Darmstadt 98 zur Winterpause 16/17 auf dem letzten Platz der Bundesliga: Etliche Fans und (Möchtegern-) Experten atmen auf. Dem Sensationsaufsteiger wurde in seiner zweiten BuLi-Saison (die ja bekanntlich die schwerste ist) nach Trainerabgang und Fach-Meier-Führung, die viele nicht als fach-männische Führung betrachteten, quasi nichts zugetraut. Und so trist dieser letzte Platz mit acht Punkten Rückstand auf den direkten Klassenerhalt scheint, so optimistisch ist die Stimmung in Darmstadt. Mit Torsten Frings wurde jetzt ein Trainer verpflichtet, der mehr Sympathie genießt als Fach und Meier zusammen und darüber hinaus für Tugenden steht, die D98 zurück in die Spur bringen sollen: Kampf und Leidenschaft. Und wenn es mit Kampf und Leidenschaft zurück in die zweite Bundesliga geht, wäre das auch kein Weltuntergang.

Frings brennt, Sulu steht in Flammen

Dass Holger Fach und Norbert Meier letztendlich scheiterten, ist keine große Überraschung. Die Konstellation war von Anfang an eine unglückliche: Schmerzhafte Abgänge (um Wagner, Rajkovic und Rausch), fehlender Erfolg bei Wunschtransfers (wie Rudnevs, Kacar) und letztendlich eine Masse-statt-Klasse-Transferpolitik. Und auch wenn man mit 30 Gegentoren zu viele bekommen hat, ist die Zahl der geschossenen Tore mit elf Stück noch unterirdischer – obwohl unter den sagenhaften vierzehn Neuzugängen im Sommer (welche die Kasse gründlich leergespült haben dürften) ganze sechs Angreifer waren. Doch auch in der Defensive gab es einiges an Zuwachs, allerdings scheint sich (noch) keine dauerhafte Lösung gefunden zu haben. Milosevic und Höhn glänzten bisher nicht wirklich in der Innenverteidigung, Fedetsky und Guwara taumeln noch ein wenig auf den Außenbahnen – wobei man letzteren eine hoffnungsvollere Perspektive voraussagen könnte.
Unter Frings, der in Bremen ein wenig von Viktor Skripniks Lethargie in den Schatten gestellt wurde, werden die Karten neu gemischt. Der Langhaarige bringt neues Feuer in den Kader (,,Ich brenne“) und in den Spielstil, wenn auch nicht ästhetischer Art. Darmstadt 98 wird sich vielmehr wieder an alten Schuster-Zeiten orientieren – die Rückkehr zu alten Tugenden ist momentan in der Bundesliga eh trendig (Walpurgis in Ingolstadt, Baum in Augsburg). Was auch Kapitän Aytac Sulu, zur Zeit scheinbar der einzige Fels in der Gegentor-Brandung, begrüßt: Er plädiert für ,,Kampf“.
Nun ist der Kader mit dreißig Spielern schon ziemlich dick, außerdem ist es bekanntlich nicht einfach, im Winter Spieler abzugeben. Wie sollen hier neue Spieler geholt werden? Bedarf ist da: So unharmonisch es angesichts der personellen Dichte ist, wird ein weiterer Innenverteidiger vonnöten sein, um die defensive Anfälligkeit ein wenig abzustellen. Auch eine Alternative für Holland (Guwara stellte sich bisher nicht als eine solche heraus) wäre dem zuträglich. Und angesichts der elf geschossenen Tore ist man (wie weiter oben angedeutet) geneigt zu sagen: Ein Stürmer muss her. Doch angesichts des Personalüberflusses, der hier noch viel deutlicher ist als in der Verteidigung, ist eine Verpflichtung nicht sinnvoll und unrealistisch. Erfolgsversprechender wäre, mehr auf Oliynyk (bisher kaum eingesetzt) und Platte (verletzt) zu setzen und andere Konstellationen auszuprobieren: Bezjak, 2-Millionen-Transfer aus Rijeka, könnte man im Zentrum einsetzen, was ja eigentlich auch seine Position ist. Problem: Wenn Frings wieder auf hoch& lang -> zweiten Ball festmachen setzt (und das wird er, da alternativlos) ist Bezjak fürs Zentrum viel zu klein. Dann eher Colak (1,88 und bester Torschütze) und warum nicht wieder einmal Dominik Stroh-Engel (1,97) , Held vergangener Tage?

Ramos-Lehrer, Ex-Nationalspieler und CL-Sieger

Unverrückbar ist aber: Ein Innenverteidiger muss her, ein Außenverteidiger wäre nicht schlecht und auch ein kampfstarker Sechser könnte nicht schaden. Die zentralen Mittelfeldspieler sind ja als Festmacher der zweiten Bälle im neuen alten Stil extrem wichtige Akteure, Niemeyer musst zuletzt Innenverteidiger spielen, Jungwirth ist eventuell eine bessere Alternative als Außenverteidiger. Bleiben noch Gondorf und Vrancic – zwei Spieler für zwei, drei sehr intensive Positionen.

Baustelle eins – IV: Eine klare Empfehlung: Bostjan Cesar, Chievo Verona. Der 34 Jahre alte Slowene ist zwar alt, aber erfahren und etabliert. In Verona hat er noch Vertrag bis 2018, doch die Serie A wird aktuell (leider) laufend unattraktiver und für Cesar, der außerdem schon in den ersten Ligen in Slowenien, Kroatien, England und Frankreich gespielt hat, könnte die Bundesliga eine weitere (letzte) attraktive Herausforderung sein. So weit, so gut. Aber was hat Darmstadt davon? Cesar ist ein routinierter, sehr sicherer Innenverteidiger. Keiner mit Perspektive, aber einer, der sofort weiterhilft und im Saft steht. Zudem gilt er als Lufthoheit und extrem hart im Zweikampf: In den sozialen Medien machte kürzlich ein Spruch die Runde, der aussagte, neben Cesar wäre Real Madrids Sergio Ramos ein Schulbub als Innenverteidiger. Auch wenn das natürlich in die Kategorie überspitzt und humoristisch zu ordnen ist, – mit Sulu und Cesar hätte man eine Innenverteidigung, die ihresgleichen suchen würde.

Baustelle zwei – AV: Hier extern nachzurüsten, dürfte zu viel des Guten sein. Die einzige Möglichkeit, die auf der Hand liegen könnte: Roberto Hilbert, Bayer Leverkusen. Der erfahrene Rechtsverteidiger und Ex-Nationalspieler wird nicht mehr berücksichtigt und ist unzufrieden, sein Vertrag läuft zum Saisonende aus – das Geschäft könnte eine Win-win-Situation sein. Frings sollte aber auch unbedingt auf eine Eingewöhnung von Fedetsky (Cafu light) setzen und einmal den Nachwuchs in Betracht ziehen: So ist der 17-jährige Aydogan, zu Beginn der Saison in den Profikader gezogen, eine interessante Personalie. Auch der schnelle Liam Fisch (18 Jahre), der schon länger als Bundesligaprofi gehandelt wird, könnte man als Außenverteidiger ausprobieren. Unter Frings werden die Karten zweifellos neu gemischt.

Baustelle drei – 6: Es muss Geld gespart werden, das ist klar. Und deshalb ist es auch sinnvoll, den Blick auf vereinslose Spieler zu werfen. Hier drängt sich auf: Sulley Muntari. Der 33 Jahre alte Ghanaer war lange bei Inter und AC Mailand, er gilt im defensiven Mittelfeld als sehr leidenschaftlicher und emotionaler Spieler. Zuletzt war er bei Al-Ittihad, ist seit einem halben Jahr aber vereinslos – wer so lange auf einen Verein wartet, dürfte auch gewillt sein, deutliche Gehaltseinbußen in Kauf zu nehmen. Muntari wäre auch fußballerisch eine klare Verstärkung zum vorhandenen Personal, dazu kommt, dass der 84-fache Nationalspieler einen sehr guten Distanzschuss hat. Verhandlungsgeschick ist gefragt.

Kräfte bündeln, Esprit beleben

Trotz letztem Tabellenplatz und vier Punkten Rückstand: Hopfen und Malz ist in Darmstadt noch nicht verloren. Mit Frings kommt viel neue Energie, der Kampf wird neu entfacht – zur Winterpause kann sich die Mannschaft darauf einstellen, Kraft sammeln und bündeln und sich punktuell verstärken. Und gelingt es, den Stil der Vorsaison wieder zu beleben und mit gewohntem Esprit den Rasen zu beackern, dann ist eine Darmstädter Mannschaft in der möglichen Gestalt
Esser – Fedetsky,Cesar,Sulu,Fisch – Niemeyer,Muntari – Ben-Hatira,Kleinheisler,Sirigu – Colak
mit Torsten Frings als Trainer, der mehr als Motivator als genialer Taktiker Erfolg haben wird, alles andere als Kanonenfutter.

 

 

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