SV Darmstadt 98 – eine Erfolgsgeschichte wie vom Tellerwäscher zum Millionär und doch ist der Gang ins Stadion wie eine Zeitreise zu längst vergessenen Tagen, verglichen mit den großen, aber sterilen Fußballarenen. Das Moos wächst auf den Stehplatzrängen im Gästeblock, kein Dach was den Auswärts-Fan vor Wind und Wetter schützt und der Stadionsprecher warnt die Zuschauer auf der Haupttribüne mehrmals, dass es zu Sichteinschränkungen kommen kann. Eine Choreo war geplant, mit großem Stolz verkündet und irgendwie war mir der Verein mit seiner liebevollen, traditionellen Art ungemein sympathisch als ich Anfang 2014 im Gästeblock des Böllenfalltors fror und Darmstadt 98 in der 84.Minute durch Stroh-Engel wiederholt siegen sah. Am Ende stand der 2.Liga-Aufstieg, doch diese Saison war nur ein konsequenter Zwischenschritt, der bereits viel früher begonnen hat. Wo Darmstadt 98 vor 5 Jahren sportlich war und welche Entwicklung man nahm, im folgenden Artikel.

Momentane Situation

Mit dem sensationellen Aufstieg in die Bundesliga kehrte man nach 33 Jahren wieder zurück ins Fußball-Oberhaus. Man galt von vornerein als krasser Außenseiter, von Experten und Journalisten in einem Atemzug mit vergangenen Außenseiter wie Fürth, Braunschweig und Co. genannt. Diese Rolle als David gegen Goliath, nahm man dankend an, verstärkte sein Team im Gegensatz zu anderen kleinen Vereinen der Vorjahre, vorwiegend mit bundesligaerfahrenen Spielern mit Karriere-Knick. Dieser Plan sein Aufstiegsgerüst somit in Breite und Spitze zu verstärken, ging auf, man brachte seine Grundtugenden der Leidenschaft, Kampfbereitschaft und routinierten Defensivarbeit auf den Platz. Viele Spieler wie Niemeyer, Rausch oder Wagner blühen in dieser Saison auf und besonders letztgenannter Spieler, wird nun mit englischen Vereine für die kommende Transferperiode in Verbindung gebracht. Zum Hinrundenabschluss muss man jetzt noch nach Gladbach, die nach ihrer fulminanten Siegesserie, zuletzt eher schwächere Auftritte abgeliefert haben. Egal wie das Spiel endet: Man kann nicht auf die Abstiegsplätze abrutschen, hat den 13.Tabellenplatz sicher und kann bei einem Sieg sogar auf Platz 11 springen. Außerdem beendet man die Hinrunde vor dem großen Konkurrenten Eintracht Frankfurt in Hessen, sodass sicherlich alle Fans im Fanlager der Lilien, diese Platzierung vor der Saison mit Kusshand angenommen hätten.

Wie sah es vor 5 Jahren aus?

Vor 5 Jahren ging man in die dritte Saison in der viertklassigen Regionalliga Süd. Nach zwei bescheidenen 15.Tabellenplätzen, ging auch der Start im Heimspiel gegen Pfullendorf kläglich verloren, doch stand man nach dem letzten Vorrundenspiel in der Saison 2010/11 gegen die SG Sonnenhof Großaspach auf dem zweiten Tabellenplatz. Eine Zeit, wo der Trainer noch Kosta Runjaic hieß und Markus Brüdigam, Sascha Amstätter, Uwe Hesse und Oliver Heil zu den wichtigsten Spielern in Darmstadt gehörten. Besonders der gebürtige Darmstädter Oliver Heil erwies sich mit seinen 12 Saisontoren neben Sven Sökler und Yannick Stark, in seiner ersten tragenden Saison, als offensives Schwungrad. Die Erfolgsserie der Hinrunde setzte sich fort und am Ende der Saison stand mit 62 Punkten als Tabellenführer ein ungefährdeter Aufstieg in die 3.Liga auf der Habenseite. Am letzten Spieltag gegen Memmingen kamen dann 17.000 Leute ins Stadion und feierten ausgelassen nicht nur den 4:0 Sieg, sondern die Rückkehr in den Profifußball.Ein großer, unerwarteter Erfolg, der sich in den kommenden Jahren noch steigern lassen sollte…

Höhen und Tiefen der vergangenen Jahre

Wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten und als man nach dem mühsamen Klassenerhalt 11/12, zur neuen Saison schnell den Abgang von Runjaic zum MSV Duisburg beklagen musste, übernahm Seeberger, doch floppte total, sodass Dirk Schuster als Nachfolger alles versuchte um Darmstadt vom letzten Tabellenplatz Richtung Klassenerhalt zu führen, doch beendete man die Saison auf dem 18.Tabellenplatz und war sportlich abgestiegen. Durch den Zwangsabstieg von Kickers Offenbach durfte man dennoch in der Liga bleiben und die Fans, sowie Verantwortlichen und Spieler wischten sich nicht wenige Schweißperlen von der Stirn. Diese sportliche Grenzerfahrung setzte ungeahnte Kräfte frei und schweißte das Team noch weiter zusammen, sodass man zur Saison 2013/14 direkt vor dem Ligastart Bundesligist Borussia Mönchengladbach aus dem Stadion fegte und sich ein wahrer Hexenkessel bildete. Mit einer wahnsinnigen Siegesserie, einem glänzend aufgelegten Dominik Stroh-Engel, der mit 27 Toren Torschützenkönig wurde und einem unvergleichlichen Teamgeist erreichte man den Relegationsplatz, allerdings zur zweiten Bundesliga. Aytac Sulu, Jerome Gondorf, Marco Sailer – alles Spieler, die noch heute bei Darmstadt spielen, waren damals Leistungsträger. Dort traf man auf Arminia Bielefeld und diese beiden Spiele wären für Diabetiker ein Bad im Schokobrunnen – ein Nervenkitzel par excellence. Nach einem 1:3 im Hinspiel ließen bereits viele Leute die Köpfe hängen, doch im Rückspiel erreichte man die Verlängerung und als dann in der 124.Minute Elton da Costa traf, war es auch ein Schuss ins Herz der Fans. Ein Schuss ins Herz der Fußball-Traditionalisten schaffte man dann auch in der folgenden Saison und es gelang der Durchmarsch in Liga 1, mit einem sehr begrenzten Budget und ließ Vereine wie RB Leipzig hinter sich, sodass für die Sachsen nur die staunende Holzmedaille im Kampf ums Oberhaus übrig blieb.

Fazit

SV Darmstadt hat in den vergangenen acht Jahren mit dem Gang von der Hessenliga bis zur Bundesliga, eine derartige Erfolgsgeschichte geschaffen, dass sich selbst in Amerika größenwahnsinnige Unternehmer ungläubig die Augen gerieben hätten. Vor 5 Jahren startete man die entscheidenden sportlichen Aufstiege, bildete als gallisches Dorf und notorischer Underdog ein festes Fundament im Team, um Säulen wie zum Beispiel Kapitän Aytac Sulu und zeigt, dass man auch ohne Investoren oder teure Spieler, mit Plan, Leidenschaft und Herzblut viel erreichen kann. Darmstadt besitzt keine piekfeine Multifunktionsarena, wo sich die Event-Fans den Bauch mit Kaviar füllen, sondern strahlt auch heute noch den Charme von wahren, traditionellen Werten aus und das sowohl sportlich, als auch im Umfeld und im Stadion. Der Wind pfeifft auch in diesen Tagen durch die mit Logos aufgenähten Jeanskutten der Gästefans und das Moos wächst auf den Stehplatzrängen, genau wie damals in der Hessenliga und Regionalliga Süd. Wer weiß, welche sportlichen Erfolgsgeschichten in Zukunft noch geschrieben werden?

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