Relativ unbekannt, aber dennoch teuer. Ob Corentin Tolisso die Lücke die Xabi Alonso hinterließ und Renato Sanches bisher nie bespielen konnte füllen wird, ist noch offen. Doch was den Mittelfeldspieler so stark macht, dass Bayern München so viel bezahlte wie noch nie ein Verein für einen Spieler der in die Bundesliga wechselte, erklären wir hier.

Marco Verratti, Adrien Rabiot und Alexis Sanchez als mögliche Neuzugänge. Serge Gnabry als neuer Spieler und die Abgänge von den Altstars Lahm und Alonso. Der mögliche Transfer von Douglas Costa nach Turin in den letzten Wochen drehte sich wie in jedem Sommertransferfenster  vieles um neue Spieler beim FC Bayern München. Schließlich kündigte Bayern-Präsident Uli Hoeneß nach nur einem Titel in der vergangenen Saison in seiner typischen Art einen „richtigen Kracher-Transfer“ an. So schnürte er selbst die Erwartungen in der bayrischen Landeshauptstadt höher als es hätte sein müssen. Dazu kamen die ständigen Wechselgerüchte um Supertalent Renato Sanches der vor einem Jahr noch als Wunderkind hochgelobt wurde, aber in München überhaupt nicht Fuß fassen konnte. Was einen Abgang des Portugiesen wahrscheinlicher macht, dazu später mehr.
In all den Wochen aber gab es bis zu den vergangenen Tagen aber wenig Spekulationen über einen Spieler der bis vor wenigen Wochen außerhalb Frankreichs völlig unter dem Radar flog und mittlerweile mit 41,5 Millionen zum teuersten Bundesliga-Transfer der Geschichte wurde.

Heimatverbundenheit bis zu einem gewissen Punkt

Corentin Tolisso wurde am 3. August 1994 in Tararé geboren. Nordwestlich der Stadtgrenze Lyons wuchs er auf und spielte Fussball in seinem Heimatort und wenige Kilometer entfernt beim FC Pays de l´Arebresie. Daran lässt sich schon erkennen, sportlich zog es den jungen Franzosen nie weiter weg als über die Grenzen der Region hinaus. Bis zum jetzigen Wechsel. Denn schon mit 13 Jahren wechselte Tolisso zu Olympique Lyon. Zur Zeit seines Wechsels, 2007 war OL noch Serienmeister in Frankreich und war die klare Nummer eins im Lande der „Grande Nation“. Das der kleine Corentin, der schon zu diesem Zeitpunkt zu den talentiertesten Spielern seines Jahrgangs in Frankreich zählte dann die wenige Entfernung nach Lyon gehen würde, war keine große Überraschung.
Zwischen 2007 und 2013 durchlief Tolisso die Jugendteams von Olympique im zentralen Mittelfeld. Der Vorzeigeverein in Frankreich, der für seine starke Jugendarbeit bekannt ist und schon einige namhafte Spieler zu Topstars formte, war genau der Richtige für Tolisso der dort völlig ohne Druck aufspielen konnte und alles andere als zu früh ins kalte Wasser des Profibereichs geworfen wurde.

Am 10. August 2013, eine Woche nach seinem 19. Geburtstag, debütierte Tolisso für die Lyonnais in der ersten französischen Liga als er gegen Nizza eingewechselt wurde. Rund zwei Monate später folgte das erste Spiel in der Europa-League in Rijeka. Danach unterschrieb er seinen ersten Profivertrag, bei seinem Jugendverein. Immer wieder stand er in der Saison 2013/2014 im Kader der Profis und kam auch zu einigen Kureinsätzen. Das änderte sich dann aber zwei Monate vor Saisonende. Paris St. Germain war längst enteilt und Lyon hatte sich Platz fünf gesichert. Also war genug Zeit für Tolisso sich an da Spiel zu gewöhnen. An den letzten sieben Spieltagen der Spielzeit folgten Einsätze, fünf davon über volle 90 Minuten. Dafür belohnt wurde er mit der ersten Einladung ins Team der U21-Nationalmannschaft. In die Mannschaft um Anthony Martial und den Wolfsburger Paul-Georges Ntep spielte sich der junge Mittelfeldspieler mit seiner enormen Zweikampfstärke und seiner Flexibilität in den Fokus. Insgesamt bestritt Tolisso 16 Länderspiele für die U21 der Equipe Tricolore.

Der große Schritt und die Legende

In der folgenden Saison, gerade 20 Jahre alt geworden, schaffte er den großen Sprung zum unumstrittenen Stammspieler in Olympique-Mittelfeld. Doch dem war nicht immer so in dieser Spielzeit. 2014/2015 lief er insgesamt sechsmal auch Verteidiger in der Viererkette auf. Das überraschte insofern, als das Tolisso bis dato noch nie auf einer dieser Positionen sich versuchte. Das ist aber nur ein weiteres Indiz dafür welch Anpassungsfähigkeit der junge Spieler besitzt. Getreu dem Motto „dort wo mich der Trainer braucht, das Spiele und helfe ich auch“. Doch allzu oft sollte er dort nicht eingesetzt werden, auch weil er seinen großen Stärken dabei beraubt wird. Die hat er nämlich im Offensivspiel weitaus mehr als in der Defensive und dem Stellungsspiel.
Insgesamt verbuchte er 43 Einsätze und dabei war er nur viermal davon nicht über 90 Minuten im Einsatz. In einem Alter, in dem einige junge Spieler zum Sammeln von Spielpraxis zu kleineren Vereinen ausgeliehen werden und nicht bei einem gestandenen Topteam ihre Erfahrungen machen. Mit sieben Toren und drei Vorlagen gab er schon zu diesem Zeitpunkt einen Vorgeschmack auf seine Offensivqualität.

Diese Stärke sollte er, durch die Arbeit im Sommer und Training, noch weiter verbessern in der darauffolgenden Saison. 33 Einsätze in der Ligue 1 in fast allen Pflichtspielen im Kader und jeweils sieben Treffer und Vorlagen sollten folgen. Dazu stand er in allen sechs Partien der Champions-League Gruppenphase immer auf dem Platz. Im 4-3-1-2 System von Trainer Hubert Fournier agierte Tolisso meist als zentraler Spieler der defensiveren Dreierreihe im Mittelfeld und zog die Fäden im Aufbauspiel, denn die beiden erfahrenen Innenverteidiger Jeremy Morel und Mapou Mbiwa sind alles andere als für ihr gutes Passspiel bekannt. Durch zwei starke Spielzeiten in Folge wuchs auch das Interesse anderer Vereine, so brachte auch der SSC Neapel im Sommer 2016 sein Angebot vor.

Nach längerem Tauziehen schien der Wechsel von Corentin Tolisso nach Italien schon konkret zu werden. Die Freigabe von Lyon-Präsident Jean-Michel Aulas war erteilt. Doch der Legende nach machte Tolisso aus einem besonders kuriosen Hintergrund einen Rückzieher. Wie sein Berater Frederic Guerra erzählt war es die TV-Serie „Gomorrha“ die im französischen Fernsehen in aller Regelmäßigkeit läuft die den Wechsel verhinderte. Grund: Auf den damals gerade 21 Jahre jungen Spieler machte die italienische Stadt Neapel in der die Krimiserie spielt keinen allzu guten Eindruck. Ängste und Zweifel über die Sicherheit in der er leben sollte machten sich breit und so gab er es an die Neapolitaner weiter. Diese zeigten sich nicht begeistert, doch Tolisso blieb weiter in seiner Heimatregion Lyon.

In der vergangenen Saison beeindruckte er nicht nur die Fans in Frankreich, sondern immer mehr Scouts der europäischen Topvereine. Zeitweise zum Kapitän aufgestiegen und in der Nationalmannschaft debütiert, gelangen ihm 14 Tore und sieben Torvorlagen in 47 Pflichtspieleinsätzen. Begünstigt durch seine starke Schusstechnik ist er für Fernschüsse außerhalb des Strafraums immer gefährlich. Auch seinetwegen schaffte es Olympique Lyon bis ins Halbfinale der Europa-League.Gerade weil Spieler wie Tolisso und sein junger Nebenmann und Nachfolger Lucas Tousart einen weiteren Schritt in ihrer Entwicklung machten war es trotz Platz vier in der Liga die erfolgreichste Saison seit langem für Olympique.

Überall zu sehen

Nach dem Abgang von Xabi Alonso fahndete Bayern München lange Zeit nach einem geeigneten Nachfolger. Mancher Kandidat schien dafür noch nicht bereit, andere wiederum ziehen wohl lieber einen anderen Verein mit dem FCB-Kürzel vor. Das die Wahl der Münchner Verantwortlichen um Kaderplaner Michael Reschke dabei auf Corentin Tolisso fiel, ist bei den Entdecker-Qualitäten Reschkes nicht sehr überraschend. Den Bayern-Neuzugang zeichnen schließlich einige Dinge aus, die bis auf Thiago Alcantara kaum einer besitzt. Von Renato Sanches versprach man sich diese, doch der hat immer noch große Probleme anzukommen. Vergleicht man trotz der paar Jahre Unterschied die beiden, sieht man außer der größeren Erfahrung Tolissos nur einen geringen Unterschied in der Spielanlage. Dies macht den Abgang von Sanches umso wahrscheinlicher weil dieser durch einen in etwa gleichen Spieler ersetzt werden soll.

Bei Lyon übernahm er oftmals den Spielaufbau, was aber eher an den geringen Fähigkeiten der beiden Verteidiger lag, diese Rolle dürfte ihm bei den Bayern seltener zu kommen – auch wenn Alonso diese durch seine Spielweise des öfteren ausfüllte. Von der Spielanlage ist der bald 23-Jährige kaum mit dem Spanier zu vergleichen, agiert er doch weit offensiver und kann dort seine Qualitäten im schnellen Passspiel ausnutzen. Die wohl größte Stärke liegt im Zweikampf, den gewinnt er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, um danach schnell in den Angriff umzuschalten. In Lyon folgten dann meist steile Bälle auf die beiden schnellen Stürmer Cornet und Lacazette. Bei den Bayern wird er dies aber aller Voraussicht nach nicht können, schließlich stehen dort die Gegner weit tiefer als in der Ligue 1. Doch manchmal findet sich im Kopf Tolissos eine Idee, die er versucht umzusetzen obwohl es schlicht unmöglich ist und dadurch unnötige Ballverluste resultieren. Ebenfalls eine Eigenschaft die Renato Sanches so hat und ihm negativ ausgelegt wurde. Auch dieses ständige Pendeln zwischen allen Linien wie es in den Jahren zuvor möglich war, ist ab jetzt kaum mehr möglich. Zwar hat er mit Arturo Vidal, Javi Martinez oder Sebastian Rudy defensivstarke Spieler neben sich, doch sollte er trotzdem die Ballsicherheit wahren.
Die größere Erfahrung und das schnellere Einleben werden aus Corentin Tolisso keinen zweiten Xabi Alonso oder einen vergleichbaren Spieler machen. Er spielt sein Spiel, das dem eines 8er am nächsten kommt. Dabei hat er mit Kingsley Coman, mit dem er in der U-21 zusammen spielte, so wie Franck Ribery und dem neuen Co-Trainer Willy Sagnol einige Landsmänner in der Mannschaft die ihm das Einleben so erleichtern werden, das die Entwicklung noch längst nicht zu Ende sein wird. Denn mit genügend Freiraum in seinem Handeln, den Carlo Ancelotti seinen Mittelfeldspielern meist lässt, ist Tolisso eine echte Bereicherung.

Facebook-Kommentare