Lange wankte die Zukunft von Daniel Didavi wie eine Schiffsschaukel im Freizeitpark. Gedankenspiele beschäftigten den 26-jährigen und ließen ihn an seinen Zukunftsplänen feilen. Im April wurden dann alle Beteiligten informiert: Die Würfel waren gefallen. Didavi verkündete emotional seinen Abschied von der Cannstatter Kurve, fest entschlossen mit dem Klassenerhalt in der Tasche abtreten zu wollen. Die Fanreaktionen überschlugen sich: Drama, Unverständnis und Missgunst machten sich breit. Die Social Media Kanäle wurden zum Schauplatz einer Hetzjagd und einem regelrechten Shitstorm bei dem Bezeichnungen wie „Judas“, „Verräter“, oder Anspielungen auf seine ständigen Verletzungen noch die veröffentlichbarsten unter ihnen waren. Aber was bedeutet neben all dem Trubel der Wechsel eigentlich für Didavi selbst und warum kann er für die Wölfe einen maßgebenden Mehrwert liefern? TK klärt auf.

Eine wahre Seele Stuttgarts – Der Leidensweg hin zum Kommerz

Aus dem Schatten Stuttgarts, träumt der junge Roßdorfer vom großen Vfb. Das Kicken begann frühzeitig für den kleinen Daniel, der schon zu frühen Kindertagen beim Heimatklub SPV 05 Nürtingen auf sich aufmerksam zu machen wusste. Mit sieben Jahren erfüllte sich der Anfang seines Traums. Einmal in der Mercedes Benz Arena seinen Helden zujubeln, das war der Plan hinter der 30-minütigen Autofahrt zu den Jugendtagen des Vfb, bei denen jeder Teilnehmer zwei Karten für ein Heimspiel bekam. Sofort wusste er zu überzeugen und strich neben den Tickets auch noch einen Platz in der renommierten Jugendakademie ein. Danach ereignet sich ein für jeden von uns bekanntes Szenario: Schulranzen in die Ecke und ab auf den Bolzplatz. Jugend geht vor Zukunft, Spaß ersetzt Fleiß und Hobby schlägt Schule. Fast hätten ihn schlechte schulische Leistungen seine Chance auf den großen Sprung gekostet und bescherten ihm eine einjährige Pause, da ihm seine Eltern Grenzen aufzeigen wollten. Der junge Daniel riss das Ruder herum und verdiente sich die restliche Zeit in der Jugend seines Lieblingsvereins. Ab dem Sprung in die Herrenabteilung kommt allerdings seine Karriere ins Stocken. Meniskusriss, Knorpelschäden, Muskelbündelriss und diverse muskuläre Probleme schmeißen Didavi im Laufe seiner Profilaufbahn immer wieder aus der Spur. Zwischen Pechvogel und Boxsack. Immer wieder kämpft er sich zurück und weiß für seinen sportlichen Durchbruch ausgerechnet beim 1. FC Nürnberg zu sorgen. Mit einem starken Jahr empfiehlt er sich für den Stammkader der Schwaben und wird prompt zurückgeholt um ein festes Glied der Mannschaft zu werden. Mit den Cannstättern wird Didavi zum absoluten Experten was Klassenerhalt angeht, bis er in seiner letzten Saison für den Verein, auch seine gleichzeitig bittersten Stunden im Zuge des Abstiegs in die 2. Bundesliga hinnehmen muss. Nun gilt es sich beim Großkonzernklub aus Wolfsburg zu beweisen und für die Ziele nicht in Richtung Tabellenkeller zu blicken, sondern die Plätze im oberen Drittel anzupeilen. Europa heißt die ausgeschriebene Mission und Didavi soll nun als ablösefreier Spitzenmann dabei helfen. Auch gerade aufgrund seiner Entscheidungen sich den Wölfen anzuschließen, wird nach der offiziellen Wechselbestätigung auch der „Söldner“ laut und schreibt seinen Wechsel dem Geld und dem fußballerischen Kommerz zu.

Das kreative Leck – Didavi als Heilsbringer?

Neben der Vielzahl seiner Verletzungen wusste der Ex-Schwabe auch durch andere Aspekte aufzufallen. Nicht nur seine schon oben angedeutete Geduld, Beharrlichkeit und mentale Stärke, sondern auch spielerische Merkmale machen ihn zu einem äußerst interessanten Mann für den verschärften Wolfsburger Weg. Seine wohl beste und wichtigste Eigenschaft für die nächste Spielzeit wird seine Vielseitigkeit sein. Über eine lange, kräftezehrende Saison werden Ausfälle und Erschöpfung im Dornenkrieg nach Europa zu kompensieren sein. Didavi kann über beide Flügelpositionen hinweg auch eine zentrale Rolle im offensiven Mittelfeld einnehmen und zusätzlich, das ist das entscheidendste, eine Falsche-9 bekleiden. Seine kreativen Momente im Spiel waren für die Stuttgarter in der Vergangenheit elementare Aktionen um die sonst qualitative unterbesetzte Mannschaft in einem Schwung mitzunehmen. Verfeinert wird diese, bei den Wölfen sehr rare Eigenschaft, durch eine saubere Technik und den daraus folgenden Dribblings, um Räume für seine Nebenleute zu öffnen und sein sehr uneigennütziges Spiel auf den Rasen zu bringen. Hinzukommt, dass er auch abseits des offenen Spiels eine Waffe sein kann. Seine Standards kommen sehr variabel und gut getimed. Gerade bei einem Verbleib von Bas Dost und dessen mächtiger Kopfballpräsenz könnte dies, vor allem bei tiefstehenden Gegnern, eine Option sein den Abwehrriegel zu knacken.

Jede Medallie hat jedoch auch ihre Kehrseite. Mit „Dida“ kommt zwar nationale, allerdings keine internationale Klasse, beziehungsweise Erfahrung. Einen absoluten Leader, wie es einst De Bruyne war, darf niemand erwarten. Didavi ist zudem für seine 1,80 Meter auch kein Sprintwunder. Vor allem im Antritt wirkt er im Laufe des Spiels zunehmend behäbig und nicht spritzig genug. Auch im Spiel gegen den Ball scheint er oft zaghaft und nicht entschlossen genug, den Positionsgewinn um jeden Preis für sich entscheiden zu wollen. In der Vorbereitung wird ein gesonderter Fokus auf seiner Fitness liegen, die es gilt verletzungsfrei auf Vordermann zu bringen, da ihn seine vielen Verletzungen immer wieder zurückgeworfen haben. Als Offensivallrounder wird er allerdings bei Dieter Hecking ohnehin seine rotationsbedingten Auszeiten erhalten, die er bei den Schwaben nicht hatte.

Schwellenprojekt Wolfsburg als Stolperstein?

Dem Vfl steht ein kleinerer Umbruch bevor. Die Finanzkrise des VW-Konzerns wiegen scher und Europa wurde kläglich verpasst. Die vergangene Spielzeit war ein Trauerspiel. Didavi war der erste Transfer für die neue Saison und gleich einer der polarisiert. Die Frage die sich stellt: War es für ihn sportlich der richtige Schritt und kann er das kreative Loch der Wölfe stopfen? Die Antwort kann bis dato noch nicht vollständig gegeben werden. Die Wölfe haben mit ihm und Gerhardt zwei Akteure für das Mittelfeld verpflichtet, ein Kruse-Ersatz für die Spitze wird noch gesucht. Mit Arnold und Draxler stehen zwei weitere Konkurrenten bereit und noch ist nicht abzusehen, ob nicht noch ein weiterer Mann für die Spielzentrale geholt wird. Neben all diesen Überlegungen ist nur eines sicher: Didavi wird spielen! Dafür sorgt die Rotation Heckings, die zweifelsohne auch Bestandteil der nächsten Saison sein wird. Die Zehnerposition ist zudem vakant. Ein Arnold und Gerhardt sind eher Kandidaten für eine offensive Sechs, beziehungsweise eine Achterposition im Halbraum. Sollte kein spielstarker Kruse-Nachfolger gefunden werden, ist sogar eine Planung mit Didavi als Falscher-Neun denkbar. Wie man es dreht und wendet, gehen Hecking die Optionen und Positionen für ihn nicht aus. Allein seine Auftritte in der Vorbereitung und dem ersten Teil der Saison werden in Kombination mit seinem Fitnesszustand entscheiden, wo der Weg für ihn hingeht. Die Möglichkeiten sind gegeben, nun ist es an ihm sich dauerhaft zu empfehlen!

 

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