Denkt man an schwedische Abwehrspieler aus der jüngeren Vergangenheit, fallen einem augenblicklich Namen wie Olof Mellberg, Erik Edman oder auch Patrik Andersson ein: Brachiale Zweikampfmaschinen, denen man bereits in der Jugend eingetrichtert hat, die Mittellinie nicht zu überqueren, dem Gegenspieler aufs Klo zu folgen und die am Ende ihrer Karriere auf eine beeindruckende Sammlung gelber Karten zurückblicken konnten. Einen erfrischenden Gegenpol zu den Wadenbeißern der alten Schule bildet der 22-jährige Linksverteidiger Ludwig Augustinsson vom FC Kopenhagen, der im Sommer für kolportierte 3 Millionen Euro zum SV Werder Bremen wechseln wird und dort die Position des Außenbahnspielers modern interpretieren soll. Ganz ablegen konnte er das „schwedische Verteidigungsgen“ bislang jedoch noch nicht.

Keine Fuffis im Club

Der Wechsel des schwedischen Jungnationalspielers zu den Grün-Weißen von der Weser ist durchaus bemerkenswert. Schließlich handelt es sich um eines der größeren Talente, die der schwedische Fußball in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat und das trotz seines zarten Alters bereits umfassende Erfahrung auf internationaler Ebene vorweisen kann. Dass sich die Werderaner bei der Verpflichtung des variabel einsetzbaren Außenbahnspielers gegen solch namhafte Konkurrenz wie den AC Florenz oder ZSKA Moskau durchsetzen konnten, wirkt daher auf den ersten Blick überraschend. Ausschlaggebend für den Wechsel scheint für Augustinsson wohl weniger die sportliche Perspektive auf internationaler Ebene, als vielmehr die Aussicht auf regelmäßige Spielzeiten im Ligaalltag gewesen zu sein – was für eine keineswegs selbstverständliche Bodenständigkeit des jungen Blondschopfs spricht, der laut eigener Aussage noch nie (!) Alkohol getrunken hat. Dass ihn Werders Coach Alexander Nouri bereits jetzt als „super Typen“ bezeichnet, passt in dieses Bild des unkomplizierten Skandinaviers, der seine Freizeit lieber mit der Familie verbringt, als nachts die Fuffis in den Club zu schmeißen.

Schwedischer Marcel Risse

Seine fast schon introvertierte Zurückhaltung im privaten Bereich legt Augustinsson allerdings spätestens nach einem raumöffnenden Laufpass ab, den er sich auf der linken Außenbahn regelmäßig mit einer beeindruckenden Dynamik erläuft. Dank seiner enormen Antritts- und Beschleunigungsgeschwindigkeit erarbeitet er sich oft bereits auf den ersten Metern einen deutlichen Bewegungsvorsprung gegenüber seinen Gegenspielern, den er häufig für Sprints mit dem Ball über 40 bis 50 Meter zu nutzen weiß und welchen er wiederum scharfe und präzise Flanken aus vollem Lauf aus dem Halbfeld folgen lässt. Seltener sucht er den Weg bis auf die Grundlinie, sondern versucht mit seinen Zuspielen immer wieder in den Rücken der Abwehr zu kommen. Auffällig ist, wie oft er dabei in der gegnerischen Hälfte auftaucht, den ballführenden Mitspieler hinterläuft und so dem eigenen Spiel Tiefe verleiht. Wettbewerbsübergreifende zwölf Assists nach zwei Dritteln der Saison sind statistische Zeugen dieser ausgeprägten Offensivstärke. In Kombination mit einer ordentlichen Passquote, einer ausgeprägten Spielstärke und der Laufleistung eines übermotivierten 10.000-Meter-Läufers entspricht er somit voll und ganz dem klassischen Typus des modernen Umschaltspielers, der nicht nur optisch an den Kölner Marcel Risse erinnert. Dazu passen ebenso seine taktische Variabilität sowie seine effetvoll getretenen Ecken, die immer wieder eine enorme Torgefahr ausstrahlen und für 5 seiner 7 Torvorlagen in der Champions-League verantwortlich zeichnen.

Kein Kopfballpendel im Jugendinternat

Was auf der einen Seite die Stärken, sind jedoch auf der anderen Seite die Schwächen: So effektiv Augustinsson sich vor ihm ergebende Räume durch seine Tempovorstöße zu nutzen weiß, so sehr gerät er aufgrund seiner bestenfalls durchschnittlichen Technik gegen tiefstehende Gegner an seine Grenzen. Im frontalen und diagonalen 1 gegen 1 auf engem Raum zeigt sich schnell, dass er zweifelsohne mehr ein Flügelflitzer denn ein Wirbelwind ist, der seine Gegenspieler schwindelig spielen könnte. Diese Tatsache erscheint jedoch verkraftbar angesichts der Vorstellung, dass er bei Bremen – so der Fußballgott will – in Person des dribbelstarken Serge Gnabrys eine ideale Ergänzung für sein Offensivspiel auf der linken Seite vorfinden könnte. Dass man darüber hinaus im Jugendinternat von Augustinssons Heimatverein IF Brommapojkarna wohl vergessen hat, ein Kopfballpendel aufzuhängen, dürfte ebenfalls zu verschmerzen sein, solange sich in Bremens Innenverteidigung weiterhin solch hrubeschque Luftungeheuer wie Lamine Sané oder Niklas Moisander die Klinke in die Hand geben.

Jeden Morgen einmal gegen den Kühlschrank treten

Schwerwiegendere Auswirkungen könnten hingegen Augustinssons Schwächen in der Rückwärtsbewegung, insbesondere im defensiven Stellungsspiel, haben. Schwächen, die sicherlich auch aus seinem ausgeprägten Offensivdrang resultieren, mitunter jedoch den gegnerischen Mannschaften große Räume eröffnen. Irritierend wirkt dabei, dass Augustinsson Fehler im Stellungsspiel immer wieder durch riskante Grätschen auszubügeln versucht, statt seine Geschwindigkeit dazu zu nutzen, den gegnerischen Angreifer abzulaufen und den Ball im Spiel zu halten. Ein wenig Olof Mellberg scheint also auch in Augustinsson noch zu stecken. Dass er zudem seinen rechten Fuß scheinbar nur dazu nutzt, um morgens aus dem Bett aufzustehen und gelegentlich gegen die Tür seines Kühlschrankes zu treten, bestätigt hin und wieder diesen Eindruck. Insbesondere dann, wenn er nach beeindruckenden Vorstößen mit einem Haken seinen Gegenspieler ins Leere laufen lässt, nur um anschließend das Tempo aus dem Spiel zu nehmen und sich den Ball wieder umständlich auf seinen linken Fuß zu legen.

Das Ende der Grätsche?

Doch die etwas pedantisch anmutende Aufzählung von Augustinssons Schwächen soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der talentierte Linksfuß eine deutliche Bereicherung für das Bremer Umschaltspiel darstellen kann und zudem die taktische Flexibilität der gesamten Mannschaft erhöht – besitzt er doch nahezu sämtliche Voraussetzungen, um in einem System mit Dreierkette die Positionen des alleinigen Außenbahnspielers zu erfüllen. Doch auch in einem System mit Viererkette wird seine Verpflichtung – so unsere Prognose – eine deutliche, qualitative Steigerung auf der Position des linken Außenverteidigers mit sich bringen, wo der bisweilen recht formschwache Santiago Garcia in Ermangelung bundesligatauglicher Alternativen nahezu ohne Konkurrenz agiert. Dass sich Ludwig Augustinsson trotz aller internationaler Erfahrung noch immer am Beginn seiner Karriere befindet, lässt zudem Platz für ausreichend Entwicklungspotential und die Hoffnung, dass mit zunehmendem Alter auch die entsprechende Reife in Stellungsspiel und Defensivzweikampf Einzug erhält. Und die Mellberg’sche Gedächtnisgrätsche endgültig in den Annalen des schwedischen Fußballs verschwindet.

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