Sucht man im Netz nach Martin Hansen und vernachlässigt dabei tiefgeherende Ressourcen wie professionelle Scouting-Datenbanken, findet man vor allem eines: Unzählige Videoclips, die in der Headline ein fantastisches Tor ankündigen – dabei ist Martin Hansen von Beruf Torhüter und nicht -jäger. Und doch hat er den Ball auch einmal ins Tor gejagt, aber nicht irgendwie, sondern in der fünften Minute der Nachspielzeit, zum Ausgleich, mit der Hacke. Und die Fußballwelt kennt seinen Namen bisher nur wegen dieser spektakulären Tat, obgleich diese sicher keine Rolle für Thomas Linke und Co. gespielt hat, als man 950.000€ für den Dänen auf den Tisch legte. Warum diese Überweisung nach den Haag stattgefunden hatt, erklärt Transferkritiker.

Mit 15 auf die Insel und YouTube-Star

Wer hätte ,,nein“ gesagt an Martins Stelle? Damals, als Martin 15 Jahre alt ist, beim Heimatverein in Bröndby gute Leistungen abliefert und plötzlich der große FC Liverpool an die Tür klopft und mit Beträgen winkt, die Martin gerade erst in der Schule gelernt hat?

Die wenigsten hätten das. Verständlicherweise – auch wenn das ,,nein“ an dieser Stelle wohl richtiger gewesen wäre, als mit jungen Jahren das Heimatland zu verlassen und nach Liverpool zu ziehen. Denn an der Anfield Road konnte sich Martin Hansen nie durchsetzen, auch eine Leihe zu Bradford City (vier Spiele, fünf Gegentore) verlief glücklos. Und erst mit der Rückkehr in die dänische Heimat zu Viborg FF, kam die Karriere wieder richtig in Schwung.

Denn jetzt war Martin wieder zuhause – und blühte auf: Mit Viborg wurde er Meister und stieg auf, zudem blieb er 14 mal ohne Gegentor. Folgerichtig ein Transfer zur nationalen Größe FC Nordsjaelland, wo er auch nur eine Saison spielte und dann zum zweiten mal den Schritt in eine größere Liga wagte: Ziel war 2014 die Eredivisie, ein Level zwischen der dänischen Superligaen und der englischen Premier League, wenn man so will. Und auch wenn es dem ein oder anderen wohl leichter gefallen wäre, ,,nein“ zu ADO den Haag als zum FC Liverpool zu sagen, so war an dieser Stelle das ,,ja“ die richtige Antwort. Denn in den Haag wurde Hansen regelmäßig auf hohem Niveau von Angreifern aus Amsterdam und Eindhoven gefordert, 65 Spiele, 12 ,,clean sheets“ und eine Internet-Sensation später ist man sich in Ingolstadt sicher, einen würdigen Nachfolger für Ramazan Özcan gefunden zu haben. Warum?

McMahon, Hodgson, Segura & Borrell: Der Martin-Hansen-Stil

An dieser Stelle lohnt es sich, den ersten Teil des Artikels gelesen zu haben, denn kennt man Martin Hansens sportliche Vergangenheit, dann kann man ihn besser verstehen – und ergo auch die Evolution des Hansen’schen Spielstils, der sich in keine Kategorie á la ,,moderner Torwart“ oder ,,alte Schule“ drücken lässt.

Zweifelsohne ist Martin Hansen von großem Talent gesegnet, das er in jungen Jahren in Bröndby unter Beweis stellte. Das unter Beweis stellen gelang auf der Insel dann nur noch ansatzweise, was wohl mit psychischen Gründen und sicherlich auch der persönlichen Entwicklung des jugendlichen Hansen zusammenhängt. Nichtsdestotrotz waren die sechs Jahre in England keine rein verlorenen: Trainer wie John McMahon, wo Hansen zwischenzeitlich eine herausragende Gegentor-Quote hatte, Roy Hodgson oder Pep Segura und Rodolfo Borrell, die lange für La Masia arbeiteten und arbeiten, beschertem Hansen Eindrücke und Erfahrungen aus den exquisitesten Ecken des Profifußballs.

Persönlich gereift und orientiert wusste Hansen endlich, sich zu ordnen und seinen individuellen Stil durchzusetzen. Kombiniert mit dem nötigen Talent ein Erfolgsrezept, wie sich durch Hansens Karriere belegen lässt. Was macht diesen individuellen Stil aus?

Im Gegensatz zu Idealen des modernen Torwartspiels wie Manuel Neuer oder Jan Oblak steht Hansen keineswegs stets hoch oder verlässt die Linie frühzeitig, um Bälle abfangen zu können. Allerdings ist der 26-Jährige auch keiner, der sich, stur auf der Linie klebend, auf seine Reflexe verlässt. Vielmehr ist Martin Hansen ein Torhüter, der abwartet und das Tor nicht zum augenscheinlich optimalen Zeitpunkt verlässt, sondern zu unorthodoxen Zeitpunkten, die den ballführenden Angreifer – so banal es auch klingen mag – leicht aus der Ruhe bringen und diesen den Abschluss ungünstig timen lassen. Der Martin-Hansen-Stil sieht auch vor, nach Flanken oder Ecken niemals vorschnell aus dem Tor herauszukommen, sondern hier tatsächlich noch länger abzuwarten und Bälle von der Linie abzuwehren. Ohne Frage, Hansen ist reaktionsschnell und hat in diesen Situationen die ein oder andere Glanztat vollbracht, nichtsdestotrotz ist das Abwarten hier eher negativ zu werten, nimmt Hansen doch so einen unnötigen Kontrollverlust in Kauf. Doch wer weiß, lernfähig wie sich der Däne gezeigt hat, ist es gut möglich, dass Markus Kauczinski auch diese Unannehmlichkeiten noch korrigiert.

Am Ball – in der Spieleröffnung – merkt man, das Hansen frühzeitig eine hervorragende Ausbildung genossen hat. Auch die katalanischen Einflüsse sind in der ein oder anderen Situation vom geübten Auge zu erkennen.

Skandinavien-Duell

Nun wird Martin Hansen also im zweiten Anlauf versuchen, sein Können in einer der besten Ligen der Welt unter Beweis zu stellen. Die Chancen stehen besser als beim ersten Mal. Augenscheinlich eine Win-win-Situation, doch denkt man so, vergisst man den zweiten Skandinavier im Team der Oberbayern: Es wäre da ja noch Örjan Nyland, nominelle Nummer eins im Tor der Schanzer. Der Norweger, drei Monate jünger als Neuzugang Hansen, dürfte sich große Hoffnung auf den Stammplatz im Tor gemacht haben. Jetzt sieht er sich einen weiteren Konkurrenten vor die Nase gesetzt, der diese auch noch vorne haben dürfte. Oder entwickelt sich ein leistungsfördernder Konkurrenzkampf mit gleichen Bedingungen? Dass der FCI mit einem neuen Trainer an den Start geht, spräche hierfür. Der Transfer ist für den Verein also auf jeden Fall ein Gewinn, 950.000€ dimensional gesehen nicht viel und für die Audistädter auch keine besonders hohe Summe. Auch für den Spieler macht der Transfer Sinn: Mit 26 Jahren unternimmt Hansen den nächsten logischen Schritt und der Karriere des Dänen gab es schon größere Herausforderungen als den Zweikampf mit Örjan Nyland.

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