Hat man die erste zwei Spiele der noch jungen Saison verfolgt, so fand man in Leverkusen vor allem eins vor: eine hochengagierte Mannschaft, die sich zwar viele Chancen herausgespielt hat, jedoch zu wenige davon verwandelte. Wenngleich Bayer gegen den Brachenprimus aus München erst in Halbzeit 2 so richtig ins Spiel fand, monierte Trainer Heiko Herrlich bereits hier die Chancenverwertung. Gleiches gilt auch für das erste Heimspiel, in dem Bayer 04 – angeführt vom schier unaufhaltbaren Karim Bellarabi – Hoffenheim phasenweise an die Wand gespielt hätte, wenn sie denn ihre großen Möglichkeiten entsprechend genutzt hätten. Hätte, wenn und aber – die Wirklichkeit lügt bekanntlich nur in Ausnahmefällen und für die Werkself stehen gegen gute Teams bisher zwar ordentliche Leistungen, aber nur 1 Punkt auf der Kreidetafel. Vor der Saison verkaufte man Chicharito für einen ordentlichen Obulus zum ambitionierten West Ham United nach London, Publikumsliebling Stefan Kießling, ist zwar nach wie vor ein Mann für die wichtigen Situationen, sein Zenit ist dennoch bereits überschritten. Dem eiskalten Scorer Joel Pohjanpalo könnte unter Herrlich eine größere Rolle als zuvor zukommen. Allen voran ist es aber Kevin Volland, der sich selbst hinterfragen und steigern muss – in Leverkusen bisher noch nicht wirklich angekommen, zeigt er sich im Abschluss oft mehr als unglücklich. Im Abschluss, da trumpft die neue Leverkusener Sturmhoffnung, Lucas Alario, dem Vernehmen nach groß auf. Warum er für Transferkritiker der richtige Mann zur richtigen Zeit ist, erfahrt ihr in unserer folgenden Transferkritik.

Alario, der Mann für die großen Momente

Lucas Alario ist bei River Plate in Argentinien in den vergangenen Spielzeite nicht nur als überragender Scorer, sondern auch als Mann für die großen, wichtigen Momente in Erscheinung getreten. In seiner Debutsaison in der Copa Libertadores 2015 führte er den Klub mit seinen Toren und Vorlagen gegen die Mexikaner von Tigres ins Finale der Südamerikameisterschaft. Alario präsentierte sich trotz seines vergleichsweise jungen Alters in diesen Wettbewerben stets unaufgeregt, die große Bühne scheint ihn viel mehr zusätzlich anzuspronen – kein Wunder also, dass er sich aufgrund seiner starken Leistungen in Liga und den kontinentalen Duellen schnell einen Stammplatz erarbeitete. Für River Plate traf er bereits in den ersten zehn Monaten in jedem zweiten Spiel; angesichts seines Alters eine besonders beachtliche Quote in einer der stimmungstechnisch aggressivsten Ligen der Welt.

Systemisch spielte Alario dabei unter Trainer Marcelo Gallardo meist als linke von zwei Spitze in den favorisierten 4-2-2-2 oder 4-3-1-2 Aufstellungen. Alario ist es also tendenziell eher gewohnt, mit einem Nebenmann an seiner Seite zu stürmen als die vorderste Sturmreihe alleine zu besetzen. Da er gemeinhin als intelligenter, lernwilliger Fußballer beschrieben wird, ist ihm jedoch auch diese Rolle zuzutrauen. Das Team, gespickt mit gedankenschnellen und sprintstarken Spielern, zeichnete sich unter Gallardo vor allem durch ein schnelles Umschaltspiel aus. Auch die kompakte Defensivleistunge gegen den Ball ist ein Markenzeichen der Argentinier. Hierbei übt bereits die Sturmreihe durch gezielte Verschiebungen Druck auf die aufbauende Abwehrreihe aus. Alario kommt also für die Ansprüche Herrlichs gut geschult nach Leverkusen: er versteht es, sowohl vorne gegen den Ball zu arbeiten als auch sich auf das hohe Tempo im Kombinationsspiel der Werkself einzustellen. Seine Mentalität dürfte bei der Verpflichtung eine weitere, entscheidende Rolle gespielt haben. Herrlich vermittelt seinen Mannschaften viel Aggressivität und Aufgewecktheit, die Alario ebenfalls auszeichnen. Im vordersten Drittel präsentiert sich der Stürmer aggressiv im Nachsetzen gegen den Ball, ist er doch mit einem starken Drang zum Abschluss gesegnet. Münzt er diesen Hunger auch in Leverkusen in Tore um, wird er schnell die Schwäche im Abschluss beheben können und auf Dauer auch dort ein Mann für die großen Momente werden.

Die Suche nach der Lücke wird zu einem Versprechen

Es gibt sie, diese Stürmer, denen man attestiert, dass sie stets darauf lauern, eine Lücke in der gegnerischen Reihe zu finden. Bei Lucas Alario hingegen wird diese Suche gleichsam zum Versprechen. Seine Spielweise besticht vor allem dadurch, dass er sich in der Gefahrenzone des Gegners unheimlich gut und explosiv in den Räumen zwischen Verteidigern und Verteidigungslinien bewegt. Alario lauert nicht, Alario sticht. Er wartet nicht, bis seine Mannschaft einen gegnerischen Verteidiger zu einem falschen Schritt und zur Aufgabe der eigentlichen Position zwingt – obwohl er dies ebenfalls gnadenlos auszunutzen weiß. Vielmehr vermag er es, die Defensive durch seine hohe Spielintelligenz so zu lesen, dass er sich selbst direkt in gefährtlichen Räumen positioniert. Dies geschieht meist so verdeckt und schnell, dass seine Bewegungen nur schwer zu antizipieren sind. Gegen Alario hilft aufgrund seiner nur soliden Grundschnelligkeit meist eine (strikte) Manndeckung, wodurch es ihm schwer fällt, sich bei intensiver Bewachung vom Gegenspieler zu lösen. Hierbei versucht er dann, den Ball schnell weiterzuverarbeiten. Stößt er aus dem Halbfeld auf die gegnerische Abwehrreihe zu, so präsentiert er sich stark und wendig im Dribbling.

Gewährt man Alario also zu viel Platz oder agiert ungeschickt in der direkten Deckungsarbeit, ist er nur schwer zu stoppen. Das zeigt sich auch im Kopfballspiel. Trotz seiner relativ geringen Körpergröße besitzt er eine ausgeprägte Sprungkraft und eine hohe Genauigkeit bei Kopfbällen, die ihn etwas an Chicharito erinnern lassen. Wo der Mexikaner jedoch eher in den Strafraum schlich, kommt Alario besonders bei Flanken von der linken Außenbahn mit Wucht in die Lücken am ersten Pfosten. Seine Abschlussstärke mit beiden Füßen und eben mit dem Kopf haben ihm, gepaart mit seiner Kontrolle am Ball, in diversen Fachmedien bereits Vergleiche als argentinischer Lewandowski eingebracht.

Gegen robuste und wachsame Innenverteidiger kann Alario sich physisch nur schwer behaupten, sodass diese ihn mit dem entscheidenden Körpereinsatz schnell vom Ball trennen können. Will er sich in der Bundesliga weiter steigern, so sollte er auch an seiner physischen Durchsetzungsfähigkeit arbeiten. Ebenfalls wird der taktische Sprung von Argentinien zur Bundesliga eine Herausforderung für Alario. Zwar bringt er hierfür gute Voraussetzungen mit, wird voraussichtlich jedoch noch etwas Zeit brauchen, um sich an die Automatismen und taktischen Abläufe in Leverkusen gewöhnen zu können.

Die notwendige Verpflichtung

Alario wird angesichts seiner Qualitäten als mitspielender Strafraumstürmer keineswegs für die Bank verpflichtet worden sein. Er ist es gewohnt, mit einem Sturmpartner zu harmonieren – das Duo Alario/Volland kann man sich besonders aufgrund der unterschiedlichen Spielweisen gut vorstellen. Plant man in gewissen Situationen mit ihm als alleiniger Spitze, wird er sich hier deutlich anpassen müssen. Alario bringt jedenfalls wichtige Komponenten mit, die Trainer Herrlich noch als wichtige Bausteine gefehlt haben: Kaltschnäuzigkeit und Abschlussstärke im gegnerischen Strafraum. Alario ist somit die notwendige Verpflichtung, die der Werkself noch gefehlt hat, um die europäischen Plätze wieder angreifen zu können.

Facebook-Kommentare