Im Sommer verstärkte sich die Berliner Hertha nur auf wenigen Positionen. So kamen Alexander Esswein von Ligakonkurrent FC Augsburg für die Außenbahn und das Ausnahmetalent Odrej Duda für das offensive Mittelfeld. Ein weiterer Neuzugang, der bisher etwas unter dem Radar fliegt, ist der Brasilianer Allan Rodrigues de Souza. Der zentrale Mittelfeldmann, der in bester brasilianischer Manier die Kurzform Allan bevorzugt, wurde für ein Jahr vom FC Liverpool ausgeliehen. Obwohl er bisher nur auf 250 Einsatzminuten in der laufenden Saison kommt, bringt er gehörig Vorschusslorbeeren mit in die Hauptstadt. TK hat sich mit seiner heutigen Analyse angeschickt, Herthas etwas anderen Brasilianer vom Zuckerhut unter die Lupe zu nehmen und euch zu verraten, warum gerade er in Zukunft der entscheidende Zuckerwürfel im Tee der Alten Dame Hertha sein könnte.

Allan Alien, oder: Ausnahmetalent im Wartestand

Geboren in Porto Alegre, entstammt Allan der Jugend des SC Internacional Porto Alegre. Der Hauptstadtklub der brasilianischen Provinz Rio Grande de Sul dürfte den meisten Fussballfans durch seinen Titelgewinn der FIFA Klub-Weltmeisterschaft 2006 ein Begriff sein. Die wohl bekanntesten Eigengewächse des Klubs dürften Alexandre Pato und der Ex-Bundesligaprofi Lucio sein, doch auch Ailton, Tinga oder Altmeister Diego Forlan liefen in ihrer Karriere schon für den Klub auf. Das letzte große Talent, das den Sprung in den internationalen Fußball schaffte, ist Inter Mailands Juan Jesus. Lange Rede, kurzer Sinn: Der SC Internacional ist eine angesehene Adresse für internationale Scouts und einer der erfolgreichsten Ausbildungsvereine in Brasilien.

So verwundert es wenig, dass Allans Qualitäten auch den Beobachtern des FC Liverpools beim Frenz-International-Cup in Indonesien im Januar 2015 derart imponiert haben, dass sie ihn schließlich im September des gleichen Jahres nach kurzem Vorspiel an die Anfield Road lotsten. Allans Traum von der Premier League schien wahr zu werden. Ähnlich des Karriereverlaufes vieler Jungtalente, den man in der neusten Auflage einer bekannten Fußballsimulation am Controller nachvollziehen kann, traten jedoch Komplikationen auf. Da Nicht-EU Ausländer (im englischen Sprachgebrauch auch aliens genannt) in der Premier League nur dann eine Spielerlaubnis erhalten, wenn sie aktuelle Nationalspieler eines der Top-70 Länder der FIFA Weltrangliste sind und 75 Prozent der Länderspiele innerhalb der letzten 24 Monate absolviert haben, erhielt Allan zunächst keine Spielerlaubnis – hier könnte nur ein Ausnahmeantrag helfen. Obwohl sich Ikonen wie Arsene Wenger, dessen Verein FC Arsenal an einer Verpflichtung des Brasilianers Gabriel Paulista interessiert war und auf gleiche bürokratische Barrikaden stieß, für eine Aufhebung dieser Begrenzung stark machen, verfolgt die FA gleichsam eine Reduzierung, um eigene Talente stärker zu fördern.

Allans Odyssee nahm ihren Lauf: Er wurde prompt an den finnischen Erstligisten Seinäjoen JK verliehen, dem er im Saisonendspurt mit sieben Torbeteiligungen in acht Spielen zum Meistertitel verhalf. Nachdem er wieder nach Liverpool zurückgekehrt war und erneut keine Spielberechtigung erhielt, schloss er sich kurzzeitig dem VV St. Truiden aus Belgien an. Alle guten Dinge sind drei: Da Allan die Bedingungen im Sommer 2016 noch immer nicht erfüllte, schlug schließlich die Berliner Hertha zu.

Herthas Raposa Brasileira – der brasilianische Fuchs

Man könnte durchaus auf die Idee kommen, dass Allan von uns als Ausnahmetalent bezeichnet wird, weil Jürgen Klopp große Stücke auf ihn hält oder Liverpools Mittefeldmann und Allans neugewonnener Freund Lucas Leiva ihm großen Erfolg an der Anfield Road zutraut – und das will etwas heißen, schließlich stammt Lucas aus der Jugend von Gremio Porto Alegre, Internacionals größtem Lokalrivalen. Das ist bei Weitem jedoch nicht alles, denn letztlich haben wir uns seine Spielweise in der Jugend von Internacional und in Seinäjoen genauer angeschaut.

Allan, der von bekannten Fußballportalen gerne als zentraler oder defensiver Mittelfeldspieler charakterisiert wird, ist nur schwer zu fassen. Auf dem Feld pendelt er oft zwischen den Positionen, die jeder Fußballehrer mit den Ziffern 6, 8 und 10 versehen würde – auffällig dabei ist, dass er Qualitäten für jede der drei Positionen mitbringt, weshalb er sich von uns das Prädikat Ausnahmetalent verdient hat. Im zentralen Mittelfeld weiß Allan durch eine starke Ballbehauptung und -kontrolle sowie ein sicheres Passspiel als Vorlagengeber zu überzeugen. Durch seine gute Technik konnte er seine Mitspieler dabei in der Vergangenheit gekonnt in Szene setzen.
Die Achter-Position ist laut TK Analyse auch Allans Paradestück: am stärksten agiert er, wenn er sich ins Halbfeld fallen lassen kann, um durch ein gekonntes Stellungsspiel und eine bissige, zwar manchmal überhitzte, jedoch oft äußerst intelligente Verteidigungsweise den Gegner bei eigenem Ballbesitz unter Druck zu setzen und ihm den Ball abzuluchsen. Aus der Tiefe um den Mittelkreis kommend, besticht Allan durch präzise lange Pässe und Spielverlagerungen. Obwohl das clevere Zweikampfverhalten des brasilianischen Fuchses in unseren Videoanalysen am deutlichsten hervorsticht (was ihn auch als offensiv ausgerichteten Sechser prädestiniert), verfügt Allan ebenfalls über ausgeprägte Fernschussqualitäten und einen guten Zug zum Tor. In der jüngsten Bundesliga-Geschichte wäre er wohl von der Spielweise am ehesten mit einem dynamischeren Luiz Gustavo, oder einem technischeren Granit Xhaka zu vergleichen. Wer noch nicht überzeugt ist, dem sei folgendes Video ans Herz gelegt:

Seine Spielweise lässt jedoch auch Rückschlüsse darauf zu, warum es ihm in Berlin bislang schwer fällt sich durchzusetzen. Im zentralen Mittelfeld hat er mit Vladimir Darida einen der wohl besten Bundesligaspieler auf seiner Position als Konkurrenz, Per Skjelbred sichert daneben meist auf der Doppelsechs ab. In der Jugend desSC Internacional war Allans Spiel ebenfalls mit sehr vielen Freiheiten im Positionswechsel ausgestattet – undenkbar bei Disziplin-Fanatiker Dardai. Diese Schwierigkeiten und Akklimatisierungsprobleme in den Bereichen Spielsystem und Körperlichkeit lassen Allan bisher schwächer erscheinen als er tatsächlich ist – viel halten sie in der Hauptstadt trotzdem von ihm.

Zielhafen Hertha oder Liverpool?

Wie es mit dem jungen Brasilianer weitergeht ist noch nicht abschließend geklärt – Klopp sieht ihn langfristig in Liverpool und Allan möchte nach eigener Aussage in Zukunft an der Anfield Road auflaufen. Im Klopp’schen System könnte er bei Liverpool eine Alternative für die Zentrale darstellen, das intensive Pressing kommt dabei seiner Spielweise zu Gute. Offen bleibt die Frage ob und wie Allan eine Spielerlaubnis erhält, von der gesetzten Marke ist er trotz Berufung in die U20 seines Landes noch weit entfernt. In Berlin erhofft man sich jedoch eine längere Beschäftigung des Juwels, ein ausgedehntes Leihmodell scheint derzeit möglich. Wie genau Allans Zukunft auch aussehen mag, den Zuspruch der Brasilien Connction um Lucas Leiva, Roberto Firmino und Philippe Coutinho hat er gewiss.

 

 

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