In der Winterpause 14/15 muss Chima Okoroji, so scheint es, einen Rückschlag in Kauf nehmen. Nachdem er beim FC Bayern in der B-Jugend noch 25 Partien bestritten hatte, in der A-Jugend zwölf weitere (darunter drei in der Youth League) wechselt er im Januar 2015 nicht etwa in die zweite oder erste Mannschaft des FCB, sondern in die U19 des FC Augsburg. Doch sieht man genauer hin, merkt man: Ein Rückschritt war das nicht. Im Jugendfußball ist der FC Bayern längst nicht Branchenprimus, Okoroji handelte also mit Bedacht, als er zudem seine sportlichen Perspektiven mittelfristig verbesserte.

Acht Vorlagen, Platz zwei

Mitterweile hat Okoroji, der nigerianische Wurzeln hat und die britische Staatsbürgerschaft besitzt, das Alter für Seniorenteams erreicht. Der Linksverteidiger, Jahrgang 97, hat sich mittlerweile sehr fest im Regionalligateam des FCA etabliert und hat mit seinen bis dato acht Vorlagen aus 18 Spielen sehr viel zum hervorragenden zweiten Tabellenplatz der Fuggerstädter beigetragen. Eine stringente Entwicklung beim 19-Jährigen: Bereits letzte Saison durfte er Viertliga-Luft schnuppern, glänzte aber vor allem in der U19 des FCA und war am Wiederaufstieg derer in die Bundesliga mit 19 Auftritten nicht unbeteiligt. Seine alten Jahrgang-98-Teamkameraden stehen derzeit verdient auf dem ersten Platz in der Bundesliga – ein deutliches Zeichen für die Qualität einer Mannschaft, aus der Okoroji letztes Jahr nicht wegzudenken war. Doch diese Zeiten sind vorbei – jetzt greift der Linksfuß nach Höherem. Dass die Amateure des FCA wohl angesichts der Unterhachinger Dominanz kaum aufsteigen werden, dürfte Chima Okoroji weniger stören. Sein Ziel ist die erste Bundesliga – was beim FCA allerdings angesichts der Kaderfülle auf dieser Position schwer realisierbar sein dürfte. Obwohl Okoroji das Zeug zum Profi hätte.

Chima Alves

Denn der junge Verteidiger ähnelt in seiner Spielanlage einem, der es schon ganz weit gebracht hat. Die Rede ist vom Brasilianer Dani Alves, wie Okoroji Außenverteidiger und wie dieser ein Prototyp für die moderne, offensive Interpretation dieser Rolle. So verwundert es nicht im Geringsten, dass Okoroji die offensive Außenbahn ebenso im Positions-Repertoire bereit hält. Eine ausgeprägte Dynamik als Resultat einer einwandfreien Atheltik Okorojis legen die Grundlagen für den Spielstil des Augsburgers.  Ganz im Sinne eines oberflächlich begeisterungsfähigen Taktikfans steht Okoroji tendenziell hoch und vergrößert die wichtigen Abstände im Vierer-Defensiv-Verbund leichtfertig, um horizontal spielverlagernde Bälle aus dem Zentrum oder Linienbälle vom gegnerischen Außenverteidiger abzufangen. Auch im Spiel gegen die Amateure des ihm wohlbekannten FCB versuchte es Okoroji nicht nur einmal – meist gelang es und führte zu einer vorteilhaften Angriffsituation seiner Mannschaft, die dann natürlich die besseren Karten im Umschaltspiel hat. Doch natürlich muss gesagt werden: Einen solchen Spielstil zur Norm werden zu lassen, ist gefährlich, vor allem, wenn man nach Höherem (und somit gegen höherklassigere Gegner) strebt.  Andererseits sollte dieses Mahnen nicht allzu besserwisserisch ausfallen, denn man hat ja die vorzüglichen Voraussetzungen von Okoroji im Kopf: Der 19-Jährige ist wie Dani Alves extrem antritts- und reaktionsstark, beweglich und verfügt zudem für einen Außenverteidiger über technisch überdurchschnittliche Mittel. Im defensiven Zweikampf überzeugt er zudem durch ein sehr geschicktes Stellungsspiel: So kann man des Öfteren beobachten, dass Okoroji bei seinen Ausrückaktionen nicht unbedingt vor seinen Gegenspieler kommen muss, sondern diesen geschickt in Richtung Auslinie drängt, den Angreifer sperrt und den Ball entweder ins Aus oder in Richtung eigener Torwart laufen lässt – nur ein Beispiel natürlich, aber eines für ein zweifellos cleveres direktes Stellungsspiel im Zweikampf. Okoroji also bald bereit für das Bundesligateam des FCA?

Trennung in Sicht?

Ja, bereit wäre er wohl bald. Doch die Mannschaft von Dirk Schuster hat keinen Platz für ihn: Mit Verhaegh, Max, Stafylidis, Opare, Teigl und Framberger stehen sechs nominelle Außenverteidiger im Kader, von denen mit Verhaegh nur einer schon im fortgeschrittenen Fußballeralter ist. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der gebürtige Londoner Okoroji auf eine Chance hoffen kann. Die Frage ist: Wartet er – oder sucht er das Weite? Beraten wird er von Roman Rummenigge, der auch etliche Bayern-Profis unter Vertrag hat. Eine Rückkehr zum FCB ist unter Umständen gar nicht so unwahrscheinlich, falls Juan Bernat den Verein tatsächlich verlassen sollte. Doch auch an der Säbener Straße sind die Chancen auf einen Profi-Durchbruch erst einmal natürlich gering. Potential hat Okoroji – und zudem in der Vergangenheit bewiesen, dass er fähig ist, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Man darf gespannt sein.

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