Jeder kennt diese Art von Menschen, wohl niemand will häufiger mit ihnen zu tun haben. Stundenlang reden sie auf dich ein, das Zuhören fällt schwerer und schwerer. Ganz selten nur kommen sie bei der Suche nach dem Punkt tatsächlich zum Wesentlichen. Genau solch ein Typ ist Granit Xhaka…nicht!

Nur wenige Profis sind in der Lage, die Dinge so schnell auf den Punkt zu bringen wie der Gladbacher Kapitän. Er drückt sich klar und verständlich aus, braucht meist nur wenige Worte. Und so überraschte auch sein Kommentar nach dem 4:2-Sieg in der Champions League gegen den FC Sevilla nicht wirklich: „Es hat sich viel verändert bei uns“. Besser konnte man es in der aktuellen Situation nicht ausdrücken. Wobei die Frage erlaubt sein muss: Warum kam es überhaupt zu diesen Änderungen bei der „Elf vom Niederrhein“? Und warum wurden sie nötig?

Bisheriges Fazit
In den viereinhalb Jahren unter Lucien Favre entwickelte sich die Borussia vom Fast-Absteiger zum Champions League-Klub. Ein Underdog, der sich Jahr für Jahr verbesserte. Großen Anteil daran besaß der Erfolgstrainer aus der Schweiz. Er verbesserte jeden einzelnen Spieler, die Mannschaft und damit in der Folge auch das Umfeld. Die vergangene Saison brachte die Krönung: Mit Platz 3 erreichten die Fohlen erstmals seit 38 Jahren wieder die Champions League (früher Europapokal der Landesmeister) und plötzlich tauchten sie auf jeder Rechnung auf, in der es um Spitzenklubs ging. Alle Experten sahen die Gladbacher auch in der aktuellen Spielzeit vorne, bei den Wettanbietern rangierte Lucien Favre bei der Frage nach dem Trainer, der als erster gehen muss, ganz weit unten. Sein Stuhl war der sicherste der Liga. Und den Verlust der Nationalspieler Christoph Kramer (nach Leverkusen) und Max Kruse (nach Wolfsburg) würde man schon ausgleichen können.

Als aber nach 90 Minuten des ersten Meisterschaftsspiels in Dortmund ein 4:0 für den BVB von der mächtigen Anzeigetafel des Signal-Iduna-Parks leuchtete, da waren Ernüchterung und Ratlosigkeit groß. Es folgten vier (!) weitere Niederlagen – gegen Mainz, Bremen, Hamburg und Köln. Eine beispiellose Pleitenserie und der Sturz auf Platz 18 in der Tabelle – kein Wunder bei null Punkten. Letzten Endes war die Derbyniederlage gegen den „Effzeh“ ausschlaggebend für die dann folgende, drastische Änderung. Wie so oft erwischte es den Trainer. Doch Favre musste nicht, er wollte weichen. Der Coach, mit dem die Gladbacher in den letzten Jahren so viele Erfolge gefeiert hatten, trat zurück. Die Gründe, die den Vater des Aufschwungs dazu bewogen, sind bis heute nicht restlos geklärt.

Doch wie man aus verschimmeltem Brot Penicillin gewinnen kann, so entstand aus den Ruinen der ersten Spiele ein neues Gebilde. Verantwortlich dafür: Andre Schubert, bisher bekannt von Stationen wie Paderborn und St. Pauli, bis dato verantwortlich für die Reservemannschaft der Gladbacher, nun also die Übergangslösung. Jeder weiß, was passierte: Aus der kurzfristigen gedachten Zusammenarbeit wurde zwei Monate später eine langfristige Sache. Das hat einen guten Grund.
Nach der erniedrigenden Derbypleite übernahm Schubert eine Mannschaft, die mental am Boden war und verpasste ihr offensichtlich frischen Wind. Das machte sich schon im nächsten Spiel bemerkbar. Wie von einer Last befreit, fegten die „Fohlen“ nur vier Tage nach dem Spiel in Köln den FC Augsburg mit 4:2 aus dem Stadion. Anschließend folgte eine Siegesserie vom 7. bis zum 11. Spieltag, die erst mit einem torlosen Remis gegen Aufsteiger Ingolstadt gestoppt wurde. Danach wieder zwei Dreier und das 3:3 in Hoffenheim – nach 1:3-Rückstand. Eine bärenstarke Borussia steht aktuell auf Platz 4.

Doch was hatte sich geändert?

Eine Formationsänderung gab es nicht. In allen 14 Spielen wurde im 4-4-2 mit Doppelsechs agiert. Allerdings mit wechselnder Besetzung. Lucien Favre tauschte die Spieler wild durch, verließ seine klare Linie und sorgte so ungewollt für Verwirrung. Das hat Schubert geändert.  Lars Stindl beispielsweise, der unter Favre auf vielen verschiedenen Positionen auftauchte, spielte unter dem neuen Trainer von Anfang im offensiven Zentrum – wo er sich am wohlsten fühlt. Und gerade dieser Stindl (TK berichtete) besaß einen riesigen Anteil an dem rapiden Aufstieg vom 18. auf den jetzigen 4. Platz. Er zahlte das Vertrauen zurück – mit Toren und Assists. Allerdings ist das Comeback der „Fohlen“ nicht allein sein Verdienst. Andre Schubert formte aus einem zusammenhanglosen Haufen verunsicherter Profis eine funktionierende Elf, die die Borussia-Fans mit gelungenen Ballstafetten regelmäßig entzückt. Sie sind dankbar, dass es wieder passt mit ihren Jungs.

 

Ausblick

Was bei Gladbach immer schon gepasst hat, waren die Transfers. Mit Sportdirektor Max Eberl, dem „König der Transfers“, haben die Gladbacher einen, der sich in der Szene richtig gut auskennt, über ein sensationelles Netzwerk verfügt und den Kader perfekt kennt und analysiert. Auch die Personalie Schubert verantwortete Eberl, sie könnte sich tatsächlich zu seinem wichtigsten Transfer auswirken. Der Trainer nutzt den momentanen Kader ideal, was nicht auf nachträgliche Justierungen im Winter schließen lässt. Ob Verpflichtungen als Kaderfüller kommen, hängt wohl auch vom letzten Spieltag der Champions League-Gruppenphase und der kommenden Pokalrunde – in der man gegen Werder Bremen favorisiert ist – ab. Es ist eben ein Unterschied, ob man in einem, zwei oder in drei Wettbewerben spielt. Sollte es in Manchester mit Platz drei und gegen Bremen klappen, dann wird möglichweise noch an einigen Stellschrauben gedreht. Sollte man allerdings rausfliegen, kann man die Saison mit dem jetzigen Kader sehr gut bestreiten, zumal auch Langzeitverletzte wie Stranzl (ist wieder im Mannschaftstraining), Herrmann oder Nico Schulz zurückkommen werden.

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