Ruhe, Schnee, Besinnlichkeit. Weihnachten steht vor der Tür. Die Weihnachtsmärkte in Charlottenburg, Lichtenberg und in der restlichen Hauptstadt erstrahlen in vollem Glanz. Doch irgendwas ist anders als im letzten Jahr. Anstatt von dicken Mänteln tragen die Leute, die am Kuhrfürstendamm spazieren gehen, leichte Jacken. Einige Mutige trauen sich sogar ohne Jacke auf die Straße. Es ist warm. Anstatt von Weihnachtsbäumen und Glühwein könnte man die Geschenke auch unter Palmen legen und sich gepflegt ein gekühltes „Berliner Pilsner“ einverleiben. Eine ungewohnte Situation für die Berliner, doch nicht so ungewohnt und überraschend wie das Überwintern der Hertha auf einem Championsleague-Platz.

 

Momentane Situation

„Läuft bei dir!“ diesen Satz verwenden Jugendliche um den Erfolg einer anderen Person zu honorieren. Derzeit läuft es auch bei der Hertha. Die alte Dame hat sich kurz vor Ende der Hinrunde Platz drei unter den Nagel gerissen und lässt diesen freiwillig vorerst nicht los. Ein ungewohntes Gefühl für die Hertha, letzte Saison fast noch abgestiegen, heute von Europa träumen. Wie der Phönix aus der Asche kam die Hertha zurück in die neue Saison und eroberte die Herzen ihrer Fans zurück. Der Fußball der momentan im Olympiastadion gezeigt wird, ist mit dem leblosen Rumgebolze der Vorsaison nicht zu vergleichen. Darida, Weiser und Ibisevic sind daran maßgeblich beteiligt, dass die „alte Dame“ ihren zweiten Frühling erlebt. Die Mannschaft ist stabil, gerade wegen der sinnvollen Transfers. Preetz setzte hierbei auf Stabilität durch Qualität, was sich auszahlt. Vor allem Weiser hebt Michael Preetz und seine Transferpolitik in den siebten Himmel. Hinten solide, vorne gefährlich. So beschreibt man die Hertha derzeit wohl am besten. 29 Punkte, die drittbeste Abwehr und die fünftbeste Offensive stellen die Hauptstädter derzeit. Trainer Pal Dardai hat die richtige Peitsche für seine Hertha gefunden. Aufopferungsbereitschaft und Kampfbereitschaft, das was das ehemalige ungarische Raubein auszeichnete, steckt nun tief in den Dogmen der Hertha. Mit dieser Spielweise und dem derzeit durchaus verdienten dritten Platz stimmt die Hertha ihre Fans für das durchwachsene Fußballjahr 2015 versöhnlich. Das Leuchten in den Augen der Hertha Fans ist zurück.

Doch wie sah es vor fünf Jahren aus?

33 Punkte nach 17 Spieltagen. Leidenschaftlicher Fußball, unterstützende Fans und Pal Dardai auf der Bank. Anscheinend lief es damals bei den Berlinern ähnlich gut wie heute. Das Funkeln in den Augen der Fans und die großen Träumen erloschen jedoch für die Saison 2010/2011. Die Hertha dominierte in den meisten Spielen, machte eine gute Figur und sicherte sich zum Ende der Rückrunde den 3. Platz …. in der zweiten Fußballbundesliga. Fußballdeutschland war ohne Hauptstadtclub. Als einzige Liga im europäischen Fußball war die Bundesliga ohne erstklassigen Vertreter der Hauptstadt. Der Verlust des Traditionsclubs schmerzte nicht nur in der Berliner Seele. Vorrausgegangen war eine desaströse Saison 2009/2010 in der die alte Dame sang- und klanglos unterging. Auch Pal Dardai, der zu diesem Zeitpunkt noch als Spieler für die Hertha aktiv war konnte die „alte Dame“nicht vor ihrem tiefen Sturz bewahren. Doch vor genau fünf Jahren schöpften die Hertha-Anhänger wieder neue Hoffnung. Mit Pierre-Michel Lasogga, Adrian Ramos, Raffael, Ronny etc. verfügten die Hauptstädter über einen sehr starken Kader, der jedwede Zweifel an einem Wiederaufstieg im Keim erstickte. Auch wenn es für die Fans nicht das schönste Kapitel in der Vereinshistorie ist, so konnten die Herthaner die Saison doch mit einem Schmunzeln beenden. Souverän beendete man die Saison als „Zweitligameister“ und man durfte namenhaften Spielern wie „Zecke“ Neuendorf und Pal Dardai ein letztes Mal beim aktiven Kicken zugucken.

Höhen und Tiefen der vergangenen Saisons

Das Schmunzeln der Herthaner währte nicht lange. In der darauffolgenden Saison musste man sich in zwei höchst spannenden und von vielen Zwischenfällen geprägten Relegationsspielen der Fortuna aus Düsseldorf beugen und wieder die Reise in Liga 2 antreten. Für die Hertha-Fans war das alles andere als spaßig, zumal die Offensive, die die Hertha einst wieder in die erste Liga brachte aufgelöst werden musste. Patrick Ebert und Raffael verließen die Hertha, es blieb ein Loch, welches die Hertha allerdings an einem Durchmarsch in Liga zwei hindern konnte. Es erfolgte wieder der direkte Wiederaufstieg. Durch die Saisons hindurch hatte die Hertha immer wieder Qualitätseinbußen, welche nie zu 100% kompensiert worden sind. Die Abgänge von Lasogga, Ramos, Raffael hinterließen tiefe Lücken innerhalb des Kaders, weswegen die Hertha bis zur letzten Saison immer wieder abstiegsgefährdet war.

Oftmals hört man Stuttgart-Fans oder Hamburg-Fans jammern, welche Leiden man als Anhänger dieser beiden Klubs erleiden muss. Doch die Hertha-Fans sind es, die wirklich gelitten haben. Zwei Auf-/Abstiege innerhalb von fünf Jahren ließen selbst die härtesten Berliner Fans mächtig zweifeln, vor allem weil Stuttgart und Hamburg dieses Szenario in dieser Zeit (durch Mithilfe des Fußballgottes) erspart geblieben ist.

Fazit

Die Hertha und auch Michael Preetz haben verstanden, dass man Erfolg in der Bundesliga nur haben kann, wenn der Kader durchgehend über eine gewisse Stabilität und eine hohe Qualität verfügt. Die Hertha spielt derzeit konstant, auch der Sieg im DFB-Pokal über Nürnberg lässt die Augen der Hertha-Fans wieder funkeln. Ein Finale zu Hause, das wäre definitiv ein versöhnlicher Abschluss für die letzten fünf Jahre der mentalen Folter. Auch für die Rückrunde lässt die Hertha viel Platz für die Träume der Fans, anders als in den Vorjahren locken Mailand, Manchester und Paris und nicht der Geruch von verbrannten Würstchen eines Sandhausener Holzkohlegrills. Doch sich darauf festzulegen, dass es so kommt, ist genauso tollkühn wie auf den Wetterbericht zu vertrauen.

Facebook-Kommentare