Er ist jung, er ist talentiert, er spielt seit diesem Sommer für den Hamburger Sport-Verein!? Wenn uns die Vergangenheit eines gelehrt hat, dann dass es angenehmere Rollen im Profifußball gibt, als die eines Innenverteidigers beim Bundesliga-Dino.  Von Johan Djourou über den herumirrenden Brasilianer Cleber bis hin zur (Möchtegern-)HSV-Legende Heiko Westermann – insbesondere die Defensive der Hamburger war in den letzten Jahren eine der ganz großen Schwachstellen. Nun kommt mit Rick van Drongelen eines der vielversprechendsten Defensivtalente der Niederlande in die Hansestadt. Auch wenn die Erwartungen an ihn von offizieller Seite noch gebremst werden, hofft man insgeheim, mit ihm endlich wieder einen Innenverteidiger der Kategorie Mathiijsen, Boateng oder Tah in den eigenen Reihen zu haben. Aber kann der erst 18-Jährige diese Rolle kurzfristig schon einnehmen?

Ein neuer Stern an der Elbe

In Anbetracht seines jungen Alters, fällt eine große und ausgiebige Auflistung seiner bisherigen Karriere Highlights eher dünn aus. Der im niederländischen Terneuzen geborene van Drongelen wechselte bereits im zarten Alter von 13 Jahren von seinem Heimatverein JVOZ Jeugd in die Jugend Sparta Rotterdams, bei denen der Innenverteidiger seine gesamte fußballerische Ausbildung genoss. RvD durchlief sämtliche Jugendmannschaften im Eiltempo, debütierte bereits im Jahr 2015 – wohlgemerkt als 16-Jähriger – für die A-Junioren und empfahl sich durch starke Leistungen bereits in der darauffolgenden Saison für die zweite Mannschaft Spartas.

Nachdem er sich dort schnell als Stammspieler festspielte, folgte zur Rückrunde der Saison 2015/16 der logische Schritt mit der Beförderung in den Profikader, welcher zu dieser Zeit noch in der Jupiler League (2. Niederländische Liga) kickte. Auch dort trumpfte van Drongelen auf: Getragen von einem regelrechten Lauf der Mannschaft, welche seit dem 15. Spieltag die Tabellenspitze nicht mehr verlassen sollte, kam der junge Innenverteidiger zu 13 Startelfeinsätzen, in denen er sogar seinen erstes Profitor markieren konnte. Die Folge war der Aufstieg in die Eredivisie und damit auch die ersten Einsätze van Drongelens in der höchsten Spielklasse unseres Nachbachbarlandes.

In dieser bewies van Drongelen auch erstmals auf internationalem Top-Niveau, was für ein Potenzial in ihm steckt. 31(!)-Mal stand der Niederländer in der Anfangsformation – eine beachtliche Leistung für sein Alter – und trug am Ende unter anderem mit dazu bei, dass Sparta den Klassenerhalt am letzten Spieltag sicherstellte. Eine prägende Saison voller Höhen und Tiefen liegt also hinter dem Youngster, welcher mittlerweile auch für die U-Nationalmannschaften der ‚Elftal’ aufläuft. Eine solche dürfte ihn mit Blick auf die letzten Jahre auch in Hamburg erwarten. Aber was genau dürfen die Hanseaten auf dem Platz von RvD erwarten?

Mr. Kompromisslos mit Luft nach oben

Was ist das Erste, was einem zum Spiel von Rick van Drongelen einfällt? Zweifellos seine Kompromisslosigkeit! Der 1,88 Meter große Innenverteidiger zeigt sich vor allem bei Bodenzweikämpfen erbarmungslos. Erkennt er Situationen früh genug, beziehungsweise erobert er in einem direkten Duell den Ball, kann man sich sicher sein, dass dieser prompt aus der Gefahrenzone befördert wird. Eine im heutigen Fußball fast schon ungewöhnlich hohe Zahl von fünf Befreiungsschlägen pro Spiel hat der Niederländer in der letzten Saison vorzuweisen.

Doch wer jetzt denkt, dass van Drongelen am Ball einen Unsicherheitsfaktor darstellt und eher in eine Schublade mit Jaap Stam oder Ron Vlaar gesteckt werden sollte, der liegt falsch. Trotz seiner hohen Quote langer und vertikaler Pässe, brachte RvD in der letzten Saison starke 75 Prozent seiner Zuspiele an den Mann. Obwohl er noch wenig Erfahrung im Profifußball vorzuweisen hat, darf man ihm jetzt schon ein durchaus solides Spielverständnis zusprechen. Zudem ist er mit seinen Anlagen nicht nur eine Alternative für die Innenverteidigung. In Rotterdam kam er unter Trainer Alex Pastoor auch zeitweise als Linksverteidiger zum Einsatz. Obwohl er für diese Position die nötige Grundschnelligkeit mitbringt, sind die offensiven Skills des Linksfußes jedoch durchaus überschaubar. Sowohl als Vorlagengeber, als auch als Torjäger fiel der Niederländer bislang noch nicht auf. Sei es die fehlende Präzision bei seinen Flanken oder das mangelnde Timing bei Kopfbällen im gegnerischen Strafraum – hier läuft RvD seinen phsysischen und technischen Voraussetzungen noch weit hinterher.

Ebenfalls negativ bemerkbar macht sich im Spiel des jungen Niederländers ein anderer, elementarer Bereich eines Innenverteidigers. Seine Zweikampfquote ist mit 50 Prozent zweifellos verbesserungswürdig. Zwar bekam er in der vergangenen Spielzeit, als Teil der drittschlechtesten Defensive der Eredivisie, keine sonderlich große Hilfe von seinen Mitspielern, jedoch sah man auch van Drongelen an, dass sein Verhalten in direkten Duellen noch deutlich verbesserungswürdig ist. Ihm wäre es zu wünschen, dass er an der Seite eines gestandenen Innenverteidigers lernen kann, umso seine Entwicklung auf ein neues Level zu heben. Doch ist nicht vielleicht gerade der Hamburger SV der Klub in der Bundesliga, dem es genau an einem solchen Spieler fehlt?

Ein defensiver Hoffnungsschimmer? 

Die letzten Jahre haben zweifellos gezeigt, dass Innenverteidiger beim HSV bereits vom ersten Tag an unter keinem guten Stern stehen. Zu viele vielverpsrechende Verpflichtungen gab es in der Vergangenheit, die entweder kurzfristig, aber spätestens über den Verlauf einer gesamten Saison enttäuschten. Johan Djourou, Cleber, Mergim Mavraj – es sind nur einige der Spieler, die sinnbildlich für die wackelige Defensive der Hamburger standen und teilweise immer noch stehen. Doch ausgerechnet letztgenannter wird für Rick van Drongelen einer der größten Konkurrenten, für den vakanten Platz neben Abwehrchef Kyriakos Papadopoulos sein.

In der Viererkette von HSV-Coach Markus Gisdol, soll vor allem der Mann neben dem Griechen ein wichtiger Faktor in der Spieleröffnung sein. Eine Rolle, die sowohl zum Saisonende der abgelaufenen Spielzeit, als auch in der bisherigen Sommervorbereitung keiner der Kandidaten so wirklich einnehmen konnte. Der Albaner Mavraj zeigte dabei nicht nur in der letzten Saison, sondern auch in diesem Jahr, beim peinlichen Pokalaus in Osnabrück, dass er seiner Form aus Kölner Zeiten weit hinterherläuft. Dieser Fakt, plus die erneut große Drucksituation der Hamburger Verantwortlichen, könnte die Chance für van Drongelen sein, sich langfristig in die Startelf zu spielen. Beim 1:0-Sieg zum Saisonauftakt gegen den FC Augsburg gelang dieses Unterfangen schonmal, als der Niederländer überraschenderweise als Linksverteidiger zum Einsatz kam.

Einen jungen, aufstrebenden Defensivakteur hatten die Hansestädter schon lange nicht mehr in ihren eigenen Reihen. Mal wieder einen Verteidiger der Kategorie Boateng oder Tah hochzuziehen und weiterzuentwickeln, könnte der so ersehnte Hoffnungsschimmer sein, für eine Hamburger Zukunft, die mehr verspricht als zahlreiche Gegentore und Abstiegsängste.

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