Mats Hummels hat einen neuen Partner. Nach achteinhalb Jahren echter Liebe kehrt der Innenverteidiger nach Oberbayern zurück, getragen von der Hoffnung auf eine noch erfolgreichere Beziehung. Kaum ein Wechselgerücht erfuhr solch eine mediale Aufmerksamkeit wie der Flirt zwischen dem attraktivsten Spieler der Bundesliga (mafo.de) und dem FC Bayern. Die Affäre zwischen Hummels und den Münchnern ist nun offiziell bindend geworden, was die einen schmerzt und die anderen freut. Alles zur Rückkehr gibt es hier bei Transferkritiker.

Mats Hummels Rückkehr: Zukunft ist Vergangenheit

Die sportliche Vergangenheit: Der prekärste Punkt im Fall Hummels. Mittlerweile weiß wohl jeder Fußballfan in Deutschland, dass der 27-Jährige eine rot-weiße Vergangenheit hat. Um dies zu konkretisieren: Hummels, am 16.12.1988 pikanterweise in Nordrhein-Westfalen geboren, begann im Oktober 1995 das Fußballspielen beim FC Bayern, drei Monate nachdem sein Vater Hermann dort seine Stelle als Nachwuchskoordinator angetreten hatte. Am 03.01.2008 war klar, dass der Innenverteidiger erstmals in anderen Farben auflaufen würde, am 01.07.2009 wandelte Borussia Dortmund das Leihgeschäft in einen Transfer um und zahlte 4,2 Millionen Euro an die Münchner. Warum man den talentierten Defensivmann damals abgab? Werner Kern, der ehemalige Leiter des FC Bayern Junior Teams, glaubte damals, die richtige Entscheidung zu treffen: Hummels sei zwar ein besserer Fußballer als sein Konkurrent Holger Badstuber, doch weniger spritzig und abgezockt. Dies sagte der heute 70-Jährige zum Transferzeitpunkt auf Nachfrage von SPOX.com.

Weil der bedauernswerte Holger Badstuber seit dreieinhalb Jahren fast ununterbrochen verletzt ist, musste der FC Bayern diese Entscheidung nun nachträglich rückgängig machen und ein Vielfaches der damaligen 4,2 Millionen Euro nach Dortmund überweisen. Die Münchner haben die Verletzungsanfälligkeit Badstubers natürlich nicht einkalkuliert und somit schmerzlich erfahren müssen, dass man mit Pech – welches zweifelsohne zur Geschichte Badstubers gehört – nicht rechnen kann. Ein positiver Nebeneffekt: Mit Jerome Boateng und Mats Hummels hat der FC Bayern für die kommenden Jahre das vielleicht beste Innenverteidiger-Duo der Welt in seinen Reihen. Gleichzeitig hat Holger Badstuber, der unermüdlich an seiner Rückkehr arbeitet, einen neuen alten Konkurrenten vor der Nase – acht Jahre später und nun mit deutlich schlechteren Karten.

Während die eine Seite den Wechsel hinsichtlich der historischen Gegebenheiten als ,,Rückkehr des verlorenen Sohnes“ legitimiert, wird von der anderen Seite Mats Hummels Undankbarkeit und dem FC Bayern unfaire Wettbewerbsvorteile vorgeworfen. Die Wahrheit findet sich irgendwo in der Mitte zwischen den beiden Parteien, deren Verantwortliche zumindest dieses Mal seriös und diplomatisch aufgetreten sind.

Der vom Zeitgeist profitiert

Dass Mats Hummels erst nach der Ära Pep Guardiola zum FC Bayern wechselt, ist nicht verwunderlich. Der scheidende Katalane ordnet alles und jedem seinem System unter, woran Spielertypen, die sich sehr durch ihre eigene, individuelle Spielinterpretation defininieren, regelmäßig scheitern. Prominentestes Beispiel: Zlatan Ibrahimovic.

Auch Hummels wäre ein Wagnis eingegangen, hätte er sich schon im Sommer 2015 für einen Wechsel zu den Bayern entschieden. Der 27-Jährige profitiert vom Zeitgeist des ,,modernen Verteidigens“. Seit einiger Zeit ist ,,Pressing“ das Schlüsselwort für alles, was als fußballerisch modern gilt. Aggressive Balljagd, hochstehende Verteidiger, stets hohes Tempo – ganz nach Carl von Clausewitz: Angriff ist die beste Verteidigung! Oder, ein wenig auf Mats Hummels adaptiert: Angreifer sind die besten Verteidiger. Hummels, in seinen ersten Jahren selbst als Stürmer aktiv, gilt als der ideale moderne Verteidiger und profitiert davon, dass diese Spielweise, mit der Dortmund vor einigen Jahren fast alles in Grund und Boden spielte, immer noch vielerorts als optimal gilt.

Aber was heißt modern Verteidigen? Mats Hummels ist alles andere als ein statischer Innenverteidiger. Er reagiert bei jedem Gegenangriff individuell, rückt aus der Viererkette heraus und überrascht die gegnerischen Angreifer – zumindest meistens. Gelingt die Balleroberung nämlich nicht, reißt Hummels hinter sich ein Loch in den Abwehrbund und bietet den Gegnern die Möglichkeit, in Überzahl auf eine jetzt unsortierte Defensive zuzulaufen. Unabdingbar ist für eine solche Spielweise also extreme Dominanz im direkten Zweikampf und hervorragende Antizipation. Das hat Hummels beides – doch seine mangelnde Athletik schlägt ihm manchmal ein Schnippchen. Gerade in der katastrophalen Hinrunde 2014 wurde das deutlich, als der Innenverteidiger selbst eingestehen musste, dass er unbedingt an seiner Fitness arbeiten muss. Ergo: Ein fitter Mats Hummels ist mit Sicherheit einer der besten Innenverteidiger weltweit, ein Mats Hummels außer Form des Öfteren mehr Sicherheitsrisiko denn -garantie.

Was selbstverständlich nicht vergessen werden darf sind die herausragenden Qualitäten Hummels in der Spieleröffnung, bei der er einen elementaren, taktischen Bestandteil in seiner Mannschaft einnimmt. Oft resultiert seine vorteilhafte Ausgangslage aus einer oben beschriebenen Balleroberung. In dieser Situation ist ja die erste Angriffsreihe des Gegners schon überwunden, zudem steht dieser defensiv unsortiert. Muss Hummels das Spiel machen, ist er sehr gut dazu in der Lage, freie Räume zu erkennen, fordert dann aber nicht einen Sechser in diesen Raum um den Ball nur nach vorne zu verlagern, sondern macht sich selbst auf die Reise und bringt somit nicht nur den Ball, sondern, mit sich selbst, einen weiteren Angreifer ins Spiel. Dieser nominellen Überlegenheit folgt oft ein Herausrücken der gegnerischen Defensive, die dadurch Schnittstellen freigibt, die Hummels durch seine Fähigkeit, sehr präzise Pässe spielen zu können, meist sehr gut nutzt.

Deckt der Gegner den Raum gut ab, ist Hummels manchmal zu einem langen Ball gezwungen. Doch auch diese langen Bälle werden nicht selten zur Waffe, was einerseits an bereits erwähnter Fähigkeit zur genauen Präzisierung liegt, andererseits an der vergleichsweise geringen Flughöhe: Hummels präferiert es, den Ball halbhoch oder auf Kopfhöhe zu schlagen. Somit ist der Ball kürzer unterwegs und nimmt der gegnerischen Defensive wertvolle Zeit, um sich neu auszurichten und zu reagieren.

Unüberwindbar

Wie zuletzt in der Nationalmannschaft gesehen, wird der FC Bayern in der kommenden Saison mit einer zentralen Defensive auftreten, die nahe an das Prädikat ,,unüberwindbar“ herankommt. Auf dem Spielfeld ergänzen sich Boateng und Hummels zu einem Paar, das sowohl defensiv als auch in der Spieleröffnung nur noch sehr wenige Mängel aufweist. Die zweite Ehe könnte also eine harmonischere werden als die erste, wobei das Verhältnis zu Holger Badstuber – dem Konkurrenten – weniger Bedeutung haben wird als vor einigen Jahren.

 

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