Hochzeiten – Die Stimmung ist euphorisch, die Erwartungen riesig und meist ist immer was geboten. Als Bayer 04 Leverkusen die Verbindung mit Roger Schmidt einging, sah das Anfangs durchaus ähnlich aus. Im Bundesligadebüt Schmidts gegen Dortmund kam man nach neun Sekunden zu einem erfolgreichen Abschluss und damit schneller als jede Hochzeitsnacht. Doch wie in manch einer Ehe, war nach zwei Jahren die Luft raus und es kam zur Trennung vom anfangs so geliebten Trainer.
Das alles trotz Rekordtransfer und eigentlich guter punktueller Verstärkung, zu Beginn der Saison.

Sie hat einen Neuen

Nach der „Scheidung“ von Trainer Schmidt, hatte die Leverkusener Mannschaft schnell einen Neuen. Wie das nun so ist, soll der möglichst schnell die Fehler der Vergangenheit vergessen machen und den Fokus auf die Zukunft lenken. Doch das solche Verhältnisse keine langfristigen Alternativen darstellen, ist jedem der Partner auch in diesem Fall klar. Vor allem nicht, weil die Situation mit Tayfun Korkut – so heißt übrigens der Neue – nicht wirklich besser wurde. Die altbekannten Fehler schleichen sich weiterhin ein und werden langsam zur Routine. Wie bereits in einem vorigen Artikel angesprochen, liegen die Hauptschwächen im Bereich des Verteidigens von Standards, dem Rückgang der Intensität des Pressings, den dadurch entstehenden Problemen im Aufbauspiel und dem allerwichtigsten beziehungsweise lustigsten Punkt, der eklatanten Elfmeterschwäche. Ein Grund von vielen dafür ist auch, dass sich die hoffnungsvollen Neuzugänge allesamt dem mäßigen Mannschaftsniveau ergeben und angepasst haben.

Es wird immer problematischer

Starten wir doch gleich mit der größten Baustelle. Seit Beginn von Schmidts Amtszeit kassieren die Leverkusener Jahr für Jahr mehr Gegentreffer, 40 sind es in dieser Spielzeit bereits. 40! So viele Gegentore bekam die Werkself letzte Saison insgesamt und das Jahr davor waren es nach 34 Begegnungen gerade mal 37 Bälle, die ins eigene Gehäuse gelangten. Dieser Abwärtstrend ist aber nicht an einem Spieler festzumachen, sondern ist ein Kollektivproblem. Ebenso wenig hilfreich, ist dann aber natürlich, wenn der 18 Millionen Euro (!) teure Neuzugang aus Kiew, die größten Fehler macht. Nun muss man Aleksandar Dragovic aber bei aller Kritik auch eine hervorragende Zweikampfquote bescheinigen, denn diese liegt bei über 60 %. Ein Top-20-Wert in der Bundesliga. Nur kommt der österreichische Nationalspieler noch zu selten in die angenehme Situation einen Zweikampf führen zu dürfen, denn dafür ist er häufig etwas zu passiv. Allgemein nahm die Aggressivität der Leverkusener, in Sachen Arbeit gegen den Ball ab. Und wenn sie mal vorhanden ist, z.B. durch Kampl, werden die riskanten Laufwege häufig nicht oder wenn, dann falsch abgesichert. Dadurch entstehen Lücken im Zentrum, die den alleinstehenden Baumgartlinger überfordern.

Nicht zu Multitasking fähig

Gutes Stichwort – Julian Baumgartlinger. Der ist durch die verletzungsbedingten Probleme im zentralen Mittelfeld, durchaus bereits öfter auf dem Feld gestanden. Allerdings sind 14 Bundesligaeinsätze für einen Dauerbrenner, wie den Ex-Mainzer, auch ausbaufähig. Defensive Stabilität und Aufbauspiel, zählen zu seinen Aufgabenbereichen. Das sind gleich zwei. Häufig zu viel für den ebenfalls österreichischen Nationalspieler. Ist er defensiv stark fehlen meist offensive Akzente. Ist er offensiv kaum zu stoppen, ist die Zweikampfquote eher mangelhaft. Dass das aber auch durchaus anders geht, zeigte er regelmäßig in der Championsleague. Nur drei Gegentore in sechs Spielen gab es mit ihm auf dem Platz in der Königsklasse. Auch dank seiner herausragenden Zweikampfquote von 72%. Das Potenzial ist da. Vielleicht ist es ja auch noch im Ligabetrieb abrufbar.

Viel Geduld erforderlich

Ein Jahr verspätet zu Bayer 04, kam Kevin Volland. Der Rekordtransfer, für sage und schreibe 20 Millionen Euro, weckte große Hoffnungen in Leverkusen. Eigentlich stand er schon im Jahr 2015 kurz vor einer Unterschrift, entschied sich dann aber doch in Hoffenheim zu bleiben. Jetzt war Volland endlich da und die Testspieleinsätze vor der Saison versprachen einiges. Aber wie das mit Versprechen so ist, man kann sie nicht immer halten. Der Sohn eines Eishockeyspielernationalspielers besticht zwar durch seinen Charakter, seinen Biss und seine starken Dribblings, nur fehlte sehr lange etwas Entscheidendes – ein Tor. Zwischendurch aufgrund einer Verletzung ausgebremst, musste er bis zum 20. Spieltag warten, bis er das erste Mal für seinen neuen Club einnetzte. Geduld ist nicht immer eine der Stärken in Leverkusen, aber vielleicht lohnt sie sich im Falle Vollands ja. Zwar überzeugte er zuletzt nicht immer, doch wenigstens fängt er jetzt an Tore zu schießen. Drei Treffer in den letzten fünf Partien. Wenn dieser Trend anhält kann man sich in Leverkusen eventuell doch noch über die Investition freuen. Einen starken Offensivpartner hat er auch, mit Leon Bailey. Auch seine Ablösesumme liegt im zweistelligen Millionenbereich, nur lässt sich über die Leistungen des Jamaikaners bei Bayer noch recht wenig erzählen. Außer es gibt jemanden, der nach 27 Minuten seine Qualitäten beurteilen kann, aber da wären wir eher wieder beim Thema Hochzeitsnacht.

Ein Neuer gesucht

Am Ende lief Leverkusens Saison bisher so, wie eine Eheschließung aus dem echten Leben. Überzogene Erwartungen, nichts läuft nach Plan und diejenigen die es richten sollen fehlen dauernd.
Aber jeder Topf hat seinen passenden Deckel und wenn Bayer 04 den passenden für ihren Trainerstuhl zur nächsten Saison findet, findet vielleicht auch die Mannschaft zu alten Qualitäten zurück.

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