Und plötzlich hat es auch der FC Augsburg: Die berühmte mediale Achillesferse, der kleine Fleck Verwundbarkeit, der reicht, um (möglicherweise haltlose) Kritik eindringen zu lassen und sich festzusetzen, sich auszubreiten und nie wieder zu verschwinden. Hat man nicht ein unerbitterliches Immunsystem wie der FC Bayern oder eine so tadellose Gesundheit wie der SC Freiburg, gibt es kein Erbarmen und das Virus dringt in Form von listigen Schreibern, mal gut, mal weniger gut unter dem Mantel des “investigativen Journalismus“ versteckt, ein. Die Schwaben gehörten bis vor kurzem noch zu zweiter Kategorie: Ein sympathischer Club aus der Bayernliga, der durch die Resistenz der Antikörper in Form von Sportdirektor, Präsident und Trainer stets gesund blieb. Doch einer hat jetzt einen schier unfassbaren Fehler begangen: Dirk Schuster wagte es doch tatsächlich, einen Cut über der Augenbraue bei einem Arzt nähen zu lassen.
Wie dumm, wie naiv.

Verwurzelte Bäume sind meist konstant

Dass der eigentliche Fehler des FCA natürlich entweder in der Entscheidung lag, A) Schuster im Sommer zu verpflichten, oder B) Schuster jetzt zu entlassen, ist klar. Dirk Schuster ist durch einen Stil bekannt geworden, der dem Weinzierl-Spiel in Augsburg nur in Ansätzen entspricht – spielerische Komponenten kamen kürzer, kämpferische wurden forciert. Mit vier Punkten Abstand zum Relegationsplatz steht der FCA nicht so schlecht da, die Augsburger, die sich traditionell in der Rückrunde steigern, hätten noch eine ordentliche Saison geschafft, auch mit Schuster. Doch weil Kapitän Verhaegh auf einer Pressekonferenz bemerkte, nicht alle Spieler hätten zu 100 Prozent hinter dem Trainer gestanden, war es wohl nicht verkehrt, ihn zu entlassen. Der Fehler ist also bei A) zu finden, zudem man ja wusste, welche Art von Fußball Dirk Schuster in der Bundesliga zelebrierte.
Doch es ist, wie es ist, und die aktuellen Umstände sorgen dafür, dass die Transfergedanken beim und um den FCA nicht um Spieler, sondern Trainer kreisen. Aktueller Trainer, mindestens bis zur Winterpause, ist jetzt Manuel Baum, bis vor kurzem noch sportlicher Leiter des NLZs. Der 37-Jährige hat bereits angekündigt, zum dynamischen Umschaltspiel seines Vor-Vorgängers zurückkehren zu wollen und erfreut so die Erwartungen seiner Profis. Und doch erwartet jeder, dass Stefan Reuter jetzt einen Markus Kauczinski, Jos Luhukay oder zumindest Andre Breitenreiter verpflichtet, die Augsburger Allgemeine listet sogar Bruno Labbadia auf.  Doch TK empfiehlt: Lasst den Baum erst mal Wurzeln schlagen!

Never change a winning concept

Anfangs wurde erwähnt, dass vor allem Konstanz das Erfolgsrezept für eine stabile Gesundheit ist. Wenn man in die Vergangenheit blickt, fällt einem da in erster Linie Markus Weinzierl auf: Ein bodenständiger Typ aus der Region (geboren in Straubing, Niederbayern), der durch seine lange, erfolgreiche Arbeit bei Jahn Regensburg in den Fokus rückte und beim FCA in der Bundesliga flexibel, umgänglich und mit einer hohen Fachkenntnis auftrat. Dass man ihn nicht für immer und ewig halten können würde, war irgendwo auch klar – sein Abgang nach Gelsenkirchen wurde unpassend kompensiert, ein Fehler, den man jetzt ausbügeln muss. Aktuell hat man ja leider nur Manuel Baum (geboren in Landshut, Niederbayern), auf den man durch seine spannende Arbeit in Unterhaching aufmerksam wurde und der zuletzt durch seine Arbeit im NLZ die Jugendmannschaften des FCA auf ein neues Level gehievt hat und mittlerweile im süddeutschen Raum ganz oben mitmischt. Verständlich, dass die Medien da nach anderen Namen schreien, die beschriebene Blätter wären und kein Baum aus der Umgebung.
Auch TK ist ein Medium, und deshalb schreit auch TK. Und zwar nach zwei Versionen:
1.  Manuel Baum bleibt Cheftrainer, und zwar solange, bis er von einem größeren Klub wegen seiner guten Arbeit abgeworben wird. Das setzt voraus, dass er den großen Schritt aus der Jugendarbeit in die Bundesliga auf Anhieb schafft, was ihm aber zugetraut werden kann. Benötigt er noch ein wenig Zeit, was er sich selbst eingestehen würde, müsste man auf Version zwei zurückgreifen…
2. Manuel Baum bleibt Cheftrainer bis zur Winterpause oder bis zum Sommer, je nachdem, ob Claus Schromm von der SpVgg Unterhaching bereits im Winter oder erst im Sommer nach Augsburg wechseln möchte. Schromm, mit 47 Jahren aus modernen Blickwinkeln ein erfahrener Trainer, kennt Baum bestens (die beiden betreuten Haching einst im Verbund) und macht im Moment auf sich aufmerksam, weil er die Regionalliga Bayern, normalerweise eine sehr enge, bitter umkämpfte Spielklasse, mit witzlosen 19 Punkten Vorsprung auf den Zweiten anführt. Natürlich hat er eine überdurchschnittlich gute Mannschaft zur Verfügung (u.A. die Ex-Sechzger Hain, Taffertshofer, Stahl), doch die Souveränität und Harmonie, die er bewirkt hat, ist beeindruckend. Für ihn spricht außerdem seine Erfahrung als Sportdirektor.

Wir halten fest: Die Empfehlung eines Trainers ist prioritär, hierbei lohnt es sich, erst einmal auf Manuel Baum zu setzen und gemeinsam mit ihm zu entscheiden, ob eine alleinige Verantwortung seiner Zukunft hat. Falls das nicht so sein sollte, muss man einen zweiten suchen, hier bietet sich Claus Schromm an, der im Verbund oder als Cheftrainer mit Baum als Co, den nächsten Schritt machen kann.

Auch ein Cousin kann nicht schaden

Und doch bietet die Winterpause die Gelegenheit, nach neuen Spielern zu suchen. Hier muss jetzt nach Gesichtspunkten geschaut werden, die weniger die schuster’sche Robustheit in erster Linie stehen haben, sondern mehr die weinzierl’sche bzw. baum’sche spielerische Flexibilität. Und konkret besteht Bedarf weniger in der Defensive, wo man auf dem Transfermarkt bereits im Sommer und im letzten Winter vorgesorgt hat, sondern mehr in der Offensive und Spielentwicklung, vor allem angesichts der Verletzungen von Caiuby und Bobadilla, auch Adduktorenbeschwerden, wie sie Finnbogason im Moment plagen, sind für eine gewisse Unausrechenbarkeit bekannt. Und um das wohl wichtigste Transferprinzip, die Nachhaltigkeit, zu bedienen: Dass der Kader der Augsburger eine Verjüngung sehr gut gebrauchen könnte, ist kein Geheimnis. Wobei Manuel Baum durch seine Jugendarbeit da ja auch schon vorgesorgt hat.
Bei den Spielerempfehlungen ist aber auch darauf zu achten, dass das Augsburger Budget angesichts keines europäischen Wettbewerbs und zuletzt für schwäbische Verhältnisse hohen Ausgaben nicht zu groß ausfallen dürfte. Die Filter sind nun alle gesetzt und die Suche ergab einen Treffer, der da lautet:

Romuald Lacazette, 22 Jahre, TSV 1860 München. Der treue TK-Leser denkt an dieser Stelle: Was haben sie nur mit dem Lacazette? Denn genau der tauchte auf der Liste für potentielle Leipziger Neuzugänge auch auf. Doch der Franzose, Cousin des hochgehandelten Alexandre Lacazette, ist ein Rohdiamant, der perfekt nach Augsburg passen könnte. Mittlerweile hat sich der damalige Neuzugang von Paris Saint-Germain eingelebt in Deutschland, die Verletzungsprobleme scheinen endgültig überstanden. Und Lacazette, der im zentralen Mittelfeld agiert, wäre einerseits ein trefflicher Backup für Dominik Kohr, andererseits ganz klar ein Akteur mit Startelfansprüchen, der einen perfekten Zulieferer für die Offensive geben könnte. Sein Stil verkörpert die erste Stufe des schnellen Umschaltspiels, das Baum proklamierte: Seine Zweikampfführung ist extrem offensiv, sein Spielaufbau sehr aggressiv und eindeutig. Beim labilen TSV 1860 führt das ein ums andere Mal zu riskanten Situationen, fehlt doch dort oft die Grundordnung und eine gewisse Positionssicherheit. Aber in Augsburg gibt es einen Daniel Baier, der das Paradebeispiel für einen zentralen Sechser mit Vorzeige-Stellungsspiel ist und Lacazette absichern könnte, andererseits einen Alfred Finnbogason, der ein Konterspieler par excellence ist und einen Ja-Cheol Koo oder Takashi Usami, die, besonders letzterer, zu Schuster nicht gut gepasst haben, Lacazettes Wucht mit spielerischen Komponenten aufhübschen können. Einziger Nachteil: Eine gewisse Ablösesumme wird angesichts des harten Anthony-Power-Führungsstil bei den Löwen fällig werden. Doch dass Lacazette in keinster Weise als Top-Talent wie zuvor Weigl, Wolf und Co. gehandelt wird, ist ein klarer Vorteil.

Um wie immer am Ende zu resümieren: Die Vergangenheit zeigt, dass ein junger, innovativer Trainer wie Manuel Baum, der in der Region verwurzelt ist und einen dem Kader entsprechenden Spielstil verkörpert, genau der Richtige sein kann. Seine Erfahrungen im Herrenbereich sind überschaubar, weshalb ein guter Bekannter wie Claus Schromm, der in Unterhaching sensationell da steht und auch aus der Umgebung kommt, den Übergang erfolgreicher gestalten könnte. Und: Ein junger Spieler im alternden Mittelfeld (Baier 32, Kacar 29, Feulner 34, Altintop 34), der außerdem noch einen vorteilhaften fußballerischen Charakter besitzt, könnte auch nicht schaden.

 

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