Schottland. Ein wunderschönes Fleckchen Erde und eines der größten Exportländer für erstklassigen Whisky. Doch neben dem eher unsportlichen Getränk fängt das Land an, noch etwas der Marke „Extraklasse“ in die Welt zu bringen: Fußballtalente!

Der schottische Fußball gilt gemeinhin als hart und raubeinig. Spielerische Leichtigkeit vermutet man in schottischen Füßen eher seltener zu finden, aber die nächste Generation der fußballspielenden Highlander macht da nicht mit. Die Jungs können richtig kicken. Längst sind Spieler wie Oliver Burke in ganz Europa bekannt und das obwohl der Junge erst 19 Jahre alt ist. Aber Burke ist nur einer der ersten einer ganzen Reihe von Ausnahmetalenten, die die britische Halbinsel verlassen, um die Fußballwelt zu erobern. Namen wie Kieran Tierney und Karamoko Dembele kennt jeder gute Berater Europas und vor kurzem kam noch ein Name hinzu: Billy Gilmour.

 Mr. Man of the Match

In der Jugendakademie der Glasgow Rangers wächst ein Talent von ungeahnter Qualität heran. Der junge Schotte stach zuletzt beim 2:0 Sieg seiner Altersklasse gegen die Auswahl Nordirlands heraus und wurde zurecht als Man of the Match ausgezeichnet. Das lag aber nicht daran, dass er ein Einäugiger unter den Blinden war, sondern aus der Masse ausgezeichneter Spieler herausstach, über die er anschließend sogar sagte: „Alle waren heute stärker“ aber auch er „habe besser als zuvor gespielt.“

Ab diesem Zeitpunkt fingen schottische Zeitungen an zu berichten, wer alles an dem Talent interessiert ist. Die Liste sieht eigentlich aus wie immer, wenn jemand richtig gut gegen das runde Leder treten kann: Barcelona und die Bayern sowie alle englischen Topclubs. Soweit, so, mittlerweile, unspektakulär. Wäre da nicht Gilmours Alter. Der Junge erblickte am 11.06.2001 das Lichte Schottlands und ist damit nicht mehr als 15 Jahre alt. Bis er 16 ist, ist er somit generell an die Rangers gebunden, aber danach lockt die weite Welt und das große Geld, an dem er aber jetzt schon mit einem eigenem Adidas-Sponsorenvertrag schnuppert.

https://twitter.com/billygilmourrr/status/781014071252553728/video/1

Der neue Xavi oder Iniesta

Barcelonas Scouts sehen in Gilmour nicht weniger als den neuen Xavi oder Iniesta und wer ihn spielen sieht, kann eine ähnliche Spielanlage nicht verleugnen. Technisch versiert, ohne große Spielerei, lenkt er das Match im Mittelfeld. Dabei lässt er sich oftmals aus einer offensiven Position in die Halbräume fallen und schüttelt Gegenspieler mit Körpertäuschungen ab. Leichtfüßig wechselt er die Richtung und den Fuß, der den Ball berührt. Er spielt gute kurze oder lange Pässe und bewegt sich für sein Alter sehr geschickt. Er ist immer anspielbar als Konstante, an die sich Mitspieler halten können. Solche Kicker machen oftmals Spieler um sich herum besser.

Was aber das wichtigste ist: Er trifft öfter richtige als falsche Entscheidungen – hier trennt sich oft die Spreu vom Weizen. Was nützt dem Wunderkind der Übersteiger, der drei Mann aussteigen lässt, wenn die nächste Aktion zum Ballverlust führt? Gilmours Aktionen tun das oftmals nicht, sondern bringen den Angriff meist entscheidende Meter nach vorne.

Gilmour wirkt in jeder Situation, als beherrsche er sie komplett, als entscheide er allein, was mit dem Ball als nächstes geschieht und sogar, als entscheide nur er, ob er ihn auch mal verliert. Diese Haltung zeichnet auch die beiden spanischen Edeltechniker aus, mit denen er verglichen wird. Es liegt eine Eleganz in ihrem Spiel und der kleine Billy Gilmour streichelt den Ball ebenso mit der Sohle wie die Zeremonienmeister. Wem das jetzt zu dick aufgetragen ist, empfiehlt TK doch mal einen Blick hier drauf:

Für die Jugend! Für Schottland!

Woher kommt es den nun auf einmal, dass junge Schotten etwas anderes können, als Kick and Rush und manchmal Aua? Nun, zum einen liegt das daran, dass Gilmours Club seine Prioritäten anders verteilt als andere Vereine.

In der Jugendakademie der Rangers setzen sie nämlich bewusste jüngere Spieler in höheren Altersklassen ein, um sie immer eher und direkter an höheres Niveau zu gewöhnen und einen Vorteil anderen Jungen im selben Alter gegenüber zu haben. Damit kommen zwar viele an ihre Grenzen und scheitern, es zeigen sich aber auch Ausnahmetalente wie eben Billy Gilmour. Und jedem Klub Europas ist ein Jahrhunderttalent lieber als 20 normal gute Fußballer. „Manche Jungs entwachsen ihren Altersklassen einfach“ sagt Schottlands U16 Trainer Brian McLaughlin. Zur Folge hat das aber auch, dass in den Jungendligen deutlich schlechter abgeschnitten wird und oftmals deutlich mehr Spiele verloren als gewonnen werden. Entwicklung geht hier eben vor Erfolg!

Ödegaard lässt Grüßen

Wo geht die Reise nun hin, für den kleinen Billy? Bis er 16 ist, ist er geschützt und an die Rangers gebunden, die wollen ihn halten und viele sind sich sicher, dass Billy „ bei den Profis spielt, bevor er 17 ist“. Seiner Entwicklung würde das bestimmt nicht schaden. Das Norwegische Talent Martin Ödeegard folgte früh dem Ruf des großen Reals und stagniert seither. Für Gilmour wäre ein Verbleib in Schottland wohl nicht die schlechteste Wahl, oder er geht den Weg zu einem kleineren Klub wie seine Landsmannes Burke, der allen Topclubs absagte und in Leipzig Einsatzzeit und Erfolge hat.

Denn die brauchen junge Fußballer. In den Weltklassekadern der Spitzenteams ist oftmals kein Platz für Entwicklung und bei ständigen Leihen fehlt die Perspektive, aber wo Billy Gilmour Weg auch hinführt, er ist jetzt schon auf einem beachtlichen Niveau und hat noch enormes Entwicklungspotenzial. Wie schottischer Whisky kann er also mit der Zeit eigentlich nur noch besser werden.

 

 

 

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