,,Too much of a good thing can be wonderful!“ Dieser Ausspruch stammt von der US-amerikanischen Schauspiellegende Mae West und wird gerne der literarischen Epoche der Décadence zugeordnet. Eine Bewegung in einem Zeitalter, das von Aufbruchsstimmung und Veränderung strotzte: Neue Sphären der Industrialisierung, exponentielles Bevölkerungswachstum und rasende Urbanisierung. In kleineren Verhältnissen gedacht, machte der FC Augsburg vor fünf Jahren eine ähnlich bahnbrechende Veränderung mit: Nach mehr als hundert Jahren Vereinsgeschichte gelang es den Schwaben erstmals, in die Bundesliga aufzusteigen. Während andere Bundesliga-Novizen wie der FC Paderborn mit dem Aufbruch in höhere Gefilde nicht auf Dauer klar kamen – ähnlich den Vertretern der expressionistischen Hauptbewegung, die die Décadence in ihren Schatten stellte – etablierte sich der FC Augsburg und ist mittlerweile ein gestandener Bundesligaverein. Zur Jahrhundertwende 19./20. schafften es die ,,dekandenten“ Zeitgenossen, die neuen Eindrücke saturiert und genussvoll zu verarbeiten. Der FCA hingegen arbeitet seit fünf Jahren hart und sinnvoll an seinem Erfolg – und kommt so letztendlich auch zum Genießen.

 

Momentane Situation

Auch wenn der aktuell zu Buche stehende 13. Tabellenplatz auf den ersten Eindruck nicht den zufriedenstellensten Anblick bieten mag, so ist er doch ein Zeichen dafür, dass die Augsburger ein stabiles Bundesligateam sind, welches variable Herausforderungen zu meistern im Stande ist. Denn: Der Beginn dieser fünften Saison nach dem Aufstieg verlief alles andere als genussvoll. In der abgelaufenen Saison war den Schwaben ein weiterer historischer Coup gelungen, und zwar die vereinsintern erstmalige Qualifizierung für einen internationalen Wettbewerb. Die Mannschaft wurde fast schon verehrt, die Spieler zu Helden deklariert. Sich in den Nachwehen dieses Rausches befindend, startete man in eben genannte neue Saison – und verlor ein Spiel nach dem anderen. Verletzungspech kam hinzu (Hong), die Umstände, dass einer der Heroen nach Londinium abgewandert war (Baba) und neue Mitstreiter sich nicht sofort einzufügen vermochten  (Koo), kam dem nicht zugute. Es war fast, als würde man in expressionistischer Manier die Orientierung verlieren, von den neuen Eindrücken ertränkt werden. Aber die Hauptverantwortlichen um Markus Weinzierl und Stefan Reuter bewiesen, dass dem nicht so ist: Durch und mit ihrer Mannschaft fanden sie zurück in die Spur und holten den Erfolg zurück in die Fuggerstadt. In der Bundesliga, wo man an sieben Spieltagen auf einem direkten Abstiegsplatz stand, ist ein deutlicher Aufwärtstrend bemerkbar, im Pokal schied man im Achtelfinale mit erhobenem Haupt gegen eine starke Dortmunder Mannschaft aus, in der jetzt schon legendären Euro-League Saison klopft der FC Liverpool an die Tür: Es läuft. Wer die Augsburger dafür kritisiert hat, nach dem Weiterkommen in der Euro-League nicht ordentlich auf den Tisch gehauen zu haben (O-Ton 11FREUNDE: ,,fader Beigeschmack), der hat das schwäbische Erfolgsrezept nicht verstanden. Fokussiertes, akribisches Arbeiten sind das Nonplusultra – sonst kann es schnell wieder in die verkehrte Richtung gehen.

Doch wie sah es vor fünf Jahren aus?

Nach Abschluss der Hinrunde 2010/11 stand der FC Augsburg auf dem zweiten Tabellenplatz der 2. Bundesliga, und man sollte sich nicht mehr verschlechtern. Am Ende war es zwar nur das bessere Torverhältnis, das den Schwaben den zweiten Platz und dem VfL Bochum den Relegationsplatz einbrachte, nichtsdestotrotz hatte man eine überragende Saison hinter sich und historisches erreicht. Und zwar dank den Machern Walther Seinsch und Andreas Rettig, die hinter den Kulissen einen maroden Bayernligisten zum Bundesliga-Aufsteiger gemacht hatten. Denn in Augsburg war hervorragende Arbeit geleistet worden, welche sich auch zukünftig noch als erfolgsversprechend herausstellen sollte. Denn statt in Überschwang und Euphorie zu verfallen, blieb man seinem Konzept treu: ,,Ab heute hat der Abstiegskampf begonnen!“ So lauteten die Worte von Andreas Rettig unmittelbar nach Realisierung des Aufstiegs. Aufgeklärter Hedonismus sozusagen.

Höhen und Tiefen der vergangenen Saisons

Welche Tiefen? Diese Frage muss sich stellen, wenn man die letzten fünf Jahre betrachtet. Allein der mit dem 14. Platz vollbrachte Verbleib in der Bundesliga muss als großer Erfolg gewertet werden. Ist der 15. Platz in der darauffolgenden Saison wirklich ein Tief? Relativ gesehen ja, denn von da an ging es unter Regie von Trainer Markus Weinzierl, einer der besten seiner Zunft, permanent bergauf. Platz acht und zuletzt fünf sind ein Zeichen dafür, dass kluge Arbeit und Fachkompetenz, eingebettet in ein ruhiges Umfeld, mittlerweile mehr wert sind als ein großer Name und Erfahrung.

Fazit

Der 5-Jahres-Vergleich des FCA liest sich fast wie ein Märchen, die Autoren sind Walther Seinsch, der den wirtschaftlichen Grundstein legte, sowie Andreas Rettig und Jos Luhukay, die an den sportlichen Stellschrauben drehten und ihr Werk letztendlich an Stefan Reuter und Markus Weinzierl übergaben, welche sich für den Club aus der Fuggerstadt als allemals würdige Verantwortlichen zeigten. Die bis dato niedrige Erwartungshaltung, die zu einem druckfreien, ruhigem Umfeld führt, wo mit der nötigen Kompetenz und einem passenden Konzept sehr viel erreicht werden kann, ist die Erfolgsgrundlage. Aber: Es steht ein Wandel an! Die Partizipation an einem internationalen Wettbewerb sowie konstant gute Ergebnisse in der Bundesliga führen zu veränderten Ansprüchen, auch, weil das Einzugsfeld enorm expandiert. Der Anfang dieser Saison mag eine Warnung gewesen sein, die Verantwortlichen haben sie wohl erkannt. Die weitere Entwicklung wird sehr spannend anzusehen sein, diese Prognose sei mir erlaubt. Um es mit Mae West zu sagen: ,,I always avoid temptation, unless I can’t resist it.“ Hoffentlich ist die einzige Versuchung, der die Augsburger nicht widerstehen können die, dass sie weiterhin durch akribische, zukunftsorientierte Arbeit ihren Erfolgsweg beibehalten. Ohne faden Beigeschmack, ohne jemals saturiert zu sein.

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