweikampfsituationen Ruhe und die nötige Härte gezeigt. Zudem verfügt Hanraths durch seine Athletik über eine solide Grundschnelligkeit.

Ihr seht, liebe Leser, es fällt schwer, Schwächen bei Hanraths zu erkennen. Ein durch seine Spielweise inhärentes Defizit ist die enge Zweikampfführung am Mann, wie sie beispielsweise von Gladbachs Kolo praktiziert wird. Hanraths vereint jedoch alle Attribute, um auch in brenzligen Situationen am Mann geschickt und gnadenlos zu agieren. Wie bei anderen Talenten auch, kommt es in seinem Alter vor allem darauf an, sich durch kontinuierliche Spielpraxis in der Jugend so unverzichtbar zu machen, dass alsbald der Cheftrainer der ersten Mannschaft auf einen aufmerksam wird. Dies dürfte bei Hanraths ohne Zweifel der Fall sein, wenngleich er mit seinen 17 Jahren auch noch genug Zeit zur Entwicklung vor sich hat. Seine Ruhe und Abgeklärtheit empfehlen ihn aber schon jetzt für höhere Aufgaben – zur neuen Saison wohl in Gladbachs U23.

Hanraths Zukunft: Planstelle als langfristige Chance

In der ersten Mannschaft trifft Hanraths langfristig gesehen auf eine aufgrund von Gladbachs Entwicklung naturgemäße Leistungsdichte. Oder? Der Rechtsfuß wäre wohl für die rechte Innenverteidigerposition vorgesehen, über der in Form von Andreas Christensen das berühmte Damoklesschwert schwebt. Aller Voraussicht nach wird der hochveranlagte Däne im Sommer zu Chelsea zurückkehren, eventuell von Max Eberl ein Jahr länger ausgeliehen. Mit Nico Elvedi steht ein designierter Nachfolger zwar bereits, dieser muss sich unter Dieter Hecking jedoch auch neu beweisen. Denkbar ist ebenfalls die Verpflichtung eines weiteren Innenverteidigers im Sommer. Links warten Vestergaard und Kolo, Mamadou Doucouré, eines der größten Innenverteidigertalente Europas, derzeit aber dauerverletzt, rückt nach. Langfristig gesehen wird Hanraths Chance wohl spätestens dann schlagen, wenn Nico Elvedi in spätestens zwei Jahren bei gleichbleibender Entwicklung eine höhere Aufgabe sucht. In bester Gladbacher Manier steht dann in Form von Hanraths bereits das nächste Juwel mit geringen Anpassungsproblemen in den Startlöchern und schafft unserer Prognose nach den Sprung in den Profikader.

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