Sie haben die Funktionen eines Lastverteilers, Bremsklotzes, Stoßdämpfers und Stabilisators und befinden sich zwischen Tibia und Femur, um am Knie das reibungslose Zusammenspiel der beiden größten Beinknochen und damit auch die reibungslose Funktion der unteren Extremitäten zu ermöglichen. Gar nicht so unwichtig für einen Fußballspieler, diese Menisken. Und doch müssen Fußballer relativ häufig mit Beschädigungen der elastischen Knorpelscheiben kämpfen, wie jetzt auch Joao Costa – dabei verlief die Karriere des Portugiesen doch bisher so reibungslos wie ein Mustermeniskus. Costa stand vor dem Sprung in den Profikader des FC Porto, jetzt ist sein Meniskus lädiert – und zeigt, wie sensibel die Karrieren von jungen Spielern sind.

Musterdrache

Auf der offiziellen Website des FC Porto heißt es, Joao Costa gelte als das Vorbild schlechthin für die jungen Kicker der Dragon Force, so der Name der Jugendkonzeptteams in Porto. Der Torhüter, im Alter von acht Jahren von Os Andorinhas zu den Dragones gekommen, durchlief in mittlerweile 13 Jahren alle Jugendmannschaften des Vereins. Und: Er gewann in jeder Altersklasse den jeweiligen Meistertitel, 2015/16 sogar den der zweiten Liga mit Porto B, eine bemerkenswerte Errungenschaft. Der Hausjournalist folgert also auf Portos Website : ,,This means he only needs the title of senior national champion to get all the titles.“ Nachvollziehbares Fazit, dem Costa auch liebend gerne nachkommen wird. Das Problem: So ein Meniskusschaden kann sich zu einer ziemlich langwierigen Geschichte ausdehnen, Costa, am zweiten Februar 21 geworden, wird nicht mehr ewig bei Porto B spielen wollen, und: Er ist ja nicht der einzige junge Torwart im Verein. Der Konkurrenz kommt’s zu Gute, wenn sich der Hauptanwärter verletzt, so böse es klingt.
Die Verletzung kommt also zur besonderen Ungunst in Costas Fall, stoppt seinen Sprung in höhere Sphären mitten in der Flugbahn. Auch die Nationalmannschaftskarriere leidet darunter. Bisher hatte Costa von der U15 bis zur U20 in jedem Team seine Einsätze bekommen, wartete auf eine Berufung in die U21, die wohl auch gekommen wäre. So leider nicht.
Wird man Joao Costa zukünftig als tragisch gescheitertes Talent sehen müssen? Nein. Das beste Torwartalter steht Costa noch bevor, und auch über die längere Verletzungsperiode wird er wohl kaum sein Talent verlieren. Es hat schließlich seinen Grund, weshalb der Schlussmann eine so titelgeschmückte Karriere vorweisen kann:

Fallender Magnet

,,Es wird gezeigt, dass bei kondensierter Materie die Gravitationskraft bei jedem Atom den elektrischen Schwerpunkt der äußeren Elektronenhülle und das übriggebliebene positive Ion zueinander ein wenig verschiebt, infolge der Drehbewegung eines Himmelskörpers tritt demzufolge zwangsläufig ein magnetisches Feld auf.“ Schon wieder ein Zitat, dieses Mal aber nicht vom Porto-Hausjournalisten, sondern vielmehr von Th. Neugebauer aus dem physikalischen Institut der Universität Budapest. Beim Leser wirft sich hier unweigerlich die Frage nach dem Zusammenhang auf – bitteschön: Als Torwart fällt Joao Costa kaum durch seinen Spielstil auf, der nichts besonderes ist. Costa ist im Spiel mit dem Ball und im Herauslaufen, zwei Dinge, mit denen man Torhüter recht offensichtlich grob einordnen kann, durchschnittlich. Weder ist er ein überragender oder schlechter Fußballer, noch klebt er immerzu auf der Linie oder provoziert mit häufigem Herauslaufen. Was aber durchaus auffällt und, nebenbei gesagt, mit ein Grund dafür war, dass Costa heute in Augenschein genommen wird: Sein Fang- und Abwehrverhalten von Bällen, vor allem auf der Linie. Costa, so hat es den Anschein, ist in diesen Situationen wie fremdgesteuert. Kommt ein Ball auf sein Tor geflogen, verharrt er sehr lang an Ort und Stelle, fällt aber dann langsam in Richtung des Balles, um dessen Flugbahn fast immer zielgenau auf Höhe der Arme beziehungsweise des Oberkörpers zu treffen und abzuwehren. Während der Großteil anderer Keeper die günstige Stelle zum Ball per Seitschritten justiert und sich bei platzierten beziehungsweise überraschenden Sprüngen hechtet, also bewusst in Richtung des Balles abspringt und so sehr dynamisch wirkende Situationen erschafft, scheint Costa mit den Füßen fast auf der Linie zu kleben und dann die Schwerkraft walten zu lassen. Er springt nicht, er fällt schlicht um. (Natürlich nur bei Bällen, die ohne Sprung zu erreichen sind – seine Statik und außerordentliche Gelassen- und Selbstsicherheit, die damit einhergeht, ist aber sehr bemerkenswert.) Aber: Er ist damit nicht zu langsam oder leicht ausrechenbar, sondern auf der Linie sehr gut. Oft wirkt es, als sei in seinen Handschuhen ein Magnet eingebaut, der das runde Leder anzieht – wer Costa spielen sieht, wird verstehen, was gemeint ist. Zurück zu Neugebauer nach Budapest: Das Zitat fasst grob und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit den physikalischen Zusammenhang zwischen Gravitation und Magnetismus zusammen. Zwei Dinge, die einem bei Joao Costas Torwartspiel unweigerlich in den Sinn kommen. Joao Costa ist als Mensch schon als kondensierte Marterie zu betrachten, der Zusammenhang mit rotierenden Himmelskörpern und Atomphysik aber dimensional und zeitlich ein wenig abstrus, zugegeben. Wie dem auch sei, Joao Costa wird’s herzlich wenig interessieren. Spannender ist dann, wie es mit dem jungen Mann aus Portugal weitergeht.

Genesungsgeschwindigkeit ausschlaggebend

Die Entwicklung des Keepers hängt wohl voll und ganz davon ab, wie schnell sich Costa von seinem Meniskusschaden erholt, und wie schnell er dann wieder Konstanz in sein Torwartspiel bringen können wird. Hier ist natürlich auch maßgeblich entscheidend, ob Costa die notwendige Unterstützung seines Trainers António Folha haben wird. Seine Konkurrenz innerhalb von Portos Zweiten ist groß, zumindest quantitativ. Der zuletzt ausgeliehene Mexikaner Gudino ist sein größter Konkurrent, absolut nicht zu unterschätzen sind aber auch Mo Mbaye und Namensvetter Diogo Costa (19 und 17 Jahre alt), die aus der eigenen U19 nachrücken und auf Einsätze pochen werden. Geht es womöglich gleich in der ersten Mannschaft weiter? Iker Casillas wird es nicht mehr allzu lange machen, ansonsten steht da nur Josue Sá im Kader, 24 Jahre, auch aus der zweiten Mannschaft. Bei diesem Duell sollte Joao Costa die Nase qualitativ vorne haben, womit es eigentlich nicht schlecht aussieht. Aber, und das darf man nicht vergessen: Costa ist verletzt, seine Rückkehr ungewiss. Schwer vorstellbar, dass Porto auf seiner Position nicht nachrüsten wird. Es bleibt festzuhalten, dass Costas Meniskus im Moment ausschließlich seiner Bremsklotz-Funktion nachkommt und in der Karriere des jungen Portugiesen aktuell Reibung in rauen Mengen garantiert.

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