3030Der Fußball durchlebt eine Renaissance. Junge Trainer kreieren neue Begriffe und so heißt es heute  nicht mehr „Fehlpass“, sondern „Ballbesitzwechsel“. Gespielt wird „vertikal“ oder „horizontal“ statt „steil“ oder „in die Breite“, „Sprints“ sind „intensive Läufe“ und Bälle, die abprallen und wieder verarbeitet werden, heißen entweder „zweite Bälle“ oder gar wie im Basketball „Rebound“. Nicht jeder Fan mag diese Kunstsprache, andere wiederum machen gerade eine Wissenschaft daraus. Ein eher altmodisches Wort beschreibt einen speziellen Typus des defensiven Mittelfeldspielers und dieser Begriff überlebt offensichtlich: Wir reden vom guten, alten „Staubsauger“. Er charakterisiert den defensiven Mittelfeldspieler, der die Zone vor der Abwehr im Idealfall „sauber“ hält, also dem gegnerischen Angreifer rund 30 Meter vor dem eigenen Tor den Ball klaut oder besser „wegsaugt“.

Der klassische Staubsauger verrichtet also meist Defensivarbeit und hält seinem im Idealfall offensiv stärkeren Kollegen auf der Doppel-Sechs den Rücken frei. Und spätestens seit am Montag bekannt wurde, dass Bayer Leverkusen den Mainzer Julian Baumgartlinger holen wird, freuen sich die Fans auf mehr Freiräume für Charles Aranguiz oder Kevin Kampl, Bayers eher nach vorne denkenden Sechser. Durchaus preiswert, wenn auch nicht ganz billig war der neue Staubsauger mit rund vier Millionen Euro, die Summe stand festgeschrieben in seinem Mainzer Vertrag, der noch bis 2019 gelaufen wäre. Ob er hält, was Bayer sich von ihm verspricht, erfahrt ihr im folgenden Artikel.

Den großen Sprung ganz früh vollzogen

Der gebürtige Salzburger begann seine fußballerische Karriere als 5-jähriger Bub beim USC Mattsee, von wo aus er einen sicherlich risikoreichen Sprung wagte. Gute 160 km nördlich ging es für ihn als 13-Jährigen nicht nur zu einem neuen, großen Verein, sondern gleich in ein anderes Land: beim deutschen Zweitligisten TSV 1860 München durchlief Julian alle Jugendteams, ehe er 2007 den Sprung zu den Profis der „Löwen“ schaffte, von wo er zwei Jahre später nach Wien zur Austria verkauft wurde. Von Deutschland nach Österreich – was von Vielen als Schritt zurück angesehen werden mag, bedeutete für ihn gleich zwei Steps nach vorne: Wiederum zwei Jahre später ging es für ihn zurück in die Bundesrepublik, wo er beim 1. FSV Mainz anheuerte und sich innerhalb kurzer Zeit festspielte. Dass er am Ende Kapitän des Europa-League-Teilnehmers war, zeigt die große Akzeptanz im Verein. Zuletzt machte der kampfkräftige, präsente und kopfballstarke Lockenkopf so sehr auf sich aufmerksam, dass er nun beim Champions League-Teilnehmer Bayer Leverkusen gelandet ist.

Der klassische Staubsauger als Kramer-Erbe

Doch welche Entwicklung nahm Baumgartlinger? Auffallend ist: Es gab keine „Explosion“ bei ihm, alles lief stetig und in ruhigen Bahnen ab. Spektakulär spielte der österreichische Nationalspieler nur selten. Er schießt fast nie Tore, gibt wenig Assists und doch ist er wichtig für jeden Angriff und als unangenehmer Gegenspieler bei jedem Trainer angesehen. Der „stille Kapitän“ bringt Ruhe ins eigene Spiel und Aggressivität gegen den Gegner aufs Feld. Gepaart mit seiner Ballsicherheit eine gute Mischung. Gerade seine physische Stärke ist bei einem hitzigen Spiel Gold wert, er gewinnt die wichtigen Zweikämpfe, obwohl er nur 1, 83 Meter groß ist auch in der Luft, weil er über ein gutes Timing verfügt.

Baumgartlinger ist sicherlich keiner für die Offensive, obwohl er auch die Vorstöße zum rechten Zeitpunkt beherrscht. Gerade das ist wichtig für die Stabilität einer offensivstarken Mannschaft wie Leverkusen sie hat. Zumal seine Ballgewinne nicht selten Ausgangspunkt für gefährliche Gegenangriffe über die schnellen Angreifer sein können. Dies bewies er auch in Mainz, wo Akteure wie Clemens, Malli oder Cordoba profitierten. Seine zwei Tore in 31 Spielen lassen ihn nicht als Tormaschine dastehen und doch war er es, der mit den wichtigsten Treffer markierte – sein 2:1 gegen Schalke war einer der Korkenzieher für Mainz‘ Qualifikation für die Euro League. All diese Attribute lassen darauf schließen, dass sich der EM-Teilnehmer zwar auf die Defensive konzentriert, aber doch nicht offensivscheu ist, immer präsent und mit einer klaren Ansage.

Jedoch ist es eben jene kreative Spielweise, die ihm bei seinem neuen Verein weiterhelfen wird. Mit Christoph Kramer im defensiven Mittelfeld fehlte immer einer mit den zündenden Ideen von hinten heraus, meist spielte daneben Kevin Kampl, der jedoch einige Schwächen in der Physis aufweist und als gelernter Offensiver häufig die defensive Position verließ. Mit Baumgartlingers Verpflichtung schlägt man nun zwei Fliegen mit einer Klappe: Man hat einerseits einen starken Zweikämpfer mit starker Physis, andererseits auch noch ein kluges und vor allem kühles Köpfchen im defensiven Mittelfeld, der die Position hält und diszipliniert in seinem Raum für Ordnung sorgt. Und so kann – wie oben bereits erwähnt – der offensiv bessere Sechser häufiger den Weg nach vorne antreten.

Geht man nun davon aus, dass Kramer im Gegenzug den Verein verlassen wird (was durchaus denkbar ist) hat Leverkusen den Kader ein bisschen älter gemacht. Das ist ein wenig unüblich für den Werksklub, setzen sie dort doch normalerweise sehr gerne auf junge Spieler. Doch auch hier bietet sich eine Chance: Mit dem 28-Jährigen Österreicher bringt man die Erfahrung in den Kader, die in der abgelaufenen Saison häufig fehlte. So kann einer wie Baumgartlinger auch noch als Leitfigur für die „jungen Wilden“ wie Henrichs, Frey, Brandt oder Öztunali agieren. Allesamt können sie von dem Leader profitieren, der in seinem Leben als Grenzgänger zwischen Deutschland und Österreich schon schwierige Wege gehen musste. Baumgartlinger ist in Normalform auf jeden Fall eine Bereicherung für den Kader, der mit ihm durchaus variabler ist und Trainer Roger Schmidt neue Rotationsmöglichkeiten eröffnet.

Vier Millionen als Schnäppchen

Möglicherweise hat Leverkusen mit ihm sogar auf Umwegen noch ein gutes Geschäft vor Augen. Sollte er tatsächlich auch noch indirekt Kramer aus dem Kader verdrängen, würde Bayer sicherlich ein dickes Transferplus verbuchen können. Da er dank der Klausel eben „nur“ vier Millionen Euro kostete, Kramer aber sicherlich jenseits der 10 Millionen Euro bringen wird, winkt hier am Ende noch ein dickes Plus.

Autor: Eliano Lußem

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