Aufsteiger stellen sich immer die gleiche Frage, wenn sie in der Bundesliga ankommen: Was müssen wir tun, um die Klasse zu halten? Wenn man nicht gerade RB Leipzig ist (oder für ältere Semester der 1.FC Kaiserslautern) und direkt nach den Sternen greift, gibt es unterschiedliche Ansätze, um die Mission Klassenerhalt anzugehen. Kompakte Abwehrreihen und nadelstichartige Angriffe, Pressing-affine Defensiven und überfallartiges Umschaltspiel oder das gute, alte „Lang und Weit“ in Verbindung mit effektiven Standards. Allesamt Stile, die sich mehr oder weniger bewährt haben, aber längst nicht zu Patentrezepten geworden sind. Doch gibt es ein solches überhaupt? Wir sind der Meinung, dass Hannover 96 mit der Verpflichtung von Jonathas einem dieser Ansätze verdächtig nah kommt. Warum der Aufsteiger gute Karten auf einen Verbleib in der Bundesliga hat, versuchen wir mathematisch und fußballerisch zu bestimmen. Herzlich Willkommen in der Statistik-Bundesliga, liebe 96er!

Was braucht eine Mannschaft, die die Klasse hält?

Warum man den Versuch, in der Bundesliga zu bleiben, mit einem treffsicheren Stürmer nah kommt, beweist ein kurzer Blick auf die Aufsteiger der vergangenen acht Spielzeiten, die es tatsächlich geschafft haben, in der Liga zu bleiben.

Es fällt auf, dass elf von zwölf Aufsteigern einen (Top-)Stürmer aufweisen konnten, der mindestens neun Treffer erzielt hat. Das mag zwar fast schon die einzige Gemeinsamkeit aller aufgeführten Vereine sein, aber es zeichnet sich ab, dass ein treffsicherer Stürmer ein Faustpfand ist, um den Abstieg zu verhindern. (Sind die Stürmer auf dieser Liste nicht überragend? Idrissou, Bancé, Mölders, Wagner, Werner…Wer hätte gedacht, dass diese Koryphäen tatsächlich Gemeinsamkeiten haben?!)

Ok, dieser verkürzte und provokative Vergleich soll letztlich nur aufzeigen, dass es nur von Vorteil sein kann, wenn man einen Stürmer in den eigenen Reihen hat, der weiß, wo das gegnerische Tor steht. Schaut man auf den aktuellen Hannoveraner Kader, darf man durchaus zweifeln, ob das auch bei der Breitenreiter-Truppe der Fall ist. Nicklas Füllkrug mag eine gute Aufstiegssaison gespielt haben, steht aber, nicht nur aufgrund einer ausbaufähigen Vorbereitung, immer wieder in der Kritik. Dazu kommt noch Martin Harnik, der zwar am vergangenen Wochenende den Siegtreffer gegen Mainz erzielt hat, aber ansonsten nur bedingt als Torgarant aufgetreten ist. Das erlesene Stürmeraufgebot wird abgerundet durch Kenan Karaman und Charlinson Benschop. Keine Namen, bei denen gegnerischen Abwehrspielern die Knie schlottern. Umso vernünftiger erscheint die Neuverpflichtung von Jonathas, der mehr Qualität in die Abteilung Attacke bringen sollte.

Warum Jonathas hilft

Eine Rekordablöse hat man sich die Dienste des brasilianischen Stürmers kosten lassen, von mindestens 6,5 Mio. € ist die Rede. Eine satte Summe für einen Stürmer, der in den letzten sieben Jahren bei acht verschiedenen Vereinen in ganz Europa angeheuert hat. Stationen bei AZ Alkmaar, Real Sociedad, Pescara, FC Elche und zuletzt Rubin Kasan folgt nun der Sprung in die Bundesliga, einem bisher noch schwarzen Fleck auf der Landkarte des bei Cruzeiro ausgebildeten Angreifers. Der 28-Jährige Jonathas konnte jedoch bei allen Vereinen seine Torgefährlichkeit unter Beweis stellen und kann auf ordentliche Torquoten zurückblicken. Seit 2011/12 hat er nacheinander 16, 3 (eine Saison, über die der Spieler gerne den Mantel des Schweigens legt), 14, 14, 7 und 9 Saisontreffer erzielt und in unterschiedlichen Ligen mit unterschiedlichen Spielstilen zeigen können, dass er vor dem Tor gefährlich werden kann.

Zwar mag seine letztjährige Trefferquote unspektakulär klingen, aber in der defensiv dominierten russischen Liga konnte er damit Fünfter der Torjägerliste werden und an seine erfolgreichen Zeiten in Spanien anknüpfen. Schon in der aktuellen Saison konnte er in fünf Partien vier Treffer beisteuern und seine Form der letzten Spielzeit bestätigen. Der ehemalige Frankfurter Carlos Zambrano, gleichzeitig Ex-Kollege bei Rubin, bezeichnet Jonathas im O-Ton als „ekeligen“ Spieler, der schwer zu verteidigen sei und grob und wuchtig in und um den Strafraum herum agiere. Daher spricht auch der Hannoveraner Sport-Chef Horst Heldt von einem physisch präsenten Stürmer, der dem Aufsteiger aus Niedersachsen neue Möglichkeiten im Spiel nach vorne geben solle. Doch was zeichnet den Angreifer genau aus?

Warum Jonathas auch in Hannover treffen kann

Da wären zunächst die physischen Vorteile des Brasilianers zu nennen, die bereits angeklungen sind. Jonathas kommt als Stoßstürmer bzw. Zielspsieler daher, der seine 1,92m gerade im Strafraum einzusetzen weiß. Der bullige Stürmer kann sowohl mit seiner Schnelligkeit als auch mit seinem starken Abschluss überzeugen und sucht durchschnittlich mehr als dreimal pro Spiel den Torabschluss, fast ausschließlich im Strafraum. Es kommt nicht von ungefähr, dass er in der vergangenen Saison alle Treffer innerhalb des Sechzehners erzielen konnte. Er muss dabei nicht einmal als Dribbler (nur knapp 33% Erfolgsquote) oder als Kopfballungeheuer (zu 40% durchschnittlich erfolgreich) in Erscheinung treten, sondern kann instinktiv oft mit dem ersten Kontakt gefährlich abschließen. Das konnte er nicht zuletzt auch bei seinem letzten Auftritt für Kasan unter Beweis stellen, als ihm zwei Treffer auf diese Art gelangen und für einen versöhnlichen Abschied gesorgt haben.

Eiskalt schlägt er zweimal zu und braucht jeweils nur einen Kontakt. Gegen zögerlich verteidigende Abwehrspieler ist Jonathas jederzeit in der Lage, gefährlich zu werden, gleiches gilt für Kontersituationen, für die er prädestiniert scheint. Sobald sich ein wenig Raum für ihn bietet und er zum Abschluss kommen kann, sucht er diesen konsequent. Seine Kombination aus Physis und Geschwindigkeit wirkt überaus erfolgsversprechend und universell brauchbar. 

Neben diesen positiven Attributen sind auch seine Schwächen eindeutig festzumachen und bei allen Stationen deutlich geworden. Jonathas ist allenfalls ein technisch durchschnittlicher Spieler, dessen Ballbehandlung häufig noch zu wünschen übrig lässt. Fast vier Ballverluste pro Spiel belegen dies eindrücklich. Darüber hinaus ist sein Passspiel bestenfalls durchschnittlich, da er es in den vergangenen Jahren kaum geschafft hat, 70% seiner Abspiele an den Mann zu bringen. Auch wenn er seine Mitspieler in regelmäßigen Abständen einzusetzen weiß, ist er gewiss kein spielstarker oder kombinationssicherer Stürmer. Dazu kommt seine Neigung zu Nickligkeiten und teilweise unnötigen Fouls, die ihm immer wieder gelbe Karten oder Platzverweise beschert. Es verwundert kaum, dass er bei nur fünf Einsätzen 2017/18 bereits eine Gelb-Rote-Karte gesehen hat. Wir reden aber von Schwächen, die im Hannoveraner Spiel nicht zu sehr ins Gewicht fallen sollten, denn weder ballbesitzlastiges Spiel noch Schönwetterfußball stehen dort an der Tagesordnung. Stattdessen pflegt Breitenreiter ein Spiel, das die Vorzüge des brasilianischen Neuzugangs umso mehr betonen sollte.

Warum Hannover die Klasse hält

Die Hannoveraner holen demnach einen Spielertypen, den sie so nicht in ihrem Kader haben und der wohl auch sofort helfen kann. Jonathas ist fit, im Trainings- und Spielrhythmus und betont, dass er sich auf seine neue Aufgabe in Hannover freut. Seine Konstanz der letzten Jahre, nicht nur bei der Trefferquote, sondern auch in fast allen anderen statistischen Kategorien, ist erstaunlich und sollte das finanzielle Risiko abfedern können. Gleichzeitig sollten auch keine positiven Ausreißer von dem Brasilianer erwartet werden. Er wird aber ohne Zweifel einen der beiden Plätze im Sturm umgehend einnehmen können. Idealerweise wird er den Brecher im Sturm geben, der vom umtriebigen Harnik unterstützt und eingesetzt wird. Ob Jonathas auch mit Füllkrug im Sturm überzeugen kann, ist schwer zu sagen. Sollte Harnik aber auf der rechten Seite eingesetzt werden, dann dürfen wir uns auf das Sturm-Experiment mit dem südamerikanischen Tausendsassa und dem gebürtigen Hannoveraner freuen. Das Offensivspiel unter Breitenreiter, das konterlastig und viel über die Außen angelegt ist und Flanken vorsieht, scheint aber zum neuen Torjäger zu passen. Sportlich stehen die Zeichen also gut. Ob man mit Jonathas nun aber einen langfristigen Top-Stürmer verpflichtet, schließlich möchte der Brasilianer offiziell in Hannover „seßhaft“ werden, oder ein möglicherweise gewinnversprechender Weiterverkauf möglich ist, bleibt offen.

Möchte man nun die statistische Lesart wieder hinzuziehen, dann kann man den Hannoveranern kurzfristig gute Aussichten auf den Klassenerhalt unterstellen. Dazu ein abschließender mathematischer Gedanke. Wenn ein Stürmer derart konstant ist und in vier der letzten sechs Spielzeiten mindestens neun Treffer erzielt hat (4/6) und die Statistik zu Beginn des Artikels zeigt, dass elf von zwölf Mannschaften mit einem Torjäger, der mehr als neuen Treffer erzielt, in der Liga bleiben (11/12), dann ergibt sich folgende Rechnung: 4/6 * 11/12 = 61,1. (Ein Hoch auf den Mathe-Grundkurs!). Hannover hat folglich eine 61,1%-Wahrscheinlichkeit, die Klasse zu halten. Das ist laut Adam Riese mehr als die halbe Miete. Von daher: Herzlichen Glückwunsch zum ersten Schritt Richtung Klassenerhalt, liebe 96er!

Facebook-Kommentare