Ungeschlagen auf dem zweiten Tabellenplatz: Die Rede ist nicht etwa von Borussia Dortmund, sondern von RB Leipzig.  Auch wenn der potentiell begeisternde RB-Fußball nicht jeden begeistert, erregt er zwangsläufig eines jeden Aufmerksamkeit, der sich zumindest ein wenig mit der Bundesliga beschäftigt. Das Erfolgsrezept von Ralf Rangnick und Hasenhüttel sind talentierte, formbare Spieler, die den Kollektivgedanken leben. Und auch wenn dieses Konzept bisher sehr gut aufgeht, weiß man gerade bei RB: Stillstand ist Rückschritt. Weshalb zahlreiche Scouts auf Fußballplätzen weltweit unterwegs sind und Spieler suchen, die ins Format passen. Transfers wie die von Burke oder Keita waren nicht Transfers der großen Namen, sondern ein Beleg für das ausgezeichnete Scoutingsystem der roten Bullen, die immer wieder auch Spieler an Land ziehen, mit denen man auf den ersten Blick nicht rechnen würde. Transferkritiker gibt euch den zweiten Blick.

1. Vasil Kusej – 16 Jahre, SG Dynamo Dresden

Seit der tschechische U17-Nationalspieler Ende September einen Fördervertrag bei der SG Dynamo Dresden erhielt, dürften die Chancen auf eine Verpflichtung stark gefallen sein. Vasil Kusej steht mit 10 Toren auf dem zweiten Platz der Torjägerliste der B-Junioren Bundesliga Nord/Nordost, was das Resultat seiner geradlinigen, abgeklärten Spielweise ist. Der 16-Jährige, der für sein Alter eine scheinbar erstaunliche emotionale Stabilität mitbringt, ist nicht erst jetzt Thema für die Nachwuchsplanung von RB Leipzig, die in der Region sicherlich die optimalsten Bedingungen bieten. Durch die Bindung an Dynamo kann der Transfer aber relativ teuer werden – nicht das Problem von RB, vielmehr: Der Transfer könnte hohes Aufsehen erregen und den Spieler belasten. Es bleibt festzuhalten: Leipzig kann den Spieler nur wollen, Dynamo will ihn auf keinen Fall hergeben. Ausschlaggebend für einen Erfolg des Transfers ist also vor allem der Spieler. Will er unbedingt zu Leipzig, dann funktioniert das Geschäft. Ist dieser unbedingte Wille nicht da, selbst wenn er grundsätzlich einen Wechsel befürworten würde, wird RB das Risiko zu groß sein.

2. Romuald Lacazette – 22 Jahre, TSV 1860 München

Als der Cousin von Lyon-Torjäger Alexandre Lacazette in der letzten Saison nach München wechselte, fühlten sich viele Löwen-Fans, die ohnehin eine wenig erfolgreiche Transferpolitik gewohnt sind, an das wirkungslose Intermezzo des Messi-Cousins vor einigen Jahren erinnert. Doch bei Lacazette liegen die Karten anders: Der Franzose, der von der zweiten Mannschaft von PSG in die zweite Liga wechselte, hatte zwei Mal ärgerliches Verletzungspech, wenn er fit war, ließ er sein Können aber aufblitzen: Ein defensiver Mittelfeldakteur, der unglaublich dynamisch und zweikampfstark ist. Sein offenes, aggressives Auftreten erinnert mitunter an Bayerns Sanches, Lacazettes Nachteil ist aber, dass er in einer Mannschaft spielt, die ein wenig Risiko schlecht verträgt. Die aktuelle tabellarische Situation beim TSV 1860 verbietet Experimente, auch die taktische Kooperationsnotwenigkeit von Lacazettes Mitspielern spricht gegen ihn. Daniel Bierofka nannte den Franzosen unlängst ein ,,Tier“, Ralph Hasenhüttel, personifizierter Vollgas-Kollektiv-Kompromisslos-Fußball, wird sich die Finger nach ihm lecken. Die Chancen auf einen Transfer stehen wirklich nicht schlecht.

3. Renzo Ramirez – 20 Jahre, Danubio F.C.

Der nächste, der altersmäßig eigentlich schon durch das Raster der RB-Scouts rutscht. Doch Ramirez ist ein interessanter Kandidat für die Innenverteidigung der roten Bullen, die wohl in Bälde externe Verstärkung für diese Position transferieren werden. Der blonde Uruguayer hat zu dieser Saison den Durchbruch geschafft und spielt regelmäßig für Danubio, wo man punktgleich mit dem Tabellenführer auf dem zweiten Platz steht. Und der südamerikanische Klub hat sich einen Namen als Talentschmiede gemacht: Atleticos Innenverteidiger Jose Maria Gimenez kam von Danubio, ebenso Spieler wie Edinson Cavani, aktuell steht der erst 17-jährige Joaquin Ardaiz (6 Spiele, 3 Tore, 2 Vorlagen) hoch im Kurs: Angeblich bemühen sich Barcelona, Liverpool und Chelsea um Ramirez Teamkollegen.
Den Leipzigern wird das nicht entgangen sein, doch in ein Wettbieten um so einen Spieler einzusteigen, passt überhaupt nicht in die Philosphie von RB. Zudem ist der Offensivbedarf im Kader in dieser Altersklasse gedeckt, Ramirez ist da um einiges interessanter und, dass der Innenverteidiger den europäischen Fans weitgehend unbekannt ist, darf als großer Vorteil angesehen werden.

4. Duje Caleta-Car – 20 Jahre, FC RedBull Salzburg

Die zweite mögliche Innenverteidiger-Option und sportlich ganz klar die risikoärmere Lösung. Der junge Kroate liefert in Salzburg gute Leistungen ab, kennt die RB-Philosophie und bräuchte somit deutlich weniger Eingewöhnungszeit und sportliche Umstellung als Renzo Ramirez. Das große Aber: Transfers zwischen Salzburg und Leipzig sind vor allem bei den Österreichern mittlerweile überhaupt nicht mehr gern gesehen, der Bundesliga-Zweite hat wohl keine Lust mehr auf Unstimmigkeiten, erst Recht nicht, wenn diese publik gemacht werden. Es wird spannend sein, inwiefern das Verhältnis zwischen sportlicher Sinnhaftigkeit und Querelen-Gefahr des Transfers am Ende interpretiert wird, der Spieler wird am Ende auch ausschlaggebend sein. Denn der Kroate hat ein Format, das langfristig zu groß für die österreichische Liga ist. Eine RB-Zwickmühle sozusagen, die mit den monetären Mitteln, die zur Verfügung stehen sowie der ja eigentlich harmonischen internen Stimmung (die zur Not durch personelle Rotation herzustellen ist) aber als lösbar gelten kann.

5. Andrej Startsev – 22 Jahre, TSV Havelse

Dieser Name überrascht dann doch. Augenscheinlich konnte sich der Deutsch-Kasache zuletzt nicht durchsetzen beim FC St. Pauli, war vereinslos, und kickt jetzt in der Regionalliga Nord – doch schaut man genauer hin, war er zu einer Zeit des Umbruchs kurz vor dem Durchbruch. Die Dinge liefen dann aber unglücklich gegen ihn. Der Außenverteidiger hat in seinen wenigen 2. Bundesliga-Minuten aber gezeigt, dass er es kann. Dass er jetzt in Havelse beim 7. Platz der vierten Liga kickt, sollte nicht über das Potential des ehemaligen U21-Nationalspieler Kasachstans hinwegtäuschen. Im Gegenteil: Dass Startsev einen neuen Anlauf wagt und einen Schritt zurückgeht, ist ihm als vernünftig anzurechnen. Ein Spieler wie er könnte ein ideales Back-Up zu Marcel Halstenberg, Leipzigs einzigem nominellen Linksverteidiger, bilden. Diesen kennt Startsev übrigens aus seiner Zeit vom Kiez. Ein Transfer würde also auf den ersten Blick überraschen, auf den zweiten aber durchaus Sinn ergeben.

 

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