7 ½ Monate, 29 Wochen, oder 225 Tage ist es nun her, dass Eintracht Frankfurt dem damals scheidenden Heribert Bruchhagen und ihren Fans einen versöhnlichen Saisonabschluss schenkten. Der damalige Held ist derselbe, der auch heute der Vater des Erfolgs ist: Niko Kovač!

Die meisten Frankfurter Fans werden schon Anfang Juli ihren Wunschzettel für das diesjährige Weihnachtsfest geschrieben haben, mit der Bitte, zumindest den Abstiegsplätzen zu entkommen und die Krise endlich versiegen zu lassen. Wer aktuell die Tabelle betrachtet wird sich vermutlich gründlich die Augen reiben und überprüfen, ob denn nicht die Tabelle auf dem Kopf steht. Fakt ist, dass Frankfurt seit der Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995 noch nie so viele Zähler zu einem solchen Zeitpunkt auf dem Konto stehen hatte wie in dieser Spielzeit. Frankfurt geht mit einer beeindruckenden Leistung und einem hochverdienten Champions-League-Platz in die Winterpause – das ein oder andere Bierchen dürfte da wohl schon kalt gestellt worden sein.

Doch was sind die Gründe für die neu-erstarkten Adler und wo sollte in der kurzen Winterpause erneut angesetzt werden? TK empfiehlt: Leistung nach Treu und Glauben (§ 242 BGB).

„Nur wer sich ändert bleibt sich treu“

Biermann möchte damit ausdrücken, dass wir nur durch Änderungen im Kern reflektieren können, in welchen Dingen wir uns treu bleiben möchten! Nach der Rettung in der Relegation war genau das der Weg den Fredi Bobic, Niko Kovač und Bruno Hübner gegangen sind und „jeden Stein umgedreht“ (Zitat Bobic, Doppelpass) haben.

Kovač ist es gelungen, eine Mannschaft zu formen, die den verheerenden Pressemitteilungen getrotzt und sich neu ausgerichtet hat. Der Trainer selbst ist ebenfalls authentisch geblieben und pflegt einen engen Kontakt zu seinen Spielern. Mit dem Kovač-Gen geimpft, agiert sein Team verbissen und versessen, willens- und kampfstark! Das Adler-Ensemble präsentiert sich mit völlig anderer Körpersprache und neu entfachtem Spielwitz – das Desaster der vergangenen Saison scheint wie weggewaschen.

Eine positive Transferbilanz macht den Umschwung noch viel beeindruckender. Mit einem Transferplus von knapp 8 Mio. € hat die Eintracht nicht nur gut gewirtschaftet, sondern auch eine besonnene und gezielte Herangehensweise bewiesen. Die meisten neuen Akteure kamen durch Leihen zum Klub, zeitgleich trennte man sich auch von dem einen, oder anderen Unruheherd (Zambrano, Castaignos) und Spielern, die nicht in Kovačs Philosophie passten (Ignjovski, Aigner). Frankfurt beschäftigt keine Stars, sondern ein, mittlerweile, funktionierendes Kollektiv. Kovač hat es geschafft, das Leistungsniveau in sieben Wochen Vorbereitung gewaltig anwachsen zu lassen. Routiniers wie Chandler, Oczipka oder Szabolcs Huszti erleben ihren zweiten oder dritten Frühling und Marco Fabian reift zu einem absoluten Leistungsträger heran, der das Team beeindruckend nach vorne peitscht.

Die dritte und letzte Schraube, die festgezogen wurde, ist die im Verein selbst. Bruchhagen gehört der Vergangenheit an und Dank des neuen Sportvorstands Fredi Bobic weht frischer Wind durch die Gänge der Commerzbank-Arena. Die Kommunikation in der Führungsetage scheint endlich wieder zu stimmen und lässt vieles wieder an die Spielzeit 2012/2013 erinnern, als die Adler mit Trainer Armin Veh als Aufsteiger direkt in die Europa League flogen.

Alternativ ins Glück

Bobic betonte im Doppelpass, dass Frankfurt ein Ausbildungsverein sei und sie sich dessen sehr wohl bewusst sind. Vielleicht auch deshalb und aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage hat sich Frankfurt etwas einfallen lassen. Mit zwei verschiedenen Leasing-Modellen hat es die Eintracht geschafft, junge, motivierte, aber auch sehr talentierte Spieler zu verpflichten, die das Saison-Budget nur minimal strapazieren.

So ist zum Beispiel Hitzkopf Rebic mit einer festen Ablöse ausgestattet, die es der Eintracht erlaubt, ihn bei guten Leistungen final vom AC Florenz zu lösen. Bei Jesus Vallejo sieht die Sache anders aus: Wegen der hohen Erwartungen von Real Madrid wird der junge Spanier definitiv in die spanische Hauptstadt zurückkehren, konnte jedoch mit dem Argument der „Ausbildung und Spielpraxis“ in die Bundesliga gelotst werden, eventuell auch etwas länger als zunächst vermutet. So stehen derzeit fünf Leihspieler unterschiedlichster Top-Klubs bei den Adlern unter Vertrag.

Leistung nach Treu und Glauben

Laut diesem Paragraph ist der Schuldner (im Beispiel Frankfurt) dazu verpflichtet, die Leistungen so zu bewirken, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern. Zugegeben, ist das weit hergeholt, jedoch kann er im Kern so ausgelegt werden, dass die Eintracht den gegebenen Umständen entsprechend (Tabellenplatz im oberen Drittel) nach ihrer erfolgreichen Philosophie weiter handeln sollte. Mit Recht!

Der Paradigmenwechsel unter Kovač und Bobic ist nicht umsonst so erfolgreich und auch angesichts der einen, oder anderen Verletzung wurde den 30 (durch Ordonez nun 31) Akteuren vertraut. Dies kann auch weiterhin wohlwollend so gehandhabt werden, da sich das Lazarett in Frankfurts Vereinshospital schon bald lichten wird. Russ (Rückkehr Mitte Januar), Tawatha (Rückkehr Anfang Januar) und Guillermo Varela (Rückkehr Anfang Januar) werden die Verteidigung zur Rückrunde verstärken und Trainer Kovač neue Optionen geben. Stendera und Gerezgiher stoßen ebenfalls planmäßig zur zweiten Saisonhälfte zur Mannschaft dazu und Danny Blum wird nach aktuellen Prognosen im neuen Jahr die Fußballschuhe auch wieder auf den Rasen bringen – nur fraglich ob auch weiterhin für die Eintracht, da die Gerüchte um Fortuna Düsseldorfs Interesse nicht abzureißen scheinen.

Somit startet die Eintracht mit nominell 31 Spielern ins neue Jahr, von denen nur Regäsel (Hüftverletzung – Rückkehr erst zur neuen Saison) und Medojevic (Knieverletzung – Rückkehr unbekannt) nicht in eine gültige Planung mit einbezogen werden können. Der Rest wird seine Zeit brauchen, um nach den Verletzungen in den Spielrhythmus zurückzufinden und sich in die Mannschaft zu spielen. Bis jetzt ist den Mannen unter der Schirmherrschaft von Niko Kovač keine Ermüdung anzuerkennen und gute Leistungen zuzuschreiben. Unter diesen Umständen bekommt das Team aus den eigenen Reihen genug Verstärkung und ist mit Ordonez auf dem Transfermarkt ohnehin schon einmal aktiv geworden, um einen zusätzliche Option für die Innenverteidigung in der Hinterhand zu haben.

Durch die minimale Doppelbelastung durch den DFB-Pokal, der alle heiligen Zeiten ein Spiel abverlangt, ist die Eintracht so gut gerüstet. Dennoch wird man die Füße nicht still halten, sollte sich eine verlockende Chance ergeben, den Kader qualitativ mit angemessenen Mitteln aufzustocken. Sollte jedoch gezielt noch gesucht werden, würde sich ein weiterer Außenverteidiger als Backup für Oczipka und Chandler sicherlich nicht als unnötig erweisen – Daniel Guedes vom FC Santos (19 Jahre jung) wäre hier eine ansehnliche und brauchbare Personalie. Auf unserem Weihnachts-Special-Wunschzettel stand ja ohnehin, dass wir wieder mehr brasilianisches Samba-Temprament in der Bundesliga brauchen…

Wichtig wird es nun sein, die gute Stimmung im Verein, die effiziente Arbeit der Verantwortlichen und die positive Außendarstellung beizubehalten, sowie die Erwartungen im Zaum zu halten, um keine Krisenstimmung aufziehen zu lassen, sollte die Saison mal an einen Punkt kommen, in der auch die Eintracht in ein Leistungstief fällt. Wie Kovač auf den Lauf seiner Mannschaft reagierte: „Alle träumen, ich nicht. Alle müssen vernünftig bleiben und nicht anfangen, zu fliegen“. Bei den jüngsten Ereignissen um Timo Werner wäre fliegen auch der schnellste Weg, um seinen eigenen Ruf kaputt zu machen.

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