Was braucht es heute, um ein Fußballer zu werden, dem die Fans zu Füßen liegen? Twitter? Facebook? Instagram? Jeden Tag ein Foto vom Urlaub mit dem „Bro“? Oder reicht es tatsächlich noch, einfach gut zu kicken? Fast scheint es so, als wolle Kevin Volland für diese These kämpfen. Nicht bei Twitter (obwohl er dort einen Account hat), Facebook oder Instagram. Sondern einfach auf dem Rasen. In jeder Trainingseinheit, in jedem Spiel.

Als Bayer Leverkusen kurz nach dem Ende der vergangenen Saison mit diesem Transfer aufhorchen ließ, da gab es keinen Insider, der sich tatsächlich wunderte. Denn Kevin Volland wäre ein Jahr vorher schon beinahe bei der Werkself gelandet. Dem „Kölner Stadtanzeiger“ erzählte er: „Da hatte ich schon überragende Gespräche mit Bayer 04. Da ging ich raus und sagte: Ja, ich gehe nach Leverkusen.“ Am Ende aller Überlegungen entschied er sich doch für einen Verbleib in Hoffenheim: „Wenn du so lange in einem Verein bist und du denkst, man kann oben angreifen, macht das Sinn. Ich dachte nicht, dass es dann so läuft. Und dann hat Bayer wieder als Erster angefragt. Für mich ist das ein super nächster Schritt.“

In jeder Beziehung

Volland ist zweifelsohne das, was sie in Leverkusen gerne einen „Schmidt-Spieler“ nennen: Er ist schnell, aggressiv, vielseitig einsetzbar. Er ist durch die lange Zeit in Hoffenheim geschult im ständigen Gegenpressing, darüber lernte er zuletzt bei so unterschiedlichen Trainern wie Markus Gisdol, Huub Stevens und Julian Nagelsmann. Volland ist sozialverträglich und keiner, der seine Konkurrenten wegbeißen will. Spricht er von Respekt für Stefan Kießling oder Chicharito, dann klingt das ehrlich. Ganz wichtig: Er weiß, wo das gegnerische Tor steht. In 132 Ligaspielen für die doch eher mittelmäßigen Hoffenheimer erzielte er 33 Treffer und bereitete 38 vor. Eine Torbeteiligung in jedem zweiten Spiel – das kann sich sehen lassen. Zumal damit zu rechnen ist, dass er in der stärkeren Mannschaft mit einem auf ihn zugeschnittenem System eher besser wird.

„Die Qualität auf dem Platz plus sein Charakter machen ihn so wertvoll“, erklärt Bayer-Manager Jonas Boldt den Neuzugang, der sich selbst wenig daraus macht, dass er mit 20 Millionen Euro Ablöse der teuerste Bayer-Neuzugang aller Zeiten ist: „Ich bin nicht für diese Summen verantwortlich“, sagt Volland, diesen Rucksack will er sich gar nicht erst umhängen.

Fazit:

Was kann er Bayer bringen? Die Erwartungshaltung ist groß, bei ihm selbst auch. Die durchwachsene vergangene Saison kostete ihn den Platz im Kader für die Europameisterschaft. Dabei hätte man gerade einen wie ihn in Frankreich ganz gut gebrauchen können. Volland kann dank seiner Schnelligkeit und einer soliden Technik über beide Flügel kommen, aber auch Präsenz im Strafraum zeigen, gepaart mit Wucht. Der Sohn des ehemaligen Eishockey-Nationalspielers Andreas Volland weiß seinen kräftigen Körper einzusetzen.

Roger Schmidt zeigte sich nach dem 4:0-Sieg im Testspiel gegen seinen Ex-Klub Delbrücker SC (Westfalenliga) – Volland erzielte drei Treffer – mehr als zufrieden: „Ich glaube, dass Kevin bei uns sehr wenig Eingewöhnungszeit brauchen wird. Das sieht man jetzt schon in den Trainingseinheiten und das sieht man auch in den Spielen“, so des Trainers Analyse nach den ersten Einheiten. Schmidts Überzeugung kommt deutlich rüber: „Für ihn ist diese Spielweise nicht neu. Sie kommt ihm total entgegen. Deshalb wird er auch sehr schnell seine Qualität auf dem Platz zeigen können.“

Volland wird sich mit einer Menge Prominenz um die freien Plätze im Angriff balgen. Allerdings weiß jeder von ihnen, dass so gut wie kein Spieler mehr in der Lage ist, eine komplette Saison durchzuspielen. Ob Julian Brandt, Karim Bellarabi, Stefan Kießling, Hakan Calhanoglu oder Chicharito – sie alle werden Pausen brauchen, der Rhythmus aus Liga, Champions League und Pokal ist zu hoch, um ihn mit einem kleinen Kader bestreiten zu können. Für Bayer gilt mehr als sonst: Der Stammspieler ist so gut wie abgeschafft. Für Volland bedeutet dies: Er wird schnell in der Startaufstellung auftauchen, aber auch immer mal wieder Pausen bekommen. Ob es mehr werden, als ihm lieb ist, das entscheidet er selbst. Mit seiner Leistung.

Autor: Eliano Lußem

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