,,Diese Beträge sind total absurd und pervers“ – sagt Alex Raack, Buchautor und 11FREUNDE-Redakteur über die Summen, die aktuell für Fußballspieler gehandelt werden. Der 32-Jährige sprach mit uns über diese astronomischen Ablösesummen, bedenkliche Entwicklungen im Sportjournalismus und den Anspruch von 11FREUNDE.

Transferkritiker: Hallo Alex, wie bist du zum Fußballjournalismus gekommen?

Alex Raack: Das war eine Art Kindheitswunsch. Mit 16 habe ich bei meiner Regionalzeitung in Celle angefangen, eine Liga übernommen und über ein paar Vereine geschrieben – Vorbericht, Bericht, der ganze Kram. Das war eben der erste Startschuss.

Warum später dann genau 11FREUNDE?

Im Jahr 2001, als es das Magazin erst ein Jahr gab, hab ich das gelesen auf einer Auswärtsfahrt mit Werder Bremen. Ein Kumpel hatte so Fanzines dabei, 11FREUNDE war damals wirklich noch sehr klein und nicht bekannt. Ich hab das dann gelesen und dachte mir: Boah, krass, total geil. Das hat mich richtig überzeugt und dann war das der ganz große Wunsch, für die mal zu arbeiten. Und jetzt bin ich hier – seit 2009.

Gab es oder gibt es auch den Reiz, als Kommentator oder Moderator mitten im Geschehen im Fußballstadion zu arbeiten?

Nein, Fernsehen reizt mich fast gar nicht. Radio fände ich schon mal spannend, aber da hab ich null Erfahrung. Aber der Klassiker – irgendwie den Marcel Reif zu mimen – eigentlich gar nicht.

Wechseln wir ein bisschen das Thema und gehen in Richtung Transfers, die ja bei uns eine große Rolle spielen. Früher hat sich ein Spieler wie Franz Beckenbauer wegen einer Ohrfeige gegen einen Transfer entschieden, heutzutage wechselt ein Spieler wie Timm Klose für Millionenbeträge im zweistelligen Bereich den Verein. Beurteile das doch bitte mal.

Erstens finde ich diese Beträge total absurd und pervers, weil das Summen sind, die man gar nicht mehr richtig begreifen kann. Für mich persönlich ist selbst eine Zahl von 900.000 Euro nicht mehr richtig greifbar – aber wenn es dann 42 Millionen Euro für irgendeinen 20-, 22-jährigen Engländer, Franzosen oder Belgier sind, der in England verschachert wird, dann natürlich erst recht nicht mehr. Gleichzeitig hat sich aber sehr viel geändert seit Franz-Beckenbauer-Zeiten, das hat sich alles so unglaublich gewandelt, dass einfach das Geld da ist. Riesiges Interesse, viel Geld, dass im Fluss ist – das ist an sich der einzig positive Aspekt: Das Geld geht an die Jungs, die dafür sorgen, dass sich Leute in Stadien drängen oder in ne Kneipe gehen um Fußball zu gucken – wäre ja komisch, wenn das Geld nur an irgendwelche Funktionäre gehen würde. Die Spieler sind ja die, die im Endeffekt auch auf dem Platz rackern. Franz Beckenbauer würde in den heutigen Zeiten auch für eine hohe Millionensumme gehandelt werden und im Jahr seine 8, 9 Millionen verdienen – da muss man sich ja nichts vormachen. Aber letztlich ist das eine ganz, ganz komische Entwicklung, dass mit solchen Summen gehandelt wird – aus meiner Sicht.

Inwiefern beeinflusst das Ganze den Journalismus? Könnte man eventuell sogar einen Vorteil sehen, da in der Fußballbranche mittlerweile einfach viel mehr Geld im Umlauf ist?

Aus Sicht eines Sportjournalisten kann ich nur sagen, dass das Geld nicht bei den Journalisten ankommt (lacht). Ich glaube eher im Gegenteil: Wenn es um Sport- oder Fußballjournalisten geht, muss man sehen, dass die früher verhältnismäßig besser verdient haben und mehr Möglichkeiten hatten als heute, einfach weil die Konkurrenz größer ist. Es gibt viel mehr Medien, dementsprechend ist der Berufszweig ausgedünnt worden. Ich glaube, die Vorteile liegen nicht so groß auf der Hand, dadurch, dass die Spieler durch das ganze Geld und das ganze Prodezere irgendwie nicht mehr richtig greifbar sind. Heute muss man für ein offizielles Interview lange die Pressesprecher bearbeiten, dann setzt man sich hin, trifft sich mit irgendwem – vielleicht nicht unbedingt Christiano Ronaldo, sondern irgendein Spieler von Hertha BSC – und dann sitzt da noch die Pressedame oder die Praktikantin mit dabei und hört sich dein Interview an. Vor 20 Jahren hätte da ein gestandener Sportjournalist gesagt: Gut, dann machen wir das Interview eben nicht. Aus heutiger Sicht muss man total dankbar sein, dass das Ganze überhaupt klappt. Ich glaube eher, dass diese ganze Entwicklung für den Sportjournalismus von Nachteil ist.

…In Großbritannien ist es mittlerweile schon so weit gekommen, das manche Clubs Medien komplett aus dem Vereinsgeschehen ausschließen.

Ja, im Endeffekt haben die Vereine und die Berater eine unglaubliche Macht. Viele Spieler sind ja gar nicht mehr so richtig mündig, da entscheiden dann die Vereine, Pressesprecher oder PR-Berater darüber, was jetzt eigentlich mit diesem Spieler passiert, welchem Medium er ein Interview gibt und welchem nicht. In Deutschland haben wir schon auch die Fälle, wo Medien auf einer schwarzen Liste stehen bei den Vereinen, da bin ich mir sehr, sehr sicher. Vielleicht nicht dass die komplett ausgeschlossen werden, wie das damals bei Alex Ferguson war, der zu BBC gesagt hat: Ich mach nicht mehr mit euch, weil ihr meinen Sohn kritisiert habt. Aber letztlich beobachten wir das auch: Wenn du sehr kritisch mit einem Verein oder Verband umgehst, dann schießt der irgendwann zurück. Das ist leider schon eine ziemlich große Abhängigkeit, muss man so sagen.

Eine Umdenk-Frage: Wenn im Journalismus aktuell die gleichen Verhältnisse wie im Profifußball herrschen würden und man sich in diesen Dimensionen bewegt: Wie viel wäre ein Alex Raack als Fußballjournalist wert?

Gute Frage. Da müsst ich jetzt den Spieler auspacken und sagen: ,,Da müssen Sie den Trainer Fragen!“.  Aber eine interessante Frage: Letztendlich ist das Verhältnis von denen, die über diese millionenschweren Spieler berichten und den Spielern selbst sehr unterschiedlich, wenn man mal auf die Gehälter blickt. Das, was so ein 40, 50-Jähriger Journalist verdient ist ja nur ein minimaler Bruchteil von dem, was sein Gegenüber im Interview verdient – aber er muss sozusagen mit ihm arbeiten. Ich habe vor Kurzem Salomon Kalou getroffen, der kriegt wahrscheinlich im Jahr drei Millionen Euro, ich möchte gar nicht den Prozentteil ausrechnen, den ich davon habe. Das wäre mal eine spannende Sache, das irgendwie umzurechnen. Wenn ich mir das aussuchen könnte, würde ich mich natürlich in Thomas-Müller- oder Mario-Götze-Sphären bewegen, ist ja logisch. Aber nur, weil ich auch ganz scharf auf die Kohle wäre.

Bleiben wir nochmal in der Dimension: Wenn 11FREUNDE ein Fußballklub wäre, welcher wäre es?

Wahrscheinlich würde einem als aller erstes – ganz kitschig – Sankt Pauli einfallen. So als alternative Sache, die wir sein wollen und hoffentlich immer noch sind. Und mit den Entwicklungen, die Sankt Pauli in den letzten Jahren genommen hat, könnte man das fast schon sagen. Obwohl, dann würde man sich vielleicht ein bisschen kleiner machen, weil wir ja hoffentlich neben SportBild und Kicker – wenn es jetzt um Magazine geht – schon zu den “Großen“ da oben zählen. Ich weiß nicht, gute Frage. Vielleicht dann, wenn man die aktuelle Saison nimmt: Sowas wie die Hertha – nur mit dem etwas besseren Image, muss man sagen.

Zum Abschluss: Kann man als 11FREUNDE den Anspruch bewahren, im Profifußball etwas verändern zu wollen, oder ist man irgendwann gezwungen, mit der Zeit gehen?

Man muss sich diesen Anspruch sogar bewahren, denn wenn wir das nicht machen würden, dann braucht auch kein Mensch mehr 11FREUNDE kaufen. Dann ist nämlich die Grundidee von dem Ganzen, nämlich das, was bei uns in der Unterzeile steht – Magazin für Fußballkultur – dann kann man das auch knicken. Dann sind wir nämlich nur noch ein stinknormales Magazin, das ist ja das Besondere an uns: Wir machen keine klassischen Spielberichte, Vorberichte. Wir probieren immer noch irgendwie, den Mahner zu spielen, gegenüber Entwicklungen wie RB Leipzig, Wolfsburg, Ingolstadt, wie sie alle heißen. Der Anspruch muss auf jeden Fall bewahrt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Na klar!

 

 

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