Höwedes, Nastasic, Naldo, dazu die jungen Ayhan, Bitter und Kehrer – die Perspektive, die sich Marvin Friedrich mit Blick auf die Spielzeit 16/17 bot, war nicht ermutigend. Somit überrascht es nicht, dass der junge Innenverteidiger nicht mehr in königsblau auflaufen wird. Was allerdings überrascht, ist rot-grün-weiß als neue Arbeitskleidung Friedrichs, denn auch beim FC Augsburg scheint der Bedarf in der Innenverteidigung auf den ersten Blick gedeckt. Wechselt der 20-Jährige also nur von einer Ersatzbank auf die andere und entwickelt sich zu einem verhältnismäßig bedeutungslosen Transfer, oder hat Stefan Reuter einen Coup gelandet und verhilft im Gegenzug Friedrich zur Etablierung im Profitum?

Marvin Mustermann

Sucht man in Marvin Friedrichs bisheriger sportlicher Karriere nach Abnormalitäten oder Auffälligkeiten, wird man enttäuscht. Der gebürtige Kasseler absolvierte eine Muster-Laufbahn, die momentan auf dem Prüfstand steht, denn mit der Veränderung von Gelsenkirchen zu Augsburg trifft Friedrich die erste scheinbar rückwärtige Maßnahme.

Mit sieben Jahren begann er mit dem Fußball beim FSC Guxhagen, sechs Jahre später dann der logische Wechsel nach Vellmar, wo zur damaligen Zeit herausragende Jugendarbeit geleistet wurde (u.A. auch Marc Stendera spielte damals dort). 2010, nach zwei Jahren in Nordhessen, folgte der nächste Aufstieg zum SC Paderborn, ehe der Durchbruch nach dem Wechsel in die Knappenschmiede und drei Jahre später dem ersten Einsatz bei den Profis zum Greifen nah schien. Doch es blieb beim Schein, denn in einem schwierigen Umfeld mit instabilen Situationen bei allen sportlichen Posten konnte sich Friedrich nie dauerhaft beweisen, auch zwei Jahre später hat der Defensivmann nur sechs Einsätze mehr auf dem Konto. Auch in der Nationalmannschaft blieb Friedrich eine Randfigur, U20-Europameister wurde er 2014 mit nur wenigen Minuten Spielzeit. Nichtsdestotrotz wurde ihm in der Fanszene fast durchwegs eine große Karriere prognostiziert und die erfolgreiche Zukunft auf Schalke zugetraut – weil die Geduld von Friedrich nach langem Warten aber mittlerweile ausgelastet ist, zieht er weiter in den Süden, aus dem im Gegenzug eine Million Euro in den Ruhrpott fließen – für die bescheidenen Augsburger eine bemerkenswerte Summe, die allerdings vor einigen Jahren für einen Spieler vom Format Friedrich, ungeachtet dessen möglichen Talents, sicher noch nicht bezahlt worden wäre.

Jetzt ist der 20-Jährige in der Fuggerstadt, und findet als Nebenmänner statt Naldo, Höwedes und Nastasic Klavan, Gouweleeuw und Hong vor – sicher, letztere spielen auf einem Level unter den Schalkern, doch hat Friedrich die Qualitäten, um sich gegen die Augsburger durchzusetzen?

Hummels light

Friedrich, der sowohl als Innen- als auch als Außenverteidiger relativ gleichwertig spielen kann, sind zu allererst körperliche Vorteile zu bescheinigen: Sein 190 Zentimeter Körpergröße sind zwar bei einem Innenverteidiger standesgemäß, allerdings bringt der Schlaks eine in dieser Relation wirklich erstaunliche Beweglichkeit und Flexibilität mit, die ihm im Zweikampf für den Gegner unangenehme Mittel bescheren. Dieser Vorteil spielt sich natürlich in Situationen aus, in denen Friedrich lange Bälle, ob hoch oder flach, abfangen muss, da er dann die Körperfläche vergrößern und den Aktionsradius für den Gegenspieler – auch ohne vom Stellungsspiel her optimal zu stehen – sehr klein machen kann. Konkret heißt das, dass sich Friedrich, um Erfolg zu haben, entgegen der Schulfußball-Lehre weder vor den Mann schieben muss um den Ball abzufangen, noch genügend Abstand halten muss, um den Ball nach Drehung des Gegners face-to-face zu erobern. Friedrich steht sehr eng am Mann, und wo andere Verteidiger durch eine geschickte Drehung des Offensivmannes mit einer Aktion übergangen und aus dem Spiel genommen werden, platziert Friedrich eines seiner langen Beine und gewinnt entweder den Ball oder foult den Gegenspieler. Inwiefern diese Spielweise vorteilhaft ist, hängt ganz klar von der Situation ab, beachtet werden muss jedoch, dass Friedrich durch diesen Stil bei seinen Ballerobungen fast immer ebenso zu Fall kommt, Folge ist also eher in seltenen Fällen ein Gegenangriff, meistens eine reine Angriffsunterbrechung oder Entschleunigung der gegnerischen Offensivaktion.

Um taktische Relevanz zu erhalten, muss erwähnt werden, dass Friedrich oft im Stile von Mats Hummels aus der Viererkette ausbricht, um vor ihm postierte Gegner bei der Annahme horizontaler Bälle in eben beschriebener Manier zu behindern. Hummels unterscheidet aber ganz klar dessen deutlich bessere Spielinterpretation und die damit verbundenen wohlgewählten und penibel abgestimmten Ausrückaktionen, die so gut wie immer nicht nur den gegnerischen Angriff unterbrechen, sondern auch eine eigene Offensivaktion einleiten, während Friedrichs Stil des Ausrückens – wie oben beschrieben – oft ungestüm oder gar unüberlegt anmutet. Auch wenn dies in der Defensive das auffälligste Mittel des 20-Jährigen ist und sicherlich oft eine wertvolle Waffe zur Zerstörung einer gegnerischen Offensivaktion darstellt, muss der Defensivmann dieses Werkzeug weiter verbessern und anpassen lernen, um es auch konstant zum eigenen Vorteil nutzen zu können.

Mit Ball am Fuß – also offensiv – kann man Friedrich attestieren, auch unter Pressingdruck die Ruhe nicht zu verlieren und stets saubere, sichere Bälle zu spielen. Spielerisch fehlt ihm aber die bei der Betrachtung der Defensive bescheinigte Beweglichkeit, technisch ist Friedrich also sicherlich nicht auf dem Stand des absolut modernen Innenverteidigers, ein weiterer Punkt, der ihn von Mats Hummels unterscheidet.

Es liegt – wie fast immer – am Trainer

Vor dem Hintergrund dieser Spieleranalyse lässt sich schlussfolgern, dass Friedrich vorzüglich in den Augsburger Defensivbund passen kann, allerdings sicher nicht sofort. Behält man beim FCA den Spielstil der letzten Jahre bei, wartet also grob gesagt defensiv eher ab, um mit gezielten Pressingaktionen zu Balleroberungen zu kommen und das Umschaltspiel weiterhin als essenstielltes Mittel der Offensive zu benutzen, dann kann Friedrich bei Regulierung seiner Ausrückaktionen und ordentlicher Eingliederung in die Augsburger Defensive in raumverdichtenden Aktionen derer ein erfolgreicher Transfer sein. Ein möglicher Nebenmann Friedrichs, Jeffrey Gouweleeuw, zelebrierte in der Eredivisie den in diesem Artikel durchgängig behandelten Spielstil des Ausrückens fast schon auf Mats-Hummels-Niveau, braucht aber immer noch Zeit, um sich an die höheren Anforderungen der Bundesliga anzupassen und sein spielerisches Level zu verbessern. Gelingt ihm dies vollends, kann er ein optimales Vorbild für Friedrich werden, der sich auf dem Platz uneingeschränkt am Niederländer orientieren könnte.

Es liegt also – wie fast immer – am Trainer, an Dirk Schuster, seine Spieler richtig mit- und füreinander zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen. Wie bei so vielen Transfers hat auch der von Friedrich großes Potential, natürlich aber nicht uneingeschränkt.

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