Binnen kürzester Zeit hat sich der Argentinier Santiago Ascacíbar zum Publikumsliebling beim einstigen Weltpokalsieger Estudiantes de La Plata entwickelt – und das mit gerade einmal 20 Jahren. In seiner Heimat gilt der defensive Mittelfeldspieler bereits als legitimer Nachfolger der argentinischen Fußballlegende Juan Sebastián Verón. Mit dem Sprung nach Europa will Ascacíbar nun den internationalen Durchbruch schaffen. Und wird den Konkurrenzkampf im Mittelfeld des VfB Stuttgarts gehörig anheizen.

Der Auftritt im Pokal gegen den Regionalligisten Energie Cottbus war erschreckend: Nur mit Mühe konnte der VfB Stuttgart ein blamables Erstrundenaus verhindern, agierte gegen mutig kämpfende Lausitzer viel zu zaghaft und offenbarte in der Rückwärtsbewegung eklatante Abstimmungsprobleme. Der hohen Zweikampfintensität des Regionalligisten hatten die Schwaben über weite Strecken der Partei kaum etwas entgegenzusetzen. Am Ende konnte man sich zwar beim Fußballgott über einen Sieg im Elfmeterschießen bedanken – den Verantwortlichen dürfte spätestens nach dieser Partei dennoch klar gewesen sein, dass nach dem Abgang von Sportchef Jan Schindelmeiser akuter Handlungsbedarf bei der Kaderplanung besteht.

Marktwert mit Explosionsgefahr

Die offene Planungsstelle im defensiven Mittelfeld soll nun durch Santiago Ascacíbar geschlossen werden. Für acht Millionen Euro inklusive aller Nebengeräusche konnte Stuttgarts neuer Sportvorstand Michael Reschke den 20-jährigen Mittelfeldspieler vom argentinischen Erstligisten Estudiantes de La Plata loseisen. Durchaus überraschend – denn der U20-Nationalspieler gilt in seiner Heimat als eines der defensiven Toptalente und hatte bereits in der Vergangenheit das Interesse finanzkräftiger Klubs weltweit auf sich gezogen. Zuletzt scheiterte der russische Tabellenführer Zenit St.Petersburg mit einer Millionenofferte an Estudiantes, dessen Marktwert in den kommenden Monaten explodieren könnte.

Erfahrener Jungspund

Denn der junge Südamerikaner, der nicht einmal 1,70 Meter misst, entwickelte sich binnen kürzester Zeit zu einem Führungsspieler in der argentinischen Primera División, die gemeinhin keineswegs als Operettenliga gilt. Seinem Debut gegen Lanús im Februar 2016 mit gerade einmal 18 Jahren folgten bislang 38 Erstligaspiele, von denen Ascacíbar 36 über die volle Distanz bestritt. Mit zusätzlich über einem halben Dutzend Einsätzen bei der Copa Libertadores und der Copa Sudamericana kann der Defensivspezialist somit bereits einen beeindruckenden Erfahrungsschatz im Profibereich aufweisen und müsste beim VfB keineswegs erst nach und nach an den Lizenzkader herangeführt werden. Wenngleich Spieltempo und -anlage der Bundesliga zunächst gewisse Anpassungsschwierigkeiten mit sich bringen dürften.

Abräumer vor der Abwehr

Sich einer Herausforderung zu stellen und in eine neue, stärkere Liga hineinzukämpfen, entspricht allerdings durchaus dem Naturell Ascacíbars. Der Argentinier, der aufgrund seines Äußeren in seiner Heimat „El Ruso“ („Der Russe“) genannt wird, wird von Beobachtern des südamerikanischen Fußballs vor allem für seinen bedingungslosen Einsatz auf dem Platz geschätzt. Seine kraftvolle Spielweise ist von einer äußerst hohen Laufbereitschaft und Zweikampfstärke im 1-gegen-1 geprägt. Mit zahlreichen Balleroberungen und einer guten Zweikampfquote stellt Ascacíbar den klassischen Typ des Abräumers vor der Abwehr dar. Mit seinem kompromisslosen Auftreten bringt er zudem ein gehöriges Maß an Aggressivität und Härte in das Spiel ein und weckt damit gewisse Assoziationen an den Chilenen Arturo Vidal – ein Spielertypus, welchen man im Kader des VfB bislang noch vergeblich sucht.

Kein Box-to-Box-Player

In der Spieleröffnung zeigt sich Ascacíbar ball- und passsicher ohne zu glänzen. Man erahnt schon nach kurzer Zeit, dass sich der junge Argentinier auf der Secherposition am Wohlsten fühlt. Trotz seiner hohen Laufleistung ist er weniger ein Box-to-Box-Spieler, der auf dem gesamten Platz die Fäden zieht oder das komplette Spiel der eigenen Mannschaft strategisch lenkt. Dennoch ist er auch in der Vorwärtsbewegung präsent, schaltet sich immer wieder in Estudiantes Kurzpassspiel ein oder sucht selbst den Torabschluss aus der Distanz. Man würde ihm entsprechend unrecht tun, Ascacíbar als reinen Zerstörer zu sehen, dessen technische Fertigkeiten sich darauf beschränken, mit einem Schraubenzieher eine Bierflasche zu öffnen.

Überschäumendes Temperament

Wie es sich für einen knüppelharten Spieler seines Kalibers gehört, schießt Ascacíbar allerdings auch gelegentlich über das Ziel hinaus. Elf gelbe Karten in 38 Ligaeinsätzen zeugen einerseits von der Ernsthaftigkeit, mit welcher der Jugendnationalspieler sein tägliches Brot erwirtschaftet. Andererseits sind sie ebenso Beleg für die überschäumende Impulsivität des jungen Talentes, das sich bisweilen auf dem Platz noch zu kopflos verhält. Dieses Verhaltensmuster setzt sich im Stellungs- und Positionsspiel fort: Der Südamerikaner agiert in Zweikämpfen hin und wieder zu gierig, zu ballorientiert, eröffnet so der gegnerischen Mannschaft Lücken für Vorstöße durch das Zentrum. Mit seiner Schnelligkeit schafft er es zwar zumeist, diese Schwächen zu kompensieren. In einer athletischeren Liga könnte er mit diesen Nachlässigkeiten jedoch größere Schwierigkeiten bekommen.

Start mit Handicaps

Beim VfB Stuttgart dürften die Verantwortlichen wohl selbst überrascht sein, ein Talent vom Kaliber Ascacíbars für eine vergleichsweise überschaubare Summe bekommen zu haben. Dabei dürfte den Schwaben in die Karten gespielt haben, dass Ascacíbar bei den olympischen Spielen, wie auch das gesamte argentinische Olympiateam, eine insgesamt enttäuschende Leistung ablieferte und durch das frühe Erstrundenaus das Interesse internationaler Topteams wie Atlético Madrid an dem Argentinier jäh erlosch. Beim VfB wird Ascacíbar nun für entsprechenden Konkurrenzkampf im zentralen Mittelfeld sorgen – stehen mit Christian Gentner, Ebenezer Ofori und dem jungen Talent Dzenis Burnic drei weitere Spieler für den Kampf um die zwei Secherpositionen bereit. Schwer vorstellbar, dass die Schwaben einen Spieler vom Kaliber Ascacíbar als Perspektivkraft verpflichtet haben. Die fehlende Vorbereitung und die Sprachbarriere dürften zunächst zwar zwei gewichtige Handicaps für den Argentinier darstellen. Spätestens nach der Länderspielpause Anfang Oktober wird mit dem 20-jährigen allerdings zu rechnen sein. Und die Frage beantworten, ob er die nötige Portion Aggressivität in das Spiel der Stuttgarter bringen kann.

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