Es ist wohl der Moment, der Fans des gepflegten Boxsports am ehesten den Atem stocken lässt und sie gleichsam elektrisiert. Krachend schlägt die Faust des einen Kämpfers im Gesicht des anderen ein, ehe dessen Gesicht klatschend den Boden des Rings küsst. Das erste Erstaunen transformiert sich in eine schier greifbare Stille, die durch das Anzählen des Schiedsrichters, dessen Arme immer wieder in die Höhe schnellen, durchbrochen wird. Was in 9/10 Fällen in einem Sieg des sich nun schon als Gewinner sehenden Boxers endet, schlägt in Einzelfällen auch ins Gegenteil um: taumelnd berappelt sich der schon fast als Verlierer deklarierte Kontrahent, hängt sich mit schweren Beinen in die Seile. Der Löwenanteil folgt, mit unbändigem Siegeswillen ausgestattet beißt er sich zurück ins Match und dreht den Kampf noch zu seinen Gunsten. Auch Christoph Kramer sah sich im Duell gegen den Argentinier Ezequiel Garay ausgeknockt – am Ende gewann er trotzdem den Schwergewichtstitel in seinem ersten WM Kampf. Doch der Moment des Taumelns, des Angezähltseins ist jeher eine passende Metapher für Kramers Post-WM Saison in Leverkusen und die erste Hälfte der aktuellen Spielzeit an alter Wirkungsstätte – zur Winterpause wurde die Uhr der Punktrichter von Transferkritiker jedoch wieder auf Null gesetzt und wir analysieren den Kampf des Kramers in voller Länge.

Irrungen eines Weltmeisters

Vor der Saison habe ich den Wechsel Kramers zurück nach Gladbach als eine Ansage bezeichnet. Rückennummer 6, 15 Millionen Ablösesumme, Xhakas Ex-Partner und designierter Nachfolger zugleich. Die Boxhandschuhe, in die Kramer schlüpfen sollte, waren groß – und die Verwirrung des zentralen Mittelfeldspielers ebenfalls. Hatte Favre eher auf polyvalente Spieler gesetzt, forderte André Schubert von der Mannschaft als Ganzes Polyvalenz: mehrere Spielsysteme sollten in neu-modischer Tuchelmanier passgenau auf die jeweilige Spielsituation angewendet werde. Die Folge: Überforderung des Teams, unklare Laufwege, fehlende Automatismen aufgrund hoher Rotation und eine der katastrophalsten Defensiven der Liga. Dies lag nicht zuletzt an dem Schubert’schen 3-5-2, welches vorsah, dass Kramer als abkippender Sechser oft den Libero gab und sich zwischen die drei Innenverteidiger fallen lassen sollte. Fehlender Zugriff in der Zentrale des Mittelfeldes und eine konfus wirkende Abwehrreihe hieß das Resümee über weite Teile der Hinrunde, die ja nicht zuletzt im Abstiegskampf und der „einvernehmlichen Trennung“ von Schubert mündete.

Pokalkönig und Hobby-Held Dieter HecKING übernahm das Zepter zur Rückrunde und verschrieb der Mannschaft erstmal eine gehörige Priese Stabilität. Das 4-4-2 wurde aus der Mottenkiste geholt, Kramer fand sich plötzlich in gewohnter Rolle der Weltmeistersaison wieder. Seither klappt die Abstimmung mit Nebenmann und Pirouettenkünstler Mo Dahoud zunehmend besser, beide verteidigen gemeinsam und verschieben die Positionen gekonnt. Kramer steht neben Kapitän Lars Stindl wie kein zweiter für den langen Atem und die neugewonnene Frische der Fohlen.

Ein Kramer muss tun, was ein Kramer tun muss

So oder so ähnlich kann man sich Dieter Heckings Ansprach an Kramer wohl vorstellen. Junge, besinn dich endlich wieder auf deine Stärken! Und die Worte scheinen Früchte zu tragen: wie die gesamte Mannschaft, zeigt auch der Mittelfeldmann wieder, was er kann. Laufen, Räume zustellen, Zweikämpfe gewinnen, Antreiben. Wie wildgewordene Menschen am Wühltisch nach dem passenden Kleidungsstück suchen, so jagt Kramer gezielt den Ball – ja, im Ruhrgebiet würde man sagen er „kramt“. Mit dieser auf den Fußball bezogenen Neuschöpfung kann man seine Spielweise gut beschreiben. Das umtriebige Zulaufen des Gegenspielers, welches diesen in Zweikämpfe verwickelt, um ihm dann in einer Manier, die an das altbekannte „Stochern“ erinnert, den Ball abzuknöpfen. Kramer, von der physischen Beschaffenheit ein ähnlicher Körperklaus wie der Münchener Thomas Müller, atmet mit seinem komischen Körper, bei dem die Lunge etwas zu groß geraten zu sein scheint, wieder so viele Bälle weg, wie sonst nur Pärchen an Karneval beim Apfelsinentanz.

Gerne belächelt der gemeine Fan einen Spieler wie Kramer. Unglückliche Figur im WM Finale, in Leverkusen außer Tritt gekommen, durchwachsene Leistungen bei seiner Rückkehr in den Fohlenstall. Und doch beweist Kramer seither vor allem eins: Nehmerqualitäten. Wo sein ehemaliger, kongenialer Partner Granit Xhaka hingelangt hat, zeichnet sich Kramer vor allem dadurch aus, dass er einstecken kann. Sowohl mental als auch körperlich präsentiert sich der Box-to-Box Player in einer Verfassung, die ihn zu einem unheimlich wichtigen Puzzlestück für die Gladbacher Mannschaft werden lässt. Kramer ist hart im nehmen und nimmt gerne den Ball an sich, um ihn mit raumgreifenden Schritten nach vorne zu tragen. In der Hinrunde schon als Mr. Horizontalpass bezeichnet, entdeckt Kramer in seinem Passspiel verstärkt die Vertikalität für sich. Dies ist eben jene Qualität, die man seit dem Abgang Xhakas so schmerzlich vermisst: ein Dirigent im Mittelfeld, der die Fäden von hinten heraus zieht und das Mittelfeld mit langen Bällen geschickt überbrückt. Klar, Kramer wird vom Spielertypus her kein Xhaka mehr, aber er eignet sich einiges an, was das Gladbacher Spiel belebt. Dieser Willen, an sich zu arbeiten und sich nicht nur aus dem persönlichen sportlichen Tief zu beißen, sondern auch seine Spielweise an die Bedürfnisse der Mannschaft anzupassen, tut nicht nur Kramer, sondern dem gesamten Team gut.

Der schlafende Riese

Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Kramer kam mit hohen Vorschusslorbeeren aus seinen zwei Jahren im Verein und etwas gebeutelt aus Leverkusen quasi als verlorener Sohn zurück. Hinzu kommt, dass Max Eberl eigentlich kein Freund solcher Rückholaktionen ist. Die Personalie Kramer scheint jedoch eine Herzensangelegenheit zu sein, die auf Gegenseitigkeit beruht: er ist gekommen, um zu bleiben und bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die systemische Stabilität hat Kramer dabei geholfen, wieder zu alter Stärke zurückzufinden; dass er in der aktuellen Form für fast jedes Team der Bundesliga eine Bereicherung wäre, steht außer Frage. Langfristig gesehen, muss Kramer es nun schaffen, saisonübergreifende Konstanz in seine Leistungen zu bringen. Aus dem taumelnden ist wieder ein schlafender Riese geworden, der so langsam wach gekitzelt wird.

Hierzu gehört wohl auch, dass er sich ab der kommenden Saison an einen neuen Partner im Zentrum gewöhnen muss, ein Abgang Dahouds scheint wahrscheinlich. Rückt er eins weiter nach vorne und gibt den modernen Achter und verpflichtet man einen defensivorientierten Spielmacher a la Xhaka? Oder mimt Kramer weiter den Part, den er jetzt inne hat und man kauft einen zweiten Dahoud? Diese Fragen können zum jetzigen Zeitpunkt nur Dieter Hecking und Max Eberl beantworten. Die positiven Partien zu Anfang der Saison haben jedoch gezeigt, dass ein Duo Kramer/Strobl ebenfalls durchaus funktionieren kann. Vorstellbar ist derzeit sogar ein Karriereende bei der Borussia. Kramer weiß, was er in Gladbach hat und Gladbach wiederum schätzt den Mann mit den Nehmerqualitäten.

 

Facebook-Kommentare