,,Von Chelsea geträumt, in Schweinfurt aufgewacht“ – so wird eines der Interviews mit Sebastian Kneissl der letzten Jahre betitelt. Wir wollen das nicht machen, denn TK hat Kneissl in seinem Büro in Heimstetten getroffen und kann sagen: Sebastian Kneissl träumt nicht, sondern brennt für seine Sache. Im Gespräch erzählt er viel, er gestikuliert und lacht und hinterlässt den Eindruck, als ob er auf noch zwei weitere Stunden Interview Lust hätte. Im Wortlaut protokolliert hat die Unterhaltung über sechs Seiten Platz gebraucht – Sebastian Kneissl hat im Nachhinhein nochmal viel umformuliert und strukturiert, um seine Message am effektivsten näher zu bringen.
Lest unten selbst: Vom ,,nächsten Lothar Matthäus“, der keine Lust auf Profifußball hatte und jetzt eine Mission hat.

 

Transferkritiker:  Sebastian, deine Karriere ist wohl nicht ansatzweise mit der eines anderen Fußballprofis vergleichbar. In den sozialen Netzwerken sprichst du gerne von starken Begriffen wie Bewusstsein, Energie oder Überzeugung. Welche Begriffe waren in deiner Karriere als Fußballer und in der Laufbahn bis hierher die entschiedensten Faktoren?

Sebastian Kneißl: Damals habe ich mich nicht mit diesen Begriffen auseinandergesetzt.  Als Spieler in der damaligen Zeit hast du wenig über Mentaltraining, Persönlichkeitsentwicklung, Zielfindung, Stressmanagement, Resilienz nachgedacht. Denn erstens war ich mit 17 Jahren noch sehr jung und zweitens war ich in meiner „eigenen Welt“.  Aufgrund meines sehr frühen Wechsels war der Medienrummel doch recht groß.  Ich war plötzlich in einer Blase. In meiner eigenen Fußball-Profi-Blase. Dort war eigentlich alles nur total spannend. Ich musste erstmal all diese Eindrücke verarbeiten, sie in eine passende Schublade packen. Ab und an bin ich gar nicht mit dem Einsortieren nachgekommen. Als ich noch zu Hause lebte, achtete natürlich meine Familie drauf, dass ich „normal“ bleibe. In London war ich dann auf mich alleine gestellt. Mit 18 ein eigenes Haus, ein teures Auto, gutes Einkommen und so weiter. Manchmal wachte ich morgens auf und musste mich erstmal kneifen. Es war alles so surreal. An anderen Tagen nahm ich „alles“ als selbstverständlich. Rückblickend wäre es gut gewesen, wenn jemand an meiner Seite gewesen wäre, der mir Hilfestellungen gegeben hätte.
,,Hey, bist du dir überhaupt bewusst was gerade los ist? Wie viele Millionen Menschen hätten gerne einen Vertrag bei Chelsea!?“
Ich war immer dankbar. Das hat man immer an meiner Loyalität erkennen können, ich habe die Vereine immer gut repräsentiert.
Aber es wäre mehr drin gewesen. Als Fußballer und als junger Mensch. Ich habe mein bestmögliches für meine Mannschaften gegeben, Tore geschossen und vorbereitet. Ok, als Kilometerfresser war ich noch nie bekannt (lacht).
Mit meinem jetzigen Wissen fühle ich mich jedoch etwas schuldig. Schuldig, den Vereinen und Fans gegenüber. Ich hätte noch mehr aus mir holen können.

,, Ich habe angefangen, mich mit Lothar zu vergleichen“

Auf Wikipedia kann man lesen, dass du einmal als eines der vielversprechendsten Nachwuchstalente überhaupt gegolten hast….

Ich wurde sogar in der SportBild als ,,der nächste Lothar Matthäus“ betitelt. (lacht).  Diese Ausgabe liegt natürlich heute noch bei mir zu Hause. Auf der einen Seite schmeichelte es mir, als eines der größten Talente gehandelt zu werden. Allerdings: Durch die Aufmerksamkeit der Medien rückst du automatisch als total unbekannter Kicker in den Fokus von sehr vielen Fußballfans. Vor dem Medienrummel war die Denkweise oft: ,,Das ist ein junger, guter Spieler. Schauen wir mal wie er sich entwickelt.“ Mit dem Medienhype änderte sich die Stimmung:„Wir erwarten konstant gute Leistungen. Er ist jetzt eine unserer Zukunftshoffnungen.“ Ich habe selbst angefangen, mich mit Lothar zu vergleichen. Eigentlich unglaublich, denn es sind komplett unterschiedliche Voraussetzungen und Persönlichkeiten. Durch den Anstieg dieser Ansprüche, stieg automatisch der unterbewusste Druck.

Du hast bei Chelsea gespielt, der Durchbruch ist dir aber dort verwehrt geblieben, deine Profikarriere hast du früh beendet. Jetzt bist du Unternehmer und Mental-Mentor – wenn du etwas ändern könntest: Würdest du dich zum etablierten Spieler bei Chelsea machen und dich zum langjährigen Fußballprofi?

Ich habe meine Zeit als Profi analysiert. Hier ein Beispiel aus meiner Chelsea-Zeit: Vorbereitung unter Jose Mourinho in der Saison 2004/2005. Wir haben zwei Mal am Tag trainiert. Zwischen den Einheiten sind alle Spieler ins Hotel nebenan gegangen, um sich für 1-2 Stunden zu erholen. Spieler wie John Terry, Frank Lampard usw.. waren im Bett und schliefen. Und was macht Sebastian Kneissl? Er sitzt da, hat sein Notepad dabei und schreibt alles auf. Aber nicht, was er selbst gut oder hätte besser machen können. Nein – er analysierte José Mourinho. Was ist er für ein Typ? Warum ist er so spannend? Wie verhält er sich auf dem Platz? Was ist so Besonders an ihm? Das heißt: Ich habe mich nicht mit mir selbst, sondern mit den Anderen beschäftigt. Was mir zeigt, dass ich nicht das richtige Bewusstsein hatte. Nicht den richtigen Fokus.
Im Nachhinein bin ich sehr dankbar für die Erfahrung, die ich machen durfte. Ich glaube jedoch daran, dass alles seinen Grund hat. Nichts passiert einfach so.

Was würdest du heute dem jungen Sebastian Kneissl raten, der am Anfang seiner Karriere steht?

Beschäftige dich mit dir Selbst und arbeite mit einem Mentaltrainer!! Ich bin ein Mann der Praxis. Habe die Höhen und brutale Tiefen kennengelernt. Aus diesem Grund habe ich mich über Jahre intensiv mit Persönlichkeitsentwicklung, Mentaltraining, Motivation, Stressmanagement, Resilienz beschäftigt und ausbilden lassen. Mittlerweile arbeite ich mit Unternehmen, Vereinen und Einzelsportlern aus allen Alters- und Leistungsklassen zusammen. Ich bin der Meinung, dass die obengenannten Themen sehr wichtig sind. Wir leben in einem sehr schnelllebigen und anspruchsvollen Zeitalter. Wichtige Fragen für einen Spieler sollten sein: Was sind meine Stärken?  Was ist mein Ziel? Wie realisiere ich mein Ziel? Das sind ganz elementare Dinge, die leider selten detailliert ausgearbeitet werden. Wenn ein Spieler diese Fragen klar und deutliche beantworten kann, ist er den meisten Spielern einen großen Schritt voraus.

Wenn man als junger Spieler wie du neben Stars spielt: Was lernt man für das Leben neben dem Platz?

Voraussetzung ist, dass man genau hinschaut und lernen will. Ich „durfte“ mit 17 – trotz Profivertrag– die Schuhe von zwei Spielern der ersten Mannschaft putzen. Das war eine Bedingung, ,,Teil der Ausbildung“ zum Fußballprofi in England. Ich hatte damals Albert Ferrer und Marcel Desailly. Ja, Marcel Desailly – Welt- und Europameister. Ein Topstar mit einer sehr beeindruckenden Ausstrahlung. Von Marcel habe ich gelernt, was es bedeutet ein Profi zu sein. Einfach ausgedrückt – Sich um andere zu kümmern! Wie er sich um andere gekümmert hat, war beeindruckend. Er hat sich immer hintenangestellt und seine Augen waren überall. Bei der ersten Mannschaft, beim „Reserve-Team“ (U-23) und der U-19. Alle 3 Mannschaften trainierten zeitgleich nebeneinander. Und wenn irgendetwas vorgefallen war – hat er es gesehen. Du sitzt mit ihm beim Mittagessen in der Kantine und auf einmal fragt er:,,Hey, bei euch ist die Situation passiert, was war denn da? Hey, euer Spiel lief so und so am Wochenende, wie war deine Leistung?“ Meine ganze Message hinter dem Ganzen steckt in einem Satz, welchen ich von einem meinen Mentoren aufgeschnappt habe: ,,Hilf Anderen, erfolgreich zu sein, dann wirst du automatisch auch erfolgreich.“

Worauf konzentrierst du dich im Moment mehr: Auf deine Trainervermittlungsagentur Your Coaches oder auf dich als Mental-Mentor?

Eigentlich auf meine eigene Entwicklung. (lacht)
Das Mental-Mentoring ist klar mein Fokus. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, Menschen dabei zu unterstützen ihr Leistungspotenzial optimal entfalten zu können.

,,Wie ein Stück Fleisch behandelt zu werden, ist eigentlich kein Teil der glamourösen Fußball-Szene“

Bei TRANSFERKRITIKER geht es ja vor allem um Fußballtransfers: Ein Mechanismus, den du in deiner Karriere ja auch oft erlebt hast. Wie viel durftest du als Spieler mitreden, als du beispielsweise von Chelsea an Dundee verliehen wurdest?

Ich war in der glücklichen Lage war, meist selbst zu entscheiden. Natürlich wurde mir bei Chelsea im Alter von 22 Jahren nahegelegt, einen anderen Verein zu suchen, da sie mit jungen Talenten arbeiten müssten. Alle anderen Wechsel waren recht entspannt und einvernehmlich. Ich habe jedoch von einigen ehemaligen Mitspielern Wechsel miterlebt, die nicht schön wären. Wie ein Stück Fleisch behandelt zu werden, ist eigentlich kein Teil der glamourösen Fußball-Szene. Sie hatten absolut kein Mitspracherecht.
Und wen wundert´s, beim neuen Verein haben sie keine Leistung bringen können.

Du sprichst gerne davon, dass man sich – egal wann, egal wer – immer wieder aufs Neue verkaufen muss und auch will. Hierfür muss man die Menschen, mit denen man interagiert, gut kennen. Kann es sein, dass Transferflops auch deshalb geschehen, weil die beiden Parteien zu wenig in ein Kennenlernen investiert haben? Ist das vielleicht sogar ein Hauptgrund?

Es ist tatsächlich so, dass bei Transfers viele andere Dinge wichtiger sind als das Zwischenmenschliche. Man hört sehr oft: „Es wurden Gespräche geführt. Der Spieler passt charakterlich in die Mannschaft.“ Es ist wie in einer Liebes-Beziehung: Die Anfangsmomente sind immer sensationell. Man zeigt sich nur von seiner besten Seite – beide Seiten. Als Spieler willst du bei einem guten Verein spielen und viel Geld verdienen. Der Verein möchte den guten Spieler verpflichten und für sich gewinnen. Beide Seiten verkaufen sich von ihrer besten Seite. Das, was nicht so gut ist, wird unter den Teppich gekehrt. Es gibt aber manche Trainer, die sich vor einer Verpflichtung tatsächlich drei, vier, fünf Mal mit einem Spieler treffen. Sie bereiten diese Gespräche sogar vor. Die Art und Weise, wie sie mit den Spielern reden. In welche Situationen sie die Spieler bringen wollen, auch in Stresssituationen. Erst dann erkennst du, wie der Spieler „tickt“. Das machen zwei, drei Trainer in der Bundesliga sehr clever. Diese Trainer legen eigentlich ausschließlich Wert auf die Persönlichkeit, weil sie wissen: Wenn der Spieler schon interessant für unseren Verein ist, dann kann er bereits gut Kicken! Und selbst wenn er das eine Prozent noch nicht kann, das hole ich aus ihm raus, weil ich ihn verstehe! Weil ich weiß, wie er tickt! Ein Wechsel hängt nicht nur an der Ablösesumme und dem Gehalt.
Fazit: Es gibt vereinzelte Trainer, die die Persönlichkeit in den Vordergrund rücken und sich mehr Zeit nehmen, den Spieler kennenzulernen. Dieser Prozess dauert etwas länger, ist dafür allerdings auch etwas sicherer.

,,Ein Wechsel hängt nicht nur an der Ablösesumme und dem Gehalt! Zwei, drei Bundesligatrainer machen das sehr clever“

Wie schafft man es, dass grundlegende und humane Dinge wie das Kennenlernen und Austausch auf persönlicher Ebene in einer Branche, in der das Geld immer mehr in den Vordergrund rückt, nicht zu kurz kommen zu lassen? Lässt sich das überhaupt vereinen?

Ein eindeutiges Ja! Aus einem Grund: Das investierte Geld soll sich doch vermehren. Entweder soll der Spieler den Verein in die nächste Liga schießen oder von einem Topclub gekauft werden. Oder beides. Aus diesem Grund sollte mehr Zeit und Aufwand in das Kennenlernen gesteckt werden. Es ist nur die Frage, ob die Vereine das auch wollen.

In einem Interview hast du einmal gesagt, dass du im Bereich der mentalen Stärke in Deutschland eine positive Entwicklung sehen kannst. Auch im Profifußball? Welcher Trainer beeindruckt dich denn da am meisten?

Sowohl im Profi- sowie Amateurfußball ist eine tolle Entwicklung zu erkennen. Ich arbeite sogar mit Vereinen aus Kreisklassen zusammen. Da gibt es viele Beispiele, was mentale Stärke ausmacht. Allen voran das „Finale dahoam“.  Bayern verliert das Finale im eigenen Stadion gegen Chelsea. Und was passiert in der folgenden Saison? Sie stehen einfach auf, wachsen an der Erfahrung und gewinnen das CL-Finale. Das ist mentale Stärke. Mittlerweile sind auch viele Trainer offener für dieses Thema. Ein intelligenter Trainer weiß, dass er kein Experte in allen Bereichen sein kann. Er holt sich Experten ins Team. Von einer ganz speziellen Sparte würde ich mir mehr Offenheit wünschen. Den Spielerberatern. Sie sollten doch sehr daran interessiert sein, dass ihre Klienten noch wertvoller werden. Wie gesagt, ich bin ein Mann der Praxis. Mein Berater hätte sich damals gewünscht, ich wäre mental stärker gewesen.

Kann man so etwas wie Leaderqualitäten lernen? Welche Hierarchiebenen sind denn in Profiteams am geläufigsten?

Ich glaube, dass du von Natur aus ein Talent zur Leaderqualität mitgegeben bekommst. Du brauchst ein Talent, um Leute führen zu können. Natürlich musst du es auch wollen. Ein Beispiel für mich als Außenstehender: Benni Höwedes kann auf Schalke sein Leistungspotenzial nicht entfalten, weil er eventuell gar kein Kapitän sein möchte! Er muss in diese Rolle schlüpfen. Natürlich ist es auch eine Ehre Kapitän zu sein, doch vermutlich würde er sich wohler fühlen, wenn er – wie in der Nationalmannschaft – „einfach“ nur seine Arbeit machen kann und Teil der Mannschaft ist.
Also: Leaderqualitäten hat man von Natur aus oder eben nicht. Natürlich kann man einen gewissen Teil auch lernen, man kann sich Wissen aneignen, man kann alles optimieren – aber das Talent muss einem die Natur dafür mitgegeben haben. Bei den Hierarchieebenen kann ich nur aus meiner eigenen Zeit sprechen, die eine Ewigkeit her ist (lacht).  Ich bin ein Freund von klaren Hierarchien. Siehe Leaderqualitäten. Nicht jeder hat die Qualität, in einer schwierigen Situation die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn man nun zu viele Menschen entscheiden lässt, kommt man schnell in Schwierigkeiten. Auch wenn es jetzt ein abgedroschenes Sprichwort ist, es stimmt: Zu viele Köche verderben den Brei!

,,Mentales Training sollte ein wichtiger Bestandteil der täglichen Routine sein.“

Abschließend: Welche Ambitionen hast du denn selbst als Trainer?

Spannende Frage. Hmm. Ich bin ja aktuell Trainer und sehr dankbar, dass ich mit diesen Männern arbeiten darf. Das ist Fußball „at its purest“. Da ist keiner dabei, der sagt: „Ich will viel Geld verdienen“. Sondern da sind Jungs dabei, die ihre Schichten verlegen, damit sie zum Training kommen können! Und das ist Fußball, wie er mir Spaß macht. Absolute Leidenschaft. Diese Kerle lieben einfach dieses Spiel. Aktuell würde ich sagen: Ich möchte kein Bundesligatrainer werden, das interessiert mich nicht. Was mich reizt: Bundesligavereine- und spieler mit meiner Arbeit als Mental- und Motivationstrainer zu unterstützen. Bestes Beispiel: Marcel Risse vom 1.FC Köln. Hast du das mitbekommen?

Habe ich gesehen.

Er hat in einem Interview verraten, dass er seit geraumer Zeit mit einem Mentaltrainer zusammenarbeitet. Diese Zusammenarbeit sei ausschlaggebend für seinen jetzigen Erfolg.  Mentales Training sollte ein wichtiger Bestandteil der täglichen Routine sein.

Facebook-Kommentare